Stolberg-Büsbach - Der „Sandalen-Affäre” folgt das Glücksgefühl

Der „Sandalen-Affäre” folgt das Glücksgefühl

Von: Dirk Müller
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Unter der fachkundigen Anleitu
Unter der fachkundigen Anleitung von Reitlehrer Hans Flaam darf der neunjährige Simon auf der Stute „Fee” nach einigen Runden sogar in die Gangart „leichter Galopp” wechseln. Foto: D. Müller

Stolberg-Büsbach. Das Klischee „Jungs spielen Fußball, und Mädchen reiten” bestätigt sich bei unserer Lesertour auf Gut Hassenberg nicht: Gastgeberin Marianne Flaam begrüßt vier Jungs im Alter von 9 bis 13 Jahren zum Reiten - ein Mädchen ist nicht dabei.

„Das ist schon ungewöhnlich. Von den 21 Kindern, die an unseren Reiterferien teilgenommen haben, waren nur zwei Jungs”, sagt sie.

Ihr Blick fällt auf das Schuhwerk von Simon. Der Neunjährige trägt Sandalen. „Das geht natürlich gar nicht, beim Reiten braucht man immer festes Schuhwerk. Stellt euch mal vor, ihr säubert die Hufe des Pferds und es tritt euch versehentlich auf den Fuß”, gibt Marianne Flaam zu bedenken.

Dies ist die erste Lektion für die jungen Teilnehmer unserer Sommer-Lesertour, denn bevor sie die Zügel in die Hand nehmen, vermittelt Reitlehrer Hans Flaam ihnen theoretische Grundlagen des Reitens und der Pferdehaltung. Er führt die Kinder zunächst über das Gelände des Guts, deutet auf eine Wiese, auf der Pferde grasen. „Sie ist ein Hektar groß. Wisst ihr, wie viel das ist?”, fragt Hans Flaam.

Die Kinder wissen es nicht, und auch bei den Eltern macht sich Unsicherheit breit. „Das sind 10 000 Quadratmeter”, löst Flaam auf und lüftet auch das Geheimnis der großen Ballen in Kunststofffolien: „Das ist Heulage - halbtrockenes Heu mit hohem Nährwert.” Heulage sei als Futter gut für die Atemwege der Tiere, die, obwohl man es ihnen nicht ansehe, sehr empfindlich seien.

Nicht nur das Reiten selbst sei nicht so einfach, wie es aussehe, erklärt der staatlich geprüfte Pferdewirt und „Bereiter FN” auf dem Weg zu den Ställen: „Pferdehaltung ist aufwendig. Die Tiere müssen jeden Tag gefüttert und die Boxen täglich ausgemistet werden, auch samstags und sonntags, egal ob man keine Lust hat oder krank ist.”

Flaam spricht aus Erfahrung, er übernahm den Reitstall, in dem derzeit rund 50 Pferde versorgt werden, vor fast 30 Jahren von seinem Vater. Er zeigt den Kindern Futterpellets und führt sie zur Box der 16-jährigen Stute „Fee”, auf der die Kleinen gleich reiten werden.

Aber erst, nachdem die Vorbereitungen gemeinsam erledigt sind. Flaam mahnt dabei zu Konzentration: „Die meisten Unfälle passieren nicht beim Reiten, sondern im Umgang mit den Pferden”, beschreibt er und betrachtet argwöhnisch Simons Sandalen. Schon kommt seine Frau hinzu und bringt ein Paar Reitschuhe in Simons Größe. „Dazu gibt es sogar noch frisch gewaschene Socken”, sagt Marianne Flaam, während Hans Flaam „Kappen”, also Reithelme, für die Kinder holt.

Er sattelt anschließend „Fee”, zeigt den Kindern, wie das Zaumzeug richtig angelegt wird: „Die Zügel sind wie das Lenkrad beim Auto”, vergleicht Marianne Flaam. „Wie alt werden Pferde eigentlich?”, „Wie schwer ist so ein Sattel?” - Auch wenn Hans Flaam vieles veranschaulicht und erläutert, die Kleinen wollen noch mehr wissen. Sie erfahren, dass manche Pferde 30 Jahre alt werden, ein Sattel zwischen zehn und 15 Kilogramm wiegt und Hufeisen alle sechs Wochen vom Schmied für die einzelnen Pferde individuell angepasst werden wie orthopädische Schuhe beim Menschen.

„Das A und O beim Reiten ist das Sitzen. Wenn der Reiter richtig im Sattel sitzt, wird danach alles einfacher”, sagt Hans Flaam. Doch aller Anfang ist schwer. Das richtige Sitzen sei am Anfang sehr anstrengend: „Man spürt noch lange danach Muskeln, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat.” Die Gruppe um „Fee” erreicht die Reithalle, in der dank des „Normalmaßes” von 20 mal 40 Metern Prüfungen stattfinden dürfen.

Obwohl Markus als einziger der Jungs schon einmal „ein bisschen geritten ist”, macht Christian, der die Stute in die Halle führen darf, den Anfang. „Immer von der linken Seite aufsteigen”, weist der Reitlehrer ihn an und passt die Länge der Steigbügel auf die Größe des Jungen an. Flaam führt „Fee” an der Longe, und spätestens beim leichten Trab wird klar, dass er Christian bezüglich des richtigen Sitzens kaum instruieren muss. „Der Junge hat Talent”, kommentiert Marianne Flaam am Hallenrand, als Christian und „Fee” in den leichten Galopp übergehen. Der Dreizehnjährige macht eine gute Figur auf dem Pferd - und lächelt von einem Ohr bis zum anderen. Eine Szene, die sich noch dreimal wiederholt.

Der zehnjährige Jens und auch Markus (11), haben den Dreh schnell heraus, sitzen nach der fachkundigen Anleitung von Hans Flaam schon bald aufrecht im Sattel und genießen sichtlich das Glücksgefühl beim Galopp. Simon scheint es etwas mulmig zu sein, als er in den Sattel steigt - vielleicht weil er der jüngste der Gruppe ist, oder auch wegen der „Sandalen-Affäre”. Nach einigen präzisen Anweisungen des Reitlehrers und ein paar Runden an der Longe ist jedoch seine anfängliche Unsicherheit verflogen, und er strahlt. Nach seinem Ritt führt er „Fee” wie selbstverständlich in die Box zurück. Reitlehrer und Kinder nehmen der Stute Sattel und Zaumzeug ab, waschen das „Trense” genannte Gebissstück.

Im Reitercasino von Gut Hassenberg serviert Marianne Flaam den Jungs kühle Limo, den Eltern Wasser und Kaffee. Auch die kleinen Tüten Chips, die sie den Kindern anbietet, werden gerne angenommen. Zeit für das Fazit dieser Sommer-Lesertour unserer Zeitung. Jens, Markus, Christian und Simon sind sich einig: „Pferde und Reiten sind cool!”. Die anderen nicken eifrig, als Jens sagt: „Das hat wirklich Spaß gemacht, und wir haben auch noch viel gelernt.” Zum Beispiel, dass Reiten hungrig macht, denn kaum ist seine Chips-tüte leer, fragt er seine Mutter, was es denn zum Mittagessen gebe.
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