Der letzte Arbeitstag für Peter Kronenberg

Von: Michael Grobusch
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Am Montag hat er nach 42 Jahren im Schuldienst – davon 20 Jahre als Leiter der Grundschule Grüntalstraße – seinen letzten Arbeitstag: Peter Kronenberg. Foto: M. Grobusch

Stolberg. Die abschließende Frage nimmt er gleich vorweg: „Ich habe immer sehr gerne als Lehrer und Schulleiter gearbeitet. Aber jetzt freue ich mich darauf, mehr Zeit für andere Dinge zu haben.“ Peter Kronenberg sagt das mit Überzeugung. Nach 42 Jahren im Schuldienst, davon 20 Jahre als Leiter der Grundschule Grüntalstraße, hat der 65-Jährige gestern ein letztes Mal „seine“ Schüler in den Klassen besucht.

Am Montag findet dann die offizielle Verabschiedung statt. Kurz vor seiner Pensionierung hat sich Kronenberg im Interview zur Schule von gestern und heute und zu seinen Zukunftsplänen geäußert.

Die Stolberger Grundschulleiter haben sich nach monatelangen Verhandlungen auf einen Kompromiss zur Größe und Zahl der Eingangsklassen in der Innenstadt geeinigt. Wie bewerten Sie das Ergebnis?

Kronenberg: Das ist sehr in meinem Sinne. Die gerechte Verteilung der Kinder mit Herkunftsgeschichte, und darum ging es ja im Kern, erhöht die Chancengleichheit. Sprache ist eine Schlüsselqualifikation, Kinder brauchen deshalb auch muttersprachliche Sprachvorbilder. Das Ergebnis unserer Gespräche hat nichts mit Sieg oder Niederlage zu tun. Es ist einfach eine Notwendigkeit für Stolberg.

Ist diese Art der Kooperation eine Premiere?

Kronenberg: Es gab schon einmal eine Vereinbarung zwischen den Grundschulen in der Atsch, auf dem Donnerberg, der Hermann- und der Grüntalstraße. Damals, Mitte des letzten Jahrzehnts, wurden in der Innenstadt immer mehr Kinder angemeldet, während die Grundschule Höhenstraße ihre Zweizügigkeit zu verlieren drohte. Das galt es zu verhindern.

Heute ist die Situation genau umgekehrt.

Kronenberg: Nicht die Schülerzahl hat sich geändert, sondern die Struktur. Damals hatten wir in unserer Schule 33 Prozent Kinder mit Herkunftsgeschichte, heute sind es mehr als doppelt so viele. In Zeiten, in denen Eltern ihre Kinder schon im Kindergarten-Alter durch das gesamte Stadtgebiet fahren, gibt es solche Entwicklungen.

Welche Rolle spielen Vorurteile dabei?

Kronenberg: Es gibt Leute, die behaupten, dass die Qualität des Unterrichts und einer Schule davon abhängt, wie viele Ausländer dort sind. Das ist völliger Quatsch. Die Qualität einer Schule hängt von der Unterrichtsqualität ab und nicht davon, wie viele Kinder mit Herkunftsgeschichte sie hat. Wenn man klasse Lehrer hat, ist man eine klasse Schule. So einfach ist das.

Sie waren lange verantwortlich für die sprachliche Förderung im Primarbereich der Städteregion und zudem sieben Jahre lang Mitglied des Arbeitskreises Migrantenförderung der Bezirksregierung. Wie hat sich das auf die Grüntalschule ausgewirkt?

Kronenberg: Nach den Konferenzbeschlüssen aus dem Jahr 2009 haben wir das Konzept „Deutsch als Zweitsprache“ an unserer Schule entwickelt. Ausgehend von einem Sprachkurs für einige Kinder in der ersten Klasse ermöglicht das Konzept den meisten Schülern, mit Hilfe von Differenzierung und teilweise doppelter Lehrerbesetzung am Deutschunterricht der Regelklasse teilzunehmen. Seit Beginn der Umsetzung erleben wir eine sehr positive Entwicklung an der Grüntalschule, wie unsere jährliche Evaluation in den dritten Klassen belegt. Die Deutschkompetenz ist erheblich gesteigert worden. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir ein solches Ergebnis auf diesem Wege erreicht haben.

Auch in den Kitas wird verstärkt Sprachförderung betrieben. Macht sich das bei der Einschulung bemerkbar?

Kronenberg: Auf jeden Fall. Die Deutschkenntnisse haben sich stark verbessert. Früher hatten wir viel mehr Kinder, die zum Einstieg einen Sprachkurs belegen mussten.

Sie verlassen am Montag die Grüntalschule, einen Nachfolger für die Schulleitung gibt es aber nicht. Wie geht es weiter?

Kronenberg: Bislang hat sich niemand auf diese Stelle beworben. Deshalb werden meine Kolleginnen Elvi Keus, Brigitte Knauff-Kirch und Ilona Froitzheim bis auf weiteres die Schulleitung als Team kommissarisch übernehmen. Sie sind alle seit mehr als 20 Jahren an dieser Schule tätig und haben ein sehr engagiertes Kollegium an ihrer Seite.

Das ist sicher nicht der einzige Fall von Nichtbesetzung einer Schulleiter-Stelle.

Kronenberg: Bei weitem nicht. In Nordrhein-Westfalen fehlen derzeit rund 1200 Schulleiter, davon alleine knapp 800 in Grundschulen.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Kronenberg: Ich glaube, das hat etwas mit Verantwortung zu tun. Als Schulleiter hat man eine große Verantwortung, und ich konnte damit immer gut umgehen. Dafür muss man natürlich eine gewisse Einstellung haben. Die fehlt Kollegen heutzutage öfters schon mal. Um das klar zu sagen: Ich glaube nicht, dass das Finanzielle den Ausschlag bei der Frage gibt, ob man Schulleiter werden will oder nicht.

In vielen europäischen Ländern und auch einigen deutschen Bundesländern umfasst die Grundschule sechs Jahre. Was gibt Ihrer Meinung nach den Ausschlag dafür, dass das in NRW nicht der Fall ist?

Kronenberg: Für mich steht fest, dass die Grundschulzeit bei uns zu kurz ist und mindestens sechs Jahre dauern müsste. Eine Änderung ist eine Fragen der Ressourcen, das erscheint vielen einfach zu teuer. Deshalb geht leider niemand an das Thema heran.

Vielleicht wird das in zehn Jahren anders sein. Wie sehen Sie die Grundschule 2023?

Kronenberg: Ich wünsche mir, dass die Menschen, die dann in den Grundschulen arbeiten, mehr Zeit haben werden, Dinge umzusetzen, und nicht immer wieder mit Neuem konfrontiert werden. Es gibt in unserem Bildungssystem leider zu viel, was angestoßen und nicht zu Ende geführt wird. Mehr Ruhe und Konstanz würde da guttun.

Und was wird Ihnen ab Dienstag guttun?

Kronenberg: Zum Beispiel ein Tagesablauf ohne frühes Aufstehen, Konferenzen und Statistiken. Ich möchte gerne noch etwas Anderes machen und die Zeit, die mir nach der Pensionierung bleibt, für Dinge nutzen, die ich mir immer schon gewünscht habe, für die aber bisher nie genügend Zeit vorhanden war.

Was haben Sie konkret vor?

Kronenberg: Ich möchte Vorlesungen in Geschichte und Kunstgeschichte in Aachen und Köln besuchen – aber nicht im Seniorenstudium. Ich werde einen Kurs in englischer Malerei und einen Computerkurs belegen. Zudem möchte ich mehr Sport treiben und mehr lesen. Und ich werde reisen: Das erste Ziel steht schon fest: die Eremitage Sankt Petersburg.

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