Die Heidestraße steckt voller Erinnerungen

Von: Lukas Franzen
Letzte Aktualisierung:
heide-bu2
Gerta Franzen zeigt Printenformen die an ihre Vergangenheit erinnern. Foto: L. Franzen

Stolberg-Donnerberg. Seit wenigen Wochen erstrahlt die alte Heidestraße auf dem Donnerberg in neuem Glanz. Die Straße ist frisch asphaltiert, die Schlaglöcher beseitigt. Ein ungewohnter Anblick für die Bewohner der Straße, galt sie mit ihren Löchern, Rissen und provisorischen Reparaturen doch lange Zeit als die schlecht befahrbarste Straße im ganzen Ortsteil.

Doch der „Pratsch” während der Umbauarbeiten der letzten Monate stand den Straßenverhältnissen während der „Gründerzeit” auf dem Donnerberg um nichts nach und so fühlten sich viele Anwohner plötzlich wieder in die Anfänge der Straße zurück versetzt, als sich um 1950 die ersten Siedler dort niederließen und begannen, sich eine Existenz aufzubauen.

Noch Mitte der 50er Jahre war sie ein gefährliches Pflaster für Fußgänger und Anwohner. Gerta Franzen aus der Heidestraße erinnert sich: „Die Straße war damals noch gar nicht geteert. Auf der schlammigen Straße bin ich ausgerutscht und habe mir meinen neuen Mantel komplett versaut”.

Auch sie hat sich damals mit ihrem Mann eine Existenz auf dem Donnerberg aufgebaut, genauer gesagt in der Heidestraße. Und die Bäckerei Franzen, die Mitte der 50er Jahre eröffnete, war bei weitem nicht das einzige Geschäft in der Straße, was ihr neben dem Ruf schlecht befahrbar zu sein, zu einem weitaus wichtigeren und schöneren Titel verhalf: „Die Geschäftsstraße vom Donnerberg”.

„Das war eine richtige City hier””, scherzt Gerta Franzen und erinnert sich an die zahlreichen Läden in ihrer Nachbarschaft. Neben der Bäckerei ein Milchladen, daneben das Haushalts- und Metallwarengeschäft Fuchs, gegenüber ein Friseur, der Schuster Belau, die Metzgerei Cremerius und der Edeka Markt der Familie Baumanns, ein klassisches „Tante Emma Lädchen”.

Aus dem ganzen Ort, den um 1950 rund 1100 Menschen besiedelten, strömten die Menschen in die Heidestraße. „Vor allem Samstags war hier die Hölle los””, berichtet Herbert Cremerius. Sein Vater eröffnete die Metzgerei im Jahre 1950. Nach seinem Tod wurde die Metzgerei für 20 Jahre verpachtet, bevor seine Frau „Kathi” und er die Metzgerei 1977 übernahmen.

Über 60 Jahre ist es nun her, dass die ersten Häuser in den A-, B- und C-Straßen - heute besser bekannt unter Josef-, Michael- und Heidestraße - in der neuen Siedlung unterhalb des Sendemastes entstanden und mit ihnen die ersten Geschäfte in der Heidestraße, mit dem Auftrag die gesamte Siedlung zu versorgen.

Durchquert man heute die frühere C-Straße, die vom Gebäude der freiwilligen Feuerwehr bis zum alten Siedlerkreuz, dem zentralen Punkt der Siedlung, reicht, so markieren die alten Bruchsteinhäuser die ersten Bauten der Nachkriegszeit, als Wohnungsnot herrschte, jeder Hauseigentümer verpflichtet war, einen Teil seines Eigenheims auch zu vermieten und Viehzucht zu betreiben, um sich selbst versorgen zu können.

„Alles war damals mit ungeheuren Entbehrungen verbunden”, berichtet Franz Ostländer, Zeitzeuge und Vorsitzender der Siedlergemeinschaft Donnerberg, gegründet 1947.

Die Menschen in den A-, B- und C-Straßen bauten sich ihre Existenzen „„aus dem Nichts” auf, so Ostländer, 1935 auf dem Donnerberg geboren. „Es gab keine Versorgung und keine Entsorgung”, umschreibt der 75-Jährige die Umstände der Siedler, die anfangs weder über Kanäle noch über fließend Wasser, Gas oder Öl verfügten.

Als Startkapital vieler Menschen fungierte das so genannte „Kopfgeld” im Zuge der Währungsreform Ludwig Erhardts von 1948. 40 D-Mark pro Kopf konnte eine Familie gegen alte Reichsmark eintauschen und damit in ihre Zukunft investieren.

Im Wohnzimmer von Gerta Franzen zeugen alte Printenformen an der Wand von ihrer beruflichen Vergangenheit und der ihres verstorbenen Ehemanns Josef. Stolz erzählt sie, wie die Bäckerei Franzen unter anderem die Brezeln für die St. Martinszüge auf dem Donnerberg herstellte.

Zweifelsohne steckt die ganze Straße noch über ein halbes Jahrhundert nach ihren Anfängen voller Erinnerungen an die Zeit, als es hier noch eine florierende Geschäftslandschaft gab. Die Geschäftsleute von damals haben viele Fotos aufbewahrt. Zu fast jedem schwarz-weiß Bild haben die heutigen Rentner eine passende Anekdote parat.

>Heute, im Jahre 2010, besiedeln über 5000 Menschen den Donnerberg und die Geschäftslandschaft des zweitgrößten Stolberger Ortsteils hat sich auf seine heutige „Hauptstraße”, die Höhenstraße, und zwei große Supermarktfilialen verlagert.

Eine „City” ist die frühere C-Straße nicht mehr, spätestens seit dem die Metzgerei Cremerius im Jahre 2003 zumachte und nur ein Jahr später der „Tante-Emma-Laden” der Familie Baumanns folgte. Vor kurzem schloss dann auch der Friseursalon als letztes Ladenlokal der Straße.

Die ehemaligen Geschäfte, mit Ausnahme eines Ingenieurbüros des Sohnes Christoph Baumanns, bewohnen heute oftmals die Kinder und Enkelkinder der tüchtigen Geschäftsleute von damals. In der Heidestraße ist es ruhiger geworden und es scheint, als sei sie nur noch eine unter vielen, umzingelt von den unzähligen Straßenzügen, die später hinzu kamen und allesamt einen Blumennamen tragen.

Vorbei die Zeit, als zwischen Siedlerkreuz und dem Eschweiler Wald nichts als Wiese lag und man bis in den Wald hineinschauen konnte, wie Herbert Cremerius sich erinnert. Und trotzdem scheint es so, als sei die alte Spitze des Donnerberger Senders auf dem Gelände der freiwilligen Feuerwehr auch ein Symbol für die gesamte Historie der alten C-Straße und ihre Bedeutung für die ganze Siedlung.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert