Die Lochkarte war in Stolberg lange Trumpf

Von: Guido Jansen
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Eine Lochkarte wird im Heinz Nixdorf Museumsforum in Paderborn vor die Zähluhren einer sogenannten Hollerithmaschine gehalten. 1889 begann mit der Erfindung der Hollerithmaschine das Informationszeitalter. Bei der elften Volkszählung in den USA wurden erstmals Lochkartenmaschinen eingesetzt. Foto: dpa

Stolberg. Kennen Sie noch eine Lochkarte? Die erste Methode der Menschheit, Daten langfristig abzuspeichern? Heute, in Zeiten von mobilen Festplatten und Speichermöglichkeiten im Internet, wirkt die Lochkarte beinahe wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit. Fast schon antik. Dabei ist die Zeit der Lochkarte noch gar nicht so lange her.

Heute auf den Tag vor 125 Jahren meldete der Amerikaner Hermann Hollerith das Patent auf den ersten Lochkarten-Computer an. Hollerith löste damit eine Revolution aus, die viel leiser war als die Neuentdeckungen, die heute angeblich den Markt verändern und morgen schon wieder als überholt gelten. Dass eine Technik im Computer-Zeitalter 100 Jahre lang im Einsatz ist – völlig undenkbar!

Die Lochkarte, das erste Datenspeichermedium der Menschheit, hat das geschafft. Mathias Prußeit ist einer der Zeugen aus Stolberg, die berichten können, wie für heutige Verhältnisse unfassbar lang sich die Lochkarte behauptet hat. Auch in der Kupferstadt. Zu Beginn der 80er Jahre arbeitet die heutige Stolberger Kommunalpolitiker als Chemielaborant in der Qualitätskontrolle von Grünenthal. Die Messgeräte waren hoch sensibel und lieferten digitale Signale an einen Empfänger-Computer.

„Der war so groß wie ein Schrank. Da hätte ich mich reinstellen können“, sagt Prußeit über das Gerät, das dafür gesorgt hat, dass die Ergebnisse entweder auf einem Bildschirm zu sehen waren oder ausgedruckt wurden. Die Rolle der Lochkarten-Technik bei Grünenthal: Das Programm, dass die Messgeräte steuerte, war auf einem Lochstreifen abgespeichert. „Damals hat man der neueren Speichertechnik noch nicht vertraut“, sagt Prußeit. Die Angst ging um, dass die Magnetbänder als Datenträger irgendwann ihr Verfallsdatum erreichen und dann nicht mehr brauchbar sein könnten.

Die Lochstreifen waren die Rückversicherung bei Grünenthal. Immer, wenn der Computer abstürzte – was etwa jedes halbe Jahr vorkam und für damalige Verhältnisse selten war – wurden das Betriebssystem und die Programme mit den Lochstreifen wieder neu aufgespielt. „Das System war schon ziemlich aufwendig und umständlich damals. Der Fortschritt seitdem ist enorm und macht das Arbeiten viel einfacher“, sagt Prußeit. „Aber immerhin hatte man damals noch die Möglichkeit, Programme selbst zu beeinflussen, wenn man ein bisschen Programmiersprache konnte. Heute hat man keine Ahnung mehr, was in dieser Kiste passiert.“

Übrigens: Es ist keinesfalls ein Zeichen der Rückständigkeit, dass Grünenthal Anfang der 80er Jahre noch mit von Lochkarten gesteuerten Maschinen gearbeitet hat. Das hat die Regierung der USA noch im Jahr 2000 so gehalten. Die Stimmen für die Präsidentenwahl damals sind mit einem Lochkarten-System ausgezählt worden. Ganz ähnlich dem Prinzip, das Erfinder Hollerith vor 125 Jahren für eine Volkszählung entwickelt hat. Dass es peinliche Pannen bei der Stimmenauszählung im Jahr 2000 gab, war nicht der Fehler der Lochkarten, sondern der Menschen, die mit ihnen gearbeitet haben. Auch das hat sich nicht geändert: Die größte Fehlerquelle heute wie damals ist der Mensch.

Lochkarten kommen heute in Stolberg immer noch zum Einsatz. Bei den Dalli-Werken. „Wir haben noch ganz viele. Ich benutze sie gerne als Notizzettel“, sagt Dalli-IT-Chef Rudolf Gottfroh und lächelt dabei.

Die Lochkarten waren der erste wichtige Meilenstein in der Entwicklung der modernen Datenverarbeitung. „Früher musste man oft erst im Archiv in den Akten wühlen, bis man eine Anfrage beantworten konnte“, erklärt Michael Weniger, der EDV-Chef in der Stolberger Stadtverwaltung, den großen Vorteil. „Heute hat man am Rechner einen unheimlich schnellen Zugriff auf alle Akten.“

Mit und mit wird das Papier in den Behörden weniger werden. In zwei Jahren will die Stadtverwaltung so weit sein, dass alle Formulare elektronisch ausgefüllt werden können. Papier verschwindet zwar nicht. Aber es wird zum Auslaufmodell. Diese Entwicklung, Daten und Fakten nicht mehr zu archivieren, sondern abzuspeichern, hat heute vor 125 Jahren angefangen, mit Hermann Holleriths Lochkarte.

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