Die Kupferstadt vor der großen Zinswende?

Von: Jürgen Lange
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Stolbergs Kämmerer Willi Esser favorisiert weiter kurzfristige Kredite.
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Steht die Kupferstadt vor der großen Zinswende und damit vor ernsthaften Finanzierungsproblemen?

Stolberg. Steht die Kupferstadt vor der großen Zinswende und damit vor ernsthaften Finanzierungsproblemen? Zwar baut Stolberg die städtische Verschuldung seit 2011 (über 215 Millionen Euro zum Stand 31. Dezember 2010) kontinuierlich ab, aber immerhin belasteten zum Stichtag Silvester 2014 noch 190.553 239,57 Euro die Stadt.

Davon sind (nach einer Tilgung von über 8,8 Millionen Euro) 79,953 Millionen Euro Kredite für Investitionen und 110,6 Millionen Euro Liquiditätskredite. Ein Zinsanstieg auf breiter Front würde den Konsolidierungsprozess der Kupferstadt ernsthaft gefährden.

Zumindest die Preise für Baukredite ziehen an, bestätigt Sebastian Flaith von der Bausparkasse Schwäbisch Hall gegenüber unserer Zeitung. „Die Zeit der extrem billigen Zinsen ist vorbei“, sagt auch Thorsten Berg. „Innerhalb weniger Tage im Mai kletterte die Rendite für deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit – die der Vergleichsmaßstab für alle Zinsanlagen ist – von 0,05 auf 0,78 “, so der Sprecher der Landesbausparkasse.

Dieser extreme Zinssprung am Kapitalmarkt habe dazu geführt, dass auch die Preise für Immobilienkredite nach mehr als 30 Jahren tendenziell rückläufiger Zinsen erstmals wieder signifikant gestiegen sind. „Innerhalb weniger Wochen haben die Hypothekenzinsen um mehrere Zehntelprozentpunkte angezogen“, so Berg weiter.

„Wir haben die Entwicklung auf den Finanzmärkten immer genau im Auge“, beruhigt dagegen Willi Esser. „Auch wenn zurzeit ein leichter Anstieg der Zinsen im langfristigen Bereich zu verzeichnen ist, halte ich es momentan für verfrüht, eine Entscheidung zu treffen, kurzfristige Kredite in Darlehen mit längerfristigen Zinsen umzuschulden“, erklärte der Stolberger Stadtkämmerer: „Kurzfristige Ausschläge nach oben oder unten gibt es immer wieder mal.“

Hintergrund der Entwicklung ist die anziehende Inflation und die Ungewissheit über die finanzielle Zukunft Griechenlands, die die Kurse vieler europäischer Staatsanleihen am Dienstag unter Druck gesetzt haben. Im Gegenzug kletterten die Renditen der Bonds deutlich in die Höhe.

Zehnjährige deutsche Bundesanleihen warfen mit knapp über 0,717 Prozent so viel ab wie seit Wochen nicht mehr, berichtet Esser. Am Montag hatten die Renditen noch bei 0,518 Prozent gelegen. „Damit war es der höchste Renditesprung an einem Tag seit etwa drei Jahren“, erläutert der Finanzfachmann in der Verwaltung. Die Verzinsung zehnjähriger italienischer Papiere stieg mit 2,114 Prozent auf den höchsten Stand seit mehr als sechs Monaten. Vergleichbare französische Papiere rentierten bei 0,92 Prozent sechs Basispunkte höher.

„Für die Finanzminister der Länder bedeutet das, dass die Ausgabe neuer Schuldpapiere in der Zukunft für sie teurer werden dürfte“, prognostiziert Willi Esser. Allerdings seien die von den Anlegern verlangten Zinsen in den vergangenen Wochen auch auf Rekordtiefs gefallen. Die Rendite zehnjährige deutscher Staatspapiere war sogar zeitweise auf unter 0,05 Prozent gefallen.

Die Kehrtwende hatte Ende April begonnen, doch am Dienstag sackten die Kurse noch einmal deutlich ab. Den Grund sieht der Kämmerer in einem Anziehen der Preise wenige Wochen nach dem Öffnen der Geldschleusen durch die EZB. Die Inflationsrate lag im Mai bei 0,3 Prozent. „Die Daten nähren Spekulationen, dass die Inflation in der Euro-Zone früher zurückkehren könnte, als ursprünglich gedacht. Aber das ist momentan immer noch alles spekulativ“, so Esser weiter.

Für Unruhe am Rentenmarkt sorgte zudem die anhaltenden Zitterpartie um Griechenland. Die klamme griechische Regierung ringt seit Monaten mit den internationalen Geldgebern um Reformen, die den Weg frei machen sollen für kurzfristige Hilfszahlungen von 7,2 Milliarden Euro. Kommt es nicht bald zu einer Einigung, drohe die Staatspleite.

Von dem Zinsanstieg in den langen Laufzeiten (ab 5 Jahre) sind städtischen Investitionskredite aber „nicht betroffen, da die bisher abgeschlossenen langfristigen Kreditverträge noch entsprechenden Zinsbindungsfristen unterliegen“, erläutert der Kämmerer die Auswirkungen der internationalen Entwicklungen auf die Stolberger Verschuldung. „In den kurzen Laufzeiten haben sich die Zinssätze nicht verändert“, sagt Esser und nennt konkrete Beispiele, wie die Kupferstadt ihre Verschuldung finanziert hat.

Angesichts eines konstanter Zinsniveaus beim überwiegenden Teil der kommunalen Verbindlichkeiten ist es verständlich, wenn der Kämmerer davon abrät, Darlehen in längerfristige Laufzeiten umzuschulden, zumal sie derzeit leicht ansteigen. „Die Zinsentwicklung wird ständig beobachtet“, verspricht Esser. „Es besteht natürlich immer das Risiko, dass die Zinssätze einmal langfristig anziehen werden. Die Vorhersage eines Zeitpunktes ist jedoch unmöglich“. Daher favorisiere er zurzeit die kurzfristige Kreditvariante weiterhin.

Die hohe Staatsverschuldung in allen bisher bedeutenden Industrie-Nationen führe zu einem hohen Interesse der Regierungen an niedrigen Zinsen, auch für die eigenen Schulden, und an eine überdurchschnittliche Inflationsrate. Jeder zusätzliche Basispunkt bringt für die hoch verschuldeten Euro-Staaten hohe Belastungen. Zudem „brummt“ die deutsche Konjunktur. „Was ist, wenn dies mal nicht mehr der Fall sein sollte? Dann wären steigende Zinsen jedenfalls kontraproduktiv“, ist Willi Esser überzeugt.

So finanziert Stolberg seine Kredite

Kurze Laufzeiten kosten Kommunen nach wie vor wenig Geld. Die Kupferstadt finanziert sowohl ihren Liquiditätskredit als auch rund 43 Prozent ihrer derzeitigen Investitionskredite über kurze Laufzeiten. „So zahlen wir für den Liquiditätskredit in Höhe von derzeit rund 114 Millionen Euro einen Zinssatz zwischen 0,07 und 0,09 . Für einen Investitionskredit in Höhe von zurzeit rund 28,613 Millionen Euro zahlen wir einen variablen Zins von -0,105 Prozent (gemäß Eonia)“.

Das ist erklärungsbedürftig: Die Marge der finanzierenden Bank beträgt 0,40 Prozent. Sinkt bzw. liegt der Referenzzinssatz unter Null, so wird er in Bezug auf die Zinsfestsetzung durch die Bank so behandelt, als betrage er Null. Die Gesamtkosten für den variablen Zins liegen somit bei 0,40 Prozent.

Für ein weiteres Investitionsdarlehen von zurzeit 5,7 Millionen zahlen die Stolberger einen Ein-Monats-Euribor-Zins von -0,057. Die Marge der finanzierenden Bank beträgt 0,25 Prozent. Sinkt bzw. liegt der Referenzzinssatz unter Null, so wird er in Bezug auf die Zinsfestsetzung durch die Bank so behandelt, als betrage er Null. Die Gesamtkosten für den variablen Zins liegen somit bei 0,25 Prozent.

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