Die Kunst, Kinder für das Lesen zu begeistern

Von: Sarah-Lena Gombert
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Kinderbuchautorin Sigrid Zeevaert aus Aachen liest beim „Ich schenke dir eine Geschichte“-Projekt im Familienzentrum Franziskusstraße den Kindern, Eltern und Erzieherinnen vor. Genauso spannend ist es für die Kleinen, sich die passenden Bilder zur Geschichte anzuschauen. Foto: S.-L. Gombert

Stolberg. „Kannst du uns das Bild noch mal zeigen? Wo ist denn der Hund?!“ Es herrscht helle Aufregung im Turnraum des Familienzentrums Franziskusstraße in Stolberg. Sigrid Zeevaert, Kinderbuchautorin aus Aachen, liest den Kindern der Einrichtung, ihren Eltern und einigen Erzieherinnen aus ihrem neuen Buch „Emma ist eben doch ein Glückskind“ vor.

Gerade geht die Heldin des Buchs mit ihrem besten Freund und Hund Wuschel spazieren, als der Vierbeiner ausbricht und auf die Straße zu rennen droht. „Aufpassen!“, ruft eines der Kinder im Familienzentrum. Andere wollen gleich das Bild zu der Passage sehen, die Sigrid Zeevaert gerade vorgelesen hat. „Ein Kinderbuch vorzulesen ist immer noch einmal etwas anderes als es zu schreiben“, sagt die sympathische Autorin und lacht.

Der Besuch der Schriftstellerin im Familienzentrum ist Teil eines besonderen Projekts, wie Gabriele Herrmann, Sozialpädagogin, erläutert: „Wir haben uns anlässlich des Welttags des Buches am vergangenen Wochenende eine besondere Aktion überlegt.“ Eltern und Kinder sollten jeweils für sich und dann gemeinsam mit dem Thema Buch sowie mit dem Lesen und Vorlesen beschäftigen. Gefördert wurde das Projekt von den „Frühen Hilfen“ der Stolberger Stadtverwaltung, deren Ziel es ist, junge Familien in der Stadt zu unterstützen.

An einem ersten Projekttag haben Eltern der Kita-Kinder gemeinsam ein buntes Mitmach-Bilderbuch erstellt. Das selbst gebundene und laminierte Werk soll Kindern das Buch als Medium auf spielerische Weise näherbringen. Das Buch muss geschüttelt, gedreht und auf den Kopf gestellt werden – den Effekt sieht man dann jeweils nach dem Umblättern. Weil nicht alle Kita-Kinder die deutsche Sprache sicher beherrschen, ist das Buch mit mehrsprachigem Text erstellt worden. „Die Bastelaktion mit den Eltern war sehr gelungen“, erzählt Gabriele Herrmann zufrieden. In dem proppenvollen Turnraum habe eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre geherrscht. „Die Eltern waren teilweise so konzentriert bei der Sache wie Schulkinder“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Ganz so still geht es bei der Lesung von Sigrid Zeevaert nicht zu. Die bunte Zuhörerschaft aus Säuglingen, kleinen und etwas älteren Kindern lässt sich immer wieder ablenken. Doch der Autorin gelingt es mit ihrer Stimme und Intonation, ihr Publikum immer wieder einzufangen und für die Geschichte zu begeistern. „Es ist wichtig, dass man beim Vorlesen einen Kontakt zu den Kindern und auch zu den Eltern herstellt“, erklärt sie am Rande der Lesung. Nur so könne man feststellen, wie viel von der Geschichte die Gruppe bereit ist aufzunehmen, und welche Passagen man eventuell etwas vereinfachen müsse.

„Eine Lesung ist immer auch ein Dialog mit dem Publikum“, sagt Zeevaert. Und diesen Dialog fordern die Franziskus-Kinder auch immer wieder ein: Sie stellen Fragen zum Text, kommentieren die Erlebnisse der Heldin und laufen durch den Raum, um einen Blick auf die Zeichnungen in dem Kinderbuch zu erhaschen. Mit einer Engelsgeduld beantwortet die Schriftstellerin alle Fragen, blättert auf Wunsch vor und zurück und hört den Kindern zu, wenn sie eigene Anekdoten zu erzählen haben.

Chaotisch? Vielleicht ein bisschen, auf den ersten Blick. Aber das ist nicht schlimm, findet Sigrid Zeevaert: „Auch wenn die Kinder nicht alles Wort für Wort verstehen oder mitbekommen: Alleine schon die Situation des Vorlesens zieht sie in die Geschichte hinein. Und ich glaube, dass der Akt des Vorlesens die Kinder für Bücher begeistert.“

Diese Begeisterung wird im dritten Teil des Buchprojekts weiter angefüttert: Für die Kinder selbst geht es am letzten Tag um ihre Lieblingsbücher. „In den einzelnen Gruppen haben sich die Kinder mit ganz bestimmten Bilderbüchern intensiv beschäftigt“, erklärt Gabriele Herrmann. Passend zu den Geschichten wird gesungen, getanzt oder einfach nur vorgelesen.

Der Umgang mit Büchern ist in der Franziskusstraße sehr wichtig: „Das Thema Sprachförderung hat bei uns insgesamt einen sehr hohen Stellenwert“, sagt Gabriele Herrmann. Das liegt unter anderem daran, dass es in der Kita Franziskusstraße sehr international zugeht: „Zum Beginn des laufenden Kindergartenjahres hatten wir Kinder aus 19 unterschiedlichen Nationen angemeldet“, sagt die Sozialpädagogin. Insgesamt werden in der Einrichtung rund 100 Kinder von einem 32-köpfigen Team betreut.

Gabriele Herrmann hofft, dass sich die Vorlese-Freude, die die Eltern und Kinder in den Projekttagen ergriffen hat, auch in die heimischen Wohnzimmer mitgenommen wird. „Wir haben aus unserer Elternecke zumindest schon mal eine Lese-Ecke gemacht“, erzählt sie. Und von da können Eltern sowohl Kinder- als auch Erwachsenenliteratur ausleihen, um sie zu Hause in Ruhe zu studieren.

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