Stolberg - Die Steinmetze trauern um ihre Grabsteine

Die Steinmetze trauern um ihre Grabsteine

Von: Lars Brepols
Letzte Aktualisierung:
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Blickt in eine ungewisse Zukunft: Jürgen Graaf, Steinmetzmeister aus Stolberg, inmitten unpräparierter Grabsteine. Um konkurrenzfähig zu bleiben, hat er seine Angebotspalette mittlerweile erweitert. Foto: L.Brepols

Stolberg. Seelenruhig lässt Michael Schüller die Maschine über den Grabstein kreisen. Ein ohrenbetäubendes Wummern schallt durch die kleine Halle. Der Geselle des Steinmetzbetriebs „Graaf” aus Stolberg muss nur noch die beiden letzten Buchstaben gravieren, dann ist auch die vierte bestellte Grabsteinplatte für den heutigen Tag fertig.

„Das ist der neue Trend. Eine schlichte Platte, ganz nach amerikanischem Vorbild”, sagt Jürgen Graaf, Inhaber des kleinen Betriebs am Schellerweg.

Vor acht Jahren hat der Steinmetzmeister die Geschäfte von seinem Vater übernommen. Seit dieser Zeit hat sich viel verändert, nicht unbedingt zum Vorteil für Jürgen Graaf und die vielen Steinmetzbetriebe aus der Region.

Ein neues, anderes Kaufverhalten bei Bestattungen stimmt nicht nur Jürgen Graaf nachdenklich. „In der Gesellschaft hat eine Werteveverschiebung stattgefunden”, sagt der 37-Jährige, „der Grabstein bedeutet den Menschen heutzutage nicht mehr so viel.”

Nach Inkrafttreten des neuen Bestattungsgesetzes in NRW beerdigen viele Bürger ihre Angehörigen anonym oder nur noch mit einfachen Einheitsgrabsteinen.

Dies führt zu einem Rückgang der traditionellen Trauerkultur. Ein herber Schlag für die Steinmetzbetriebe, denn viele sehen dadurch ihre Existenz in ernsthafter Gefahr.

Jürgen Graaf hat zwei Erklärungen für den Wandel: Zum einen würden die Versicherungen kein Sterbegeld mehr zahlen und zum anderen gäbe es eine generelle Tendenz zur Anonymisierung.

„Zum Teil wissen viele Menschen doch gar nicht mehr, wer eigentlich im Nachbarhaus lebt”, hat Graaf über die Jahre festgestellt.

In Stolberg mache zudem eine Besonderheit die anonyme Bestattung attraktiv. „Nur hier in Stolberg wissen die Angehörigen, an welcher Stelle die Urne beigesetzt wurde”, sagt Graaf. Viele würden daher Blumen oder Grableuchten auf die Bestattungsfelder legen, um so gebührend Abschied nehmen zu können.

Graaf sieht darin insgesamt eine „traurige Entwicklung”, möchte jedoch keinesfalls die Menschen wegen ihrer Entscheidung verurteilen. „Wenn jemand stirbt, prasselt unglaublich viel auf die nächsten Angehörigen ein”, erklärt Graaf, „viele entscheiden sich dann spontan für die kostengünstigste Lösung, auch, weil ihnen aus finanziellen Gründen die Hände gebunden sind.” Schon heutzutage würden in Stolberg etwa 75 Prozent die anonyme Urnenbestattung vorziehen.

Prognosen für die Zukunft möchte Graaf, angesichts der bedenklichen Entwicklung für die Steinmetze, jedoch nicht abgeben. Dennoch verschweigt auch er nicht, dass ihm die Zukunft gewisse Sorgen bereitet.

„Der klassische Grabsteinbetrieb funktioniert in so einer kleinen Stadt wie Stolberg einfach nicht mehr”, meint Graaf, der daher seine Angebotspalette erweitert hat, um auch künftig konkurrenzfähig bleiben zu können. Spezialanfertigungen aus Marmor - speziell für das Badezimmer - machen mittlerweile einen Großteil seines Umsatzes aus.

Im Gegensatz zu Grabsteinen könne man mit Küchen noch so richtig auftrumpfen - ähnlich wie mit einem neuen Auto, erklärt Graaf sein neues Verkaufskonzept.

„Mein Vater musste sich seinerzeit über solche Dinge keine Gedanken machen, aber ich möchte noch 30 Jahre in meinem Beruf arbeiten”, verdeutlicht Jürgen Graaf.
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