Die Qual der Wahl kann entscheidend sein

Von: Jürgen Lange
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Wohin im Notfall? Linkerhand
Wohin im Notfall? Linkerhand im Türmchen des „Bethlehem” ist die Ambulanz der niedergelassenen Ärzte untergebracht. Sie sollte der erste Anlaufpunkt sein. In die Notfallambulanz des Krankenhauses wird man per Überweisung oder Rettungswagen Foto: J. Lange

Stolberg. Was sich der Gesetzgeber einfallen lässt, um das kränkelnde deutsche Gesundheitssystem zu heilen, macht Kranke nicht immer heilfroh. Die politisch gewollte strikte Trennung zwischen ambulanter und stationärer Notfallversorgung führt im Alltag immer wieder zu Irritationen.

„Der Bürger sieht selten den Unterschied”, weiß Dr. Dr. Christoph Dietrich. „Und in Stolberg fällt der Unterschied baulich auch nur schwer ins Auge”, bilanziert der Privatdozent und Chefarzt der Inneren Medizin des Bethlehem-Gesundheitszentrums. Patienten finden auf der Suche nach medizinischer Notfallversorgung nicht immer direkt den Weg, den sich der Gesetzgeber auch für die Abrechnung der erforderlichen Behandlung ausgedacht hat.

Beispielsweise der Senior, der an einem Samstag mit angeschwollener Hand Linderung an der Steinfeldstraße suchte. Eigentlich hätte der 86-Jährige direkt im „Türmchen” in der Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte fündig werden können. Doch in Unkenntnis wählte er mit seiner 78-jährigen Gattin den Weg ins Krankenhaus, wo er in der Notaufnahme der „Inneren” behandelt wurde. Mit einem Befund ausgestattet musste er sich - wie die meisten Patienten auch - das Rezept für die empfohlene Arznei im „Türmchen” bei den niedergelassenen Medizinern ausstellen lassen. Ein Umstand, der immer wieder zu unangenehmen und doppelten Wartezeiten führen kann - je nach Andrang der Patienten und Auslastung der Ärzte hüben wie drüben.

Ein Problem, das jetzt dadurch abgestellt ist, indem die Notfallambulanz des Krankenhauses zwar Rezepte ausstellt, was aber zu einem neuen Problemen führen kann: Apotheken können eine Vorausbezahlung der verschriebenen Medikamente einfordern, weil die Kostenerstattung durch die Krankenkassen unklar ist.

Schwierig nachzuvollziehen für Patienten sind solche Umwege des Gesundheitssystems. Das sieht für die ambulante Versorgung in der Regel vor, dass die Patienten sich an die Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte wenden. Wenn auf den ersten Blick erkennbar ist, dass der Erkrankte stationär verweilen werden muss, ist der direkte Weg ins Krankenhaus die erste Wahl, erklärt Dr. Dietrich. Im Zweifelsfall überweisen die niedergelassenen Kollegen ihren Kunden dann zu den Medizinern im Hospital.

Umgekehrt ist der Fall nur wenig einfacher gelagert. Denn den Krankenhäusern ist eine ambulante Versorgung zwar durchaus gestattet, nur fehlt ihnen in solchen Fällen oft die gesetzliche Grundlage dafür, Rezepte ausstellen zu dürfen. „Wer zu uns kommt, wird in der Regel nicht abgewiesen”, erklärt der Chefarzt. Insbesondere weil bei Fällen für die „Innere” für Laien auf den ersten Blick nicht immer gleich erkennbar ist, ob eine ambulante Behandlung ausreichend ist oder eine stationäre Aufnahme erforderlich werden kann. In chirurgischen Fällen ist das zwar leichter, aber das Prinzip gilt gleichwohl auch, doch würden Überschneidungen bei der Abrechnung durch die Krankenkassen hier in der Regel geduldet.

„Egal wie man es macht, man kann Ärger bekommen”, sagt Dr. Dietrich. Das Bethlehem-Gesundheitszentrum hat sich nun erst einmal dazu entschieden, seinen ambulanten Patienten den anschließenden Weg ins „Türmchen” zu ersparen und stellt nach der Erstversorgung selbst Rezepte aus - wobei der Patient Gefahr läuft, dass dies in Apotheken zu Akzeptanzproblemen und Barzahlung führen kann, während Krankenkasse, Krankenhaus und Kassenärztliche Vereinigung sich im Nachhinein über die Erstattung einigen müssen.

„Es ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera”, verdeutlicht Dr. Dietrich die Auswirkungen der Gesetzgebung. „Wir wollen den Notdienst nicht verweigern, aber primärer Ansprechpartner im Notfall für leichtere medizinische Blessuren ist nun einmal die Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte”, erklärt der Chefarzt. „Unsere Patienten werden uns von dort überwiesen oder direkt mit dem Rettungswagen eingeliefert”.

Die werden über die neue Liegendanfahrt ab September die ebenfalls neu gestaltete Notfallambulanz des Gesundheitszentrums ansteuern können, wo das „Bethlehem” die interdisziplinäre Erstversorgung der schweren medizinischen Blessuren deutlich verbessert anbieten wird. „Dort können dann Mediziner mehrerer Abteilungen in den gleichen Räumen arbeiten, was die Notallversorgung effizienter gestaltet”, freut sich Dr. Dietrich bereits auf die Einweihung.
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