„Die AWO ist nicht McDonald‘s oder Lidl“

Von: Jürgen Lange
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Lange Gesichter und so gar nicht in Feierlaune: Die massive Kritik der AWO-Spitze mit Hans-Peter Barbeln, Beate Ruland und Andreas Johnsen (v.l.) stößt bei Fachbereichsleiter Andreas Pickhardt (r.) auf Unverständnis. Zahlreiche anwesende Bürger reagieren empört über die Situation, die die Realisierung des Seniorenheims gefährdet. Foto: J. Lange
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Hochrangige Vertreter der Politik sind gestern im Gespräch mit Hans-Peter Barbeln (2.v.r.) sofort um Schadensbegrenzung bemüht, hier Günter Flamm, Dr. Tim Grüttemeier, Hildegard Nießen und Dieter Wolf (v.l.).

Stolberg. Es sollte ein gemütlicher Nachmittag bei Würstchen und Getränken werden, um gemeinsam das geplante Heim für demente Senioren auf Süssendell zu feiern und Interessenten zu informieren. Doch als Beate Ruland, langjährig erfahrene Kommunalpolitikerin und Vorsitzende der AWO Mittelrhein, das Wort ergreift, werden die Gesichter der führenden Vertreter der Stolberger Politik vor Entsetzen leichenblass.

Die Gesichtszüge von Fachbereichsleiter Andreas Pickhardt entgleisen. Bürger reagieren über das Gehörte empört. Die Realisierung des Acht-Millionen-Euro-Projektes ist in Gefahr.

„Eigentlich hatten wir den Eindruck, dass wir mit diesem Leuchtturmprojekt, das einzigartig in Deutschland ist und 70 bis 80 Arbeitsplätze schaffen soll, in Stolberg sehr willkommen wären“, sagte Beate Ruland. „Doch die Entwicklung zeigt, dass es wohl nicht mehr so ist.“ Immer neue Forderungen würden an die AWO gestellt. Diese hätte man gerne in einem terminierten Gespräch beim Bürgermeister erörtert. „Doch leider konnte der Bürgermeister ganz kurzfristig nicht“, so Ruland weiter. „Heute hat er uns zum zweiten Mal versetzt“, erklärte Geschäftsführer Andreas Johnsen; denn Ferdi Gatzweiler weilt in Urlaub.

Was die AWO-Vertreter an dem Tag von den Fachleuten der Verwaltung zu hören bekamen, „bestärkte uns in der Annahme, dass von Seiten der Verwaltung nur wenig ernsthaftes Interesse an einer zügigen Realisierung des Projektes besteht“, so Ruland weiter. Der Fachbereichsleiter habe erklärt, dass die AWO Investoren wie McDonalds, Aldi oder Lidl gleich zu stellen sei. „Aber die AWO ist kein McDonald‘s, Lidl oder Aldi und ich wehre mich gegen diesen Vergleich“, betonte Ruland, dass sie als Wohlfahrtsverband dem Gemeinwohl verpflichtet sei; der Augenmerk liege hier auf tarifgebundene Arbeitsplätze und den betroffenen alten Menschen.

„Wir haben in der Stolberger Verwaltung einen wenig innovativen und verlässlichen Partner“, hatte Ruland ein Beispiel parat. Die AWO kaufe 7,5 Hektar auf Süssendell; davon verschenke sie vier Hektar an die Stadt plus 50 000 Euro und schließe eine Vereinbarung, dass damit der ökologische Ausgleich zur beiderseitigen Zufriedenheit erledigt ist. Die Verwaltung erinnere sich zwar an die Vereinbarung, nur habe die Stadt ihr Ziel nicht erreicht und fordere nun weitere 70 000 Euro und nicht bezifferte Arbeiten an der Zufahrtsstraße ein. Dieses Geld sei im Budget nicht vorhanden und auch nicht mit Stolberg vereinbart.

Ruland weiter: „Wenn es nötig ist, lassen wir das Projekt platzen. Das liegt dann nicht an uns, sondern an der Unzuverlässigkeit der Stolberger Verwaltung.“ Die AWO stehe zu ihren Vereinbarungen. „Es gibt von uns kein Ultimatum an die Verwaltung, aber einen lange bekannten Zeitplan“, stellte die Mittelrhein-Vorsitzende klar, dass sie weiter alles versuchen werde, das Projekt zu realisieren. Aber bis zu einer einvernehmlichen Lösung werde die AWO kein Geld mehr investieren.

Damit war die „Bombe“ geplatzt, die in erster Linie die Ratsvertreter überraschte, die die Entwicklung des Projektes längst in trockenen Tüchern sahen. Sofort mühten sich die anwesenden Fraktionsspitzen von CDU, SPD und Grünen in Gesprächen mit Beate Ruland sowie ihren Geschäftsführern Hans-Peter Barbeln und Andreas Johnsen und Projektleiterin Sabine von Homeyer ebenso um Schadensbegrenzung und Aufklärung wie in Unterredungen mit Fachbereichsleiter Andreas Pickhardt. Der nannte die Aussagen „einen Erpressungsversuch“. Denn bis September sei eine Lösung der Fragen zum ökologischen Ausgleich möglich. Dann soll der Stadtrat den Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan fassen. „Es ist alles nur eine mathematische Frage“, erklärte Pickhardt. Die Höhe des zu erfolgenden Ausgleichs sei durch ein Gutachten erst nach der Absprache mit der AWO festgestellt worden. Er habe „keine Prokura“ zu entscheiden, ob die Stadt Öko-Punkte als Ausgleich kostenfrei oder verbilligt bereitstelle. „Das muss der Rat beschließen, und der tagt im September“, so Pickhardt.

Der Stadtrat tagt aber auch am kommenden Dienstag. Dann soll Bürgermeister Ferdi Gatzweiler in öffentlicher Sitzung die Vorgänge um die Probleme bei der Realisierung des Seniorenheims umfassend aufklären. Bereits heute soll ihn ein Schreiben darüber in seinem Urlaub zugehen.

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