Die Enkereistraße ist um eine Anekdote reicher

Von: Jürgen Lange
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Am Mittwoch doch kein Thema für den „Lebensraum Vichtbach“: Die Ertüchtigung und Sanierung der Brücke in der Enkereistraße auf eine Belastung, die zumindest einen Rettungstransportwagen tragen würde, ist in der Sitzung des Vergabeausschusses von der Tagesordnung abgesetzt. Foto: J. Lange

Stolberg. Bei Führungen durch die Stolberger Altstadt werden in der Enkereistraße gerne Anekdoten erzählt, laut denen dort einst einmal ein Galgen gestanden haben könnte. Andere besagen, dass der Straßenname auf einen früheren Kupferhof hinweist. Doch die Stadtführer könnten bei ihren Touren auch einmal die Geschichte der Brücke über die Vicht in die Enkerei erzählen, die ähnlich erstaunlich wie die des Henkersplatzes ist und der am Mittwoch ein neues Kapitel hinzugefügt werden sollte.

Doch die Verwaltung hat die Erteilung des Auftrages zur Sanierung der Brücke für die Mittwochs-Sitzung des Vergabeausschusses zurückgezogen. Das Ergebnis einer beschränkten Ausschreibung nebst Teilnahmewettbewerbs war nicht so auskömmlich, dass die Arbeiten vergeben werden könnten. Nun plant die Verwaltung die Erneuerung des Holzbelages und die Ertüchtigung der Konstruktion durch das Einziehen stabilerer Träger „öffentlich auszuschreiben“, erklärte Fachbereichsleiter Bernd Kistermann auf Anfrage. Die Belastbarkeit der Brücke hängt derweil weiterhin wie eine schwere Last an ihrer Historie.

Die schmucke Brücke mit Holzbohlen und kunstvoll geschmiedetem Geländer wurde in den 1980er Jahren im Rahmen der Sanierung der Altstadt errichtet. Eine Belastung von zwölf Tonnen, so hatten es die Fachleute seinerzeit berechnet, sollte die Brücke tragen können, damit die Feuerwehr im Ernstfall die Enkereistraße erreichen kann. Jahrelang regelte auch das runde und rot geränderte weiße Verkehrszeichen mit einer schwarzen 12 im Zentrum, mit welchem Gewicht ein Fahrzeug nicht mehr über das Bauwerk rollen darf.

Nur 2,5 statt 12 Tonnen

Manch ein Fahrzeugführer wird sich im Nachhinein noch die Schweißperlen von der Stirn gewischt haben, als vor einem Dutzend Jahre bekannt wurde, dass die Brücke bei weitem nicht einer Belastung von zwölf Tonnen standhalten durfte. Bei einer Überprüfung stellten Statiker fest, dass die Konstruktion lediglich eine Belastung von 2,5 Tonnen (er)tragen kann. Folgerichtig wurde erst einmal die Zulassungsbeschränkung den Realitäten angepasst und überlegt, was – ohne ausreichende Finanzen – zu tun sei.

Erst einmal tat sich nichts, bis 2007 nach einem Hochwasser festgestellt wurde, dass Schrauben im Belag in einem Umfang fehlen, dass sie erneuert werden müssen. Da lag immer noch die Forderung der Feuerwehr auf dem Tisch, die Brücke müsse einer Belastung von 16 Tonnen standhalten, damit Löschfahrzeuge sie befahren können. Doch könnten sie es selbst dann nicht. Denn Fahrversuche in der Praxis brachten ans Tageslicht, dass die Wehr mit ihrem Leiterwagen gar nicht erst die Brücke befahren kann, weil er nicht um die Kurve kommt.

Ein Jahr später gab es einen neuen Anlauf, die Brücke zu ertüchtigen, der die Erkenntnisse des Fahrverhaltens der vorgehaltenen Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr berücksichtigte. Nicht etwa wie zunächst gewünscht auf 16, sondern lediglich auf eine Belastung von sechs Tonnen ertüchtigt werden sollte nun die Enkerei-Brücke.

Nicht einmal ein RTW

Mit sechs Tonnen wäre sie ausreichend stabil, damit sie von einem Rettungstransportwagen überquert werden könnte, erklärte der seinerzeit amtierende Fachbereichsleiter Josef Braun. Mit rund 70.000 Euro hatte die Verwaltung damals die Kosten dafür kalkuliert.

Doch dieser Vorschlag verschwand während des Wartens auf die Genehmigung durch die Wasserbehörden wohl aus finanziellen Gründen und personellen Kapazitätsgrenzen erst einmal in den Schubladen des Rathauses. Dort wurde die Idee vor gut einem Jahr vom neuen Team im Tiefbauamt wieder herausgefischt, überarbeitet, aktualisiert und das Projekt neu angepackt. Mit dem vorläufigen Ergebnis, dass ein neuer Anlauf erforderlich ist, um die schmucke Brücke mit dem romantischen Ausblick sanieren zu können.

Während die Stadtführer die aktuelle Entwicklung ihrer Anekdotensammlung hinzufügen könnten, folgt die Feuerwehr weiterhin einer verschärften Ausrücke- und Alarmordnung bei Einsätzen im Verlauf der Enkereistraße. Im Ernstfall wird versucht, mit kleineren Fahrzeugen über Mühlen- und Klatterstraße an einen Einsatzort zu gelangen und das erforderliche Gerät notfalls per Hand herbei zu schleppen.

Und das Tiefbauamt bearbeitet bereits weitere Sorgenkinder. Die Brücke, die in der Hammstraße in den Gewerbepark Atsch führt, muss komplett erneuert werden. Die Vorbereitungen der Ausschreibung dazu laufen.

Schlussstrich Spinnereistraße

Den Schlussstrich ziehen unter den Neubau der Fußgängerbrücke in der Spinnereistraße soll dagegen heute der Vergabeausschuss mit einer aktualisierten Kostenfeststellung des Ingenieurvertrages. Ursprünglich kalkuliert hatte die Verwaltung Kosten für den Bau in Höhe von 60.000 Euro und für die Tragwerksplanung von 32.000 Euro. Tatsächlich ausgegeben wurden aber 135.000 Euro für den Bau und 50.000 Euro für die Tragwerksplanung. Entsprechend verdoppelt sich fast das Ingenieurshonorar auf knapp 33.000 Euro.

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