Stolberg - Die Helfer warten stundenlang vergebens auf Flüchtlinge

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Die Helfer warten stundenlang vergebens auf Flüchtlinge

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
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Während Schulleiterin Ingrid Wagner eine Pritsche testet, bespricht sie mit ihren Abteilungsleitern, was zu tun ist. Foto: J. Lange
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Die Helfer räumen schon einmal die Cafeteria ein. Foto: J. Lange
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Eingeschweißte Kopfkissen und Decken auf den Feldbetten warten auf Flüchtlinge. Foto: J. Lange
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Die Lebensmittel können wieder ins Lager: In dieser Nacht kommen keine Flüchtlinge nach Stolberg. Foto: J. Lange

Stolberg. Als Hochtechnologie-Schmiede und als Innovationsregion präsentiert sich gerne dieses Industrieland, in dem ausführliche Vorschriften absolut lapidare Dinge regeln, in dem Politiker und Verwaltung sich mit der Frage beschäftigen, ob 20 Meter Abkürzung barrierefrei ausgebaut werden.

Es ist auch das Land, in dem Zusteller per Internet und auf Wunsch per App auf dem Mobilgerät fast auf die Stunde genau mitteilen können, wann ein Päckchen an der Haustür oder einer Zustellstation ausgeliefert wird. Aber ob und wann ein oder mehrere Busse mit bis zu 150 Menschen die überschaubaren 60 Kilometer von Köln oder 160 von Dortmund in die Kupferstadt in Angriff nehmen, das können Behörden in diesem Land nicht kommunizieren.

Wie bereits am 5. August, als die ersten Flüchtlinge der Kupferstadt zugewiesen wurden, so wiederholt sich in diesen Tagen die Sprachlosigkeit bei der Zuweisung an die Städteregion. Wie in der vergangenen Woche in Monschau verzögert sich die Anreise nun auch zum Berufskolleg am Ober­steinfeld. Wie lange? Das kann niemand in dieser Nacht in den zur Unterkunft umgestalteten Sportgebäuden sagen. „Das habe ich in den letzten Wochen immer wieder erlebt“, sagt Hans-Dieter Vosen nach acht Stunden Warten.

Durchaus ein wenig angesäuert ist der Kreisgeschäftsführer des städteregionalen DRK, das die neue Unterkunft in Stolberg leiten soll, als er einem guten Dutzend Helfer gegen 0.15 Uhr mittelt: „Es kommen keine Busse – zumindest heute Nacht nicht mehr“. Dabei sei die zentrale Aufnahmestelle in Dortmund überfüllt, „aber es gibt keine Busfahrer“, sagt Vosen. „Vielleicht findet sich jetzt doch noch einer“, spekuliert DRK-Bereitschaftsleiter Raimund Lesmeister noch einmal. „Aber wenn‘s nur ein Bus ist, fährt der wohl eher nach Würselen.“ Ein gutes Dutzend Helfer macht sich um 0.30 Uhr erschöpft und unzufrieden, nach stundenlangem und eher tatenlosem Warten nicht helfen zu können, auf den Heimweg.

Rückblick: Seit einer Woche ist klar, dass im Stolberger Berufskolleg Flüchtlinge untergebracht werden sollen. Vergangenen Mittwoch wurden erste Vereine informiert, dass die Sporthalle ab Freitag nicht mehr benutzt werden kann. Donnerstagmittag erfuhren die Lehrer mitten im Unterricht, dass die Anlagen zur Verfügung gestellt werden müssen.

Doch wer sonst, wenn nicht Berufsschullehrer, sollte der Lage eine praktische Seite abgewinnen können? Gemeinsam packt der Lehrkörper an. Die Sportgeräte werden ausgeräumt, mit Privat-Pkw zum Schulgebäude transportiert, dort erst einmal zwischengelagert. „Der Unterricht soll ja weitergehen können, auch wenn die Sporthallen belegt sind“, erzählt Ingrid Wagner. Die Schulleiterin und ihre Abteilungsleiter krempeln die Ärmel hoch und Unterrichts- sowie Raumplan um. Ein Tagungsraum wird als Sportsaal, etwa für angehende Erzieherinnen, umgewidmet. Geplant wird, wie die sportliche Unterweisung im Rahmen der Berufsausbildung ins Freie verlagert oder private Partner eingebunden werden können. Fünf abseits gelegene Parkplätze werden „requiriert“, der Bau eines Hindernisparcours angedacht.

Projekttage im Kletterwald und Besuche in Fitness-Studios sind weitere Ansätze, wie Sportunterricht längerfristig ohne Turnhalle, aber dennoch praxisnah aufrechterhalten werden könnte. Zeitgleich werden die bisherigen Geräteräume mit Spielsachen ausstaffiert, damit später Flüchtlingskinder spielen können. Für Notfälle beim Eintreffen der Gäste stehen Säcke mit der notwendigsten Kleidung parat, die Lehrer einfach von zu Hause mitbrachten.

„Und wir haben uns bewusst gegen Zäune entschieden“, erzählt Dr. Bert Kasties. Die Städteregion hatte angeboten, das Schulgebäude vom Sportkomplex abzuriegeln. Das aber ist kein Thema für das Stolberger Berufskolleg. „Wir wollen alles offen lassen“, sagt der Abteilungsleiter Sozial- und Gesundheitswesen: „Auch für den Unterricht gilt, Flüchtlinge sind willkommen.“ Berufsorientierung, Grundbildung, Vorbereitung, Bau, Holz, Wirtschaft und Verwaltung, Naturwissenschaften und Technik: Pädagogisch basierte Berufsausbildung kann mit der Betreuung der Flüchtlinge ganz pragmatisch einhergehen. Rührend machen sich Lehrer ihre Gedanken, Schüler bringen sich ein: Willkommenskultur pur.

Freitag in der Früh lässt die Städteregion die Handwerker am Obersteinfeld anrücken. Die Elektrik wurde ebenso ertüchtigt wie die Sanitäreinrichtungen ergänzt. Im Umfeld begannen Gärtner damit, die Grünanlagen einem radikalen Rückschnitt zu unterziehen. Die Maßnahme hat die Städteregion „vorgezogen“: Die Schonfrist zur Brutzeit ist abgelaufen, „und wer weiß schon, wann wir sonst wieder dazu kommen würden“, meint ein Landschaftsgärtner.

Der Endspurt mit Abnahme durch die Städteregion folgt am Montagnachmittag. 150 Feldbetten – jedes drapiert mit einem vakuumierten Kopfkissen und einer in Plastik geschlagenen 500 Gramm Einmal-Decke aus Zellstoff sowie einem Holzstuhl als Nachttisch – stehen in der Dreifachhalle. „Wir haben gedacht, den hinteren Bereich für Familien mit Kindern zu reservieren und dort den Vorhang abzusenken“, erzählt Ingrid Wagner – ohne ahnen zu können, wie viele Familien mit Kindern kommen. Aber das Team des Berufskollegs ist parat.

Doch erst einmal kommt niemand. Der Abend verstreicht, der Dienstag verstreicht, der Mittwoch bricht an. Ingrid Wagner und Bert Kasties sind auf dem Weg zu einer Tagung in Berlin. Auf dem Weg in den Flieger werden sie auf dem Kölner Flughafen zurück nach Stolberg beordert. „Das Ausladen des Gepäcks hat problemlos funktioniert“, zwinkert die Schulleiterin später am frühen Morgen.

Gegen Mittag erfolgt die erste erlösende Meldung. „Die Flüchtlinge kommen.“ 16.30 Uhr soll die Abfahrt in Köln sein. Ingrid Wagner steht mit einem Dutzend Kollegen ebenso parat wie die Helfer des DRK. Aber nur wenig später sieht die Lage schon anders aus: Die Flüchtlinge kommen aus Dortmund, die Abfahrt wird nicht vor 19 Uhr, eher gegen 23 Uhr erfolgen, verlautet es gegen 17 Uhr zur Informationslage im Stab für außergewöhnliche Einsätze bei der Städteregion. Das bedeutet, dass vor 21 Uhr wohl kaum Busse mit Flüchtlingen den Parkplatz Bergstraße ansteuern werden.

Zu dieser Zeit liefern Helfer des DRK noch einige Garnituren mit Betten für Kleinkindern. Familien, Einzelpersonen, Jung, Alt – wer, wann kommt, ist immer noch ungewiss. Die Pakete werden erst einmal in einer Ecke gestapelt, während eine Streifenwagenbesatzung sich vor Ort nach dem Stand der Zuweisung erkundigt. Die Polizisten ziehen ebenso schulterzuckend von dannen, wie Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes bereits seit den Morgenstunden um die Anlage am Obersteinfeld patrouillieren.

Noch hocken die ehrenamtlichen Helfer entspannt, aber in freudiger Erwartung beisammen, rücken noch einmal die Betten ins Lot, zupfen an den Paketen mit Bettdecken, freuen sich auf die Begrüßung und fragen sich, wer die Gäste willkommen heißen wird.

Eine gute Stunde später weiß immer noch keiner über den weiteren Ablauf des Abend Bescheid. Aber irgendwie scheinen alle das Gefühl zu haben, einmal anpacken zu müssen. Im kleinen Ballettsaal, der mit Bierzelt-Garnituren als Speiseraum hergerichtet ist, werden schon einmal Brote, Getränke, Tomaten, Tassen und Teller bereitgestellt. Mehrfach warnen Plakate in unterschiedlichen Sprachen an den Wänden die Flüchtlinge vor der Ernte und dem Verzehr hiesiger Pilze. Was wie ein leckeres Schmankerl aus der Heimat aussehen mag, kann in hiesigen Breiten ein giftiges Nachspiel haben...

„Es ist aber kalt hier“, registrieren schnell die Damen. Die Klimaanlage schaufelt unablässig kühle Frischluft in die fast fensterlose Halle. Mangels Kenntnis der Anlagentechnik greifen die Ehrenamtler erst einmal zu Pappe und Klebestreifen, um die Lüftungsschlitze abzudecken. Derweil inspizieren die beiden Notärzte des DRK ihre in den Trainerkammern eingerichteten Behandlungszimmer. Sie sollen die Erstuntersuchung der Ankömmlinge leisten. Außer Stethoskop und ihren Kenntnissen stehen den Medizinern kaum Hilfsmittel dafür zur Verfügung. Mehr als ein erster Check auf offensichtliche Erkrankungen, Unterernährung oder Plagegeister hin werden sie nicht leisten können.

„Sollte eine Person krank sein, werden wir sie gleich ins nahe Bethlehem Gesundheitszentrum überweisen“, sagt die Leitende Notärztin, die um 3 Uhr ihren Dienst in der Notunterkunft Würselen fortsetzen soll, aber eigentlich um 6 Uhr als Notärztin im Nordkreis zur Verfügung stehen sollte. Sie widmet sich nach der Kontrollrunde einem digitalen Buch, während sich die Abteilungsleiter des Berufskollegs zusammenhocken und beratschlagen, wie‘s während der nächsten Stunden und am Morgen weitergehen soll.

Für diesen Abend haben sie den Dienst freiwillig und vorbildlich übernommen. Für die Betreuung an den weiteren Tagen sind Listen ausgelegt worden, in die sich Lehrkräfte und weitere Helfer eingetragen haben. Für sechs Uhr in der Früh ist der Schichtwechsel geplant. Bereitschaftsdienste sind organisiert.

Aber die Zeit rinnt dahin, tatenlos, ohne helfen zu können, ohne zu wissen, ob und wann wie viele Flüchtlinge kommen. Kurz nach Mitternacht gelingt es Hans-Dieter Vosen einen kundigen DRK-Kollegen in Dortmund ans Telefon zu bekommen. „Es werden heute wohl kaum noch Flüchtlinge kommen“, ist die erste Information an das Dutzend freiwillige Helfer. In weiteren Telefonaten verifiziert sich diese Nachricht. Müde und ein wenig enttäuscht, aber nicht minder begeistert und entschlossen, die Gäste in „ihrer“ Schule zu betreuen machen sich gegen 0.30 Uhr die Lehrer auf den Heimweg, während die DRK-Mediziner noch beratschlagen, ob sie nun in der auf 85 Plätze ausgelegten Notunterkunft in Würselen oder als Notarzt ihren weiteren Dienst versehen sollen.

Um 3.55 Uhr, so erfahren wir es am Donnerstag, treffen in Würselen 50 Flüchtlinge ein. Bis in den Nachmittag hinein bleibt es weiter offen, ob am Donnerstag noch Transporte nach Stolberg erfolgen sollen. Das Warten geht weiter.

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