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Die Angst der Kneipen vor dem neuen Gesetz

Von: Heike Eisenmenger
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„Schlimm” und „extrem Exist
„Schlimm” und „extrem Existenz gefährdend”: Wirt Axel Breuer (Mitte) vom „Köpi”-Bistro und seine Gäste Detlev Vroomen (links) und Achim Cremers sind sich einig, dass der neue Gesetzesentwurf vom Tisch muss. Foto: Heike Eisenmenger

Stolberg. Donnernd schlägt der „Raubritter” mit der Hand auf die Theke: „Das ist meine Kneipe, mein Haus, meine Existenz - und das lasse ich mir von niemanden wegnehmen. Anstatt mir ihrem blödsinnigen Anti-Rauch-Gesetz noch mehr Arbeitslose zu produzieren, sollten sich die Politiker mit wichtigen Dingen wie dem Sozialbetrug in unserem Land beschäftigen”, lässt Konrad Högen, Inhaber der Altstadt-Kneipe „Zum Raubritter”, seinem Ärger freien Lauf.

Kaum ein Thema wird derzeit so kontrovers diskutiert, wie der Gesetzesentwurf der nordrhein-westfälischen Landesregierung zum Schutz von Nichtrauchern. Der Entwurf sieht eine drastische Verschärfung des bestehenden Gesetzes vor. Noch im Laufe dieses Jahres soll er verabschiedet werden. Geschieht das tatsächlich, wird es außer zu Hause kaum mehr Orte geben, an denen ungehindert Zigarettenqualm in die Luft gepustet werden darf.

Betroffen von der neuen Regelung wären vor allem Gastwirte, denn Ausnahmegenehmigungen für Brauchtumsveranstaltungen würden der Vergangenheit angehören, Raucherräume in Sport-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen gäbe es ebenfalls nicht mehr. Selbst auf einem Spielplatz müsste die Zigarettenpackung in der Tasche bleiben.

Klares Nein

Angesprochen auf das anvisierte Gesetz, reagiert die große Mehrheit der Stolberger Gastwirte mit einem klaren Nein.

Nicht nur ihr Veto war unmissverständlich klar formuliert: Die Umfrage zeigt deutlich, dass Politiker zunehmend an Glaubwürdigkeit einbüßen - zumindest unter den Wirten. Konrad Högen, der im Januar das siebte Bestehen seines Altstadt-Lokals „Zum Raubritter” feiert, nimmt kein Blatt vor den Mund: „Die Politiker kapieren scheinbar überhaupt nicht, was sie uns mit diesem Gesetz antun. Vielleicht wissen sie es aber auch, aber Hauptsache ist doch für die, in den Medien gut dazustehen - unter dem Deckmantel des Jugendschutzes.” Das sei offenbar wichtiger, als Arbeitsplätze zu erhalten, sprudelt sein Unmut aus ihm heraus.

„95 Prozent meiner Gäste inklusive meiner Person und auch mein Personal sind Raucher. Ein Rauchverbot würde meine Existenz ernsthaft gefährden, denn ich zahle schließlich noch den Kredit für das Haus mit der Gaststätte ab. Um das Haus kaufen zu können, habe ich meine Altersversorgung auflösen müssen”, erzählt der 53-Jährige. Doch nicht nur seine Existenz sei dann in Gefahr: „Da hängt ein ganzer Rattenschwanz dran. Betroffen wären zum Beispiel auch der Automatenhersteller und dessen Mitarbeiter.” Ebenso der Getränkelieferant und dessen Kollegen. „Die Spirale lässt sich beliebig fortsetzen”, umreißt der Wirt von Stolbergs kleinster Kneipe das Szenario.

„An der Eingangstür hängt ein Schild, dass der Eintritt erst ab 18 Jahren erlaubt ist und dass das hier eine Raucherkneipe ist.” Im Grunde sei es doch ganz simpel: „Entweder das passt mir oder ich bleibe draußen.” Gleich um die Ecke sei eine Kneipe, wo Rauchverbot herrsche. „Jeder soll nach seiner Fasson leben. Das hat für mich auch mit meiner generellen Entscheidungsfreiheit zu tun, wir sind hier schließlich nicht in einem Stasi-Staat”, betont der Altstadt-Wirt. „Natürlich weiß ich, dass Rauchen schädlich sein kann, aber diese Entscheidung treffe ich beziehungsweise trifft jeder Raucher für sich.” Zumal das Umsetzen der Direktiven ein weiteres Problem mit sich bringen würde. „Die Gäste müssten vor der Tür auf der Straße rauchen. Das würde automatisch Lärmbelästigung für die Anwohner rund um die Gasstätte bedeuten, zumal es in den Gassen in der Altstadt stark schallt.”

„Gäste, die wie Bordsteinschwalben vor der Tür stehen, weil sie eine Zigarette rauchen möchten”, sind auch aus Sicht von Wirtin Monika Schraeger ein Unding. Die 49-Jährige hat kürzlich die Traditionskneipe „Alt Stolberg” übernommen, die nur einen Steinwurf entfernt vom „Raubritter” liegt. „Das Rauchverbot verstehe ich als einen Angriff auf unsere Persönlichkeitsrechte. Ich rauche gerne und stehe dazu. Meinen Gästen geht es nicht anders. Warum also wird so ein Hantier veranstaltet?”

Ihr Vorschlag ist eine Unterteilung der Gaststätten in zwei Bereiche: „Es sollte am besten Kneipen für Raucher und welche für Nichtraucher geben, dann kann jeder aussuchen, was ihm persönlich lieber ist.” Ihr Mann Edmund ärgert sich vor allem über die Art und Weise des Umgangs, den die Politiker an den Tag legen würden: „Wir werden gar nicht gefragt, wie wir über dieses Thema denken. Was hat das noch mit Demokratie zu tun?”, zürnt der 51-Jährige.

Seine Frau schlägt in die gleiche Kerbe: „Dieses Gesetz ist einfach nur Schwachsinn pur. Die machen uns das Geschäft kaputt, dabei hat es die Gastronomie eh schon schwer genug”, sagt Monika Schraeger. „Wir befinden uns nicht nur in einer Wirtschaftskrise, sondern müssen auch die Veränderungen in der Gesellschaft auffangen.”

Früher sei die Kneipe Nachrichtenzentrale und zugleich sozialer Treffpunkt gewesen. Wichtige Geschäfte wurden nicht selten an der Theke abgeschlossen. „Wenn es tatsächlich zu diesem Gesetz kommen sollte, müssen wir Gastwirte uns zusammentun und gemeinsam klagen!”, appelliert Monika Schraeger.

Wie die meisten ihrer Kollegen macht sich auch Georgia Blees vom „Platia” am Kaiserplatz vor dem Hintergrund des angedachten Gesetzes Sorgen. „Das wäre ein großer Einschnitt. Wir haben extra den Küchenbetrieb eingestellt, damit die Gäste bei uns rauchen können. Beides zusammen ging ja nicht”, erzählt die gebürtige Griechin. Sie ist verunsichert. „Soll ich die Küche jetzt wieder aufmachen oder was?”, stellt die 52-Jährige die Frage in den Raum. Sie selbst war viele Jahre lang Raucherin. Ob jemand in ihrem Umfeld rauche oder nicht, störe sie auch privat nicht im Geringsten.

Aus der Sicht von Gert Moll, dem neuen Inhaber des Altstadt-Lokals „Zum Weißen Rößl”, ist eine Prognose schwierig. „Bevor ich diese Gaststätte übernahm, hatte ich in Zweifall ein Bistro. Dort war ein Rauchverbot von der Mehrzahl der Gäste erwünscht”, sagt Moll. „Wer ein Lokal ausschließlich mit Thekenbetrieb hat, wird wahrscheinlich schwerer vom Rauchverbot betroffen sein als der Wirt einer Gasstätte, der auch Essen anbietet”, vermutet Moll. „In meinem Lokal gibt es beides, darum hoffe ich, dass sich Verlust und Gewinn an Gästen die Waage hält”, erklärt der 42-Jährige.

Drastische Verluste befürchtet sein Mitbewerber Axel Breuer, der hinter der Theke des „Köpi-Bistro” steht. Er bezeichnet den Gesetzesentwurf als „schlimm, extrem Existenz gefährdend. Es ist der Entzug der persönlichen Freiheit”, findet Breuer und drückt den Zigarettenstummel im Aschenbecher aus.

„Nur neue Arbeitslose”

Detlev Vroomen, einer der Gäste im „Köpi-Bistro” an diesem Abend, sieht ebenfalls schwarz für die Gaststättenlandschaft, sollte das Gesetz in der angedachten Form realisiert werden. „Viele Lokale werden dicht machen müssen. Der Staat schafft sich damit nur noch neue Arbeitslose”, empört sich der bekennende Nichtraucher. Für Restaurants hingegen empfindet er das Rauchverbot als sinnvoll.

Auf dem Barhocker gleich neben Vroomen hockt Achim Cremers. Vor drei Jahren verbannte er den Glimmstengel aus seinem Leben, nachdem er über Jahrzehnte geraucht hatte. Ob nun einer raucht oder nicht, sei ihm völlig egal. Die räumliche Trennung in eine Raucher- und Nichtraucherzone in einer Gasstätte sieht er nur als Notlösung. Das „Köpi” liegt unter der magischen 75 Quadratmeter-Grenze, es darf also überall in der Kneipe geraucht werden. „Ich gehe doch in eine Kneipe, weil mich die Leute interessieren. Durch die Trennung in zwei Bereiche bleibt mir es mir zumindest teilweise verwehrt, neue Leute überhaupt kennenzulernen”, weist er der 50-Jährige auf die soziale Bedeutung einer Kneipe hin.

Der einzige der Gastwirte, der den Gesetzesvorstoß positiv sieht, ist Jürgen Schubert, der das Lokal „By George” betreibt. „Es ist rein wirtschaftlich gesehen die bessere Lösung, denn die einen wollen im Raucherbereich sitzen, die anderen aber nicht. Das ist kompliziert bei der Größe meines Lokals. Außerdem braucht man weniger oft zu renovieren, und wenn man permanent dem Rauch ausgesetzt ist, ist das nicht gut für die Atemwege”, erzählt der 41-Jährige.

„Für alle”

Nur eines müsse unbedingt gewährleistet sein: „Wenn das Rauchverbot eingeführt wird, dann für alle. Es kommen tatsächlich weniger Gäste, aber das reguliert sich mit der Zeit, sofern alle Gaststätten das Verbot einhalten.”
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