Stolberg - Der erste Eindruck, die einzige Chance einer Bewerbung?

Der erste Eindruck, die einzige Chance einer Bewerbung?

Von: Robert Flader
Letzte Aktualisierung:
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Mehr Chancen mit Foto? Manche Unternehmen setzen nicht mehr auf die „klassische” Bewerbungsmappe - andere schon.

Stolberg. Der erste Blick. Der erste Handschlag. Die erste Frage. Die erste Antwort. Wie schätzt mich mein potenzieller Chef in spe ein? Warum sollte er sich ausgerechnet für mich entscheiden? Keine Frage, beim Vorstellungsgespräch gibt es einiges zu beachten.

Doch längst ist der erste persönliche Eindruck zwischen Bewerber und potenziellem Arbeitgeber für viele nicht die größte Herausforderung, die auf dem Weg zur Einstellung zu bewältigen scheint.

Im Gegenteil: Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, sagt: „Bei Bewerbungen haben zum Beispiel Frauen mit Kindern, ältere Menschen oder Bewerber mit ausländisch klingenden Namen oder Wurzeln ganz einfach schlechtere Chancen als andere.” Die gehe aus einer Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) und der Universität Koblenz hervor.

Aus diesem Grund ist nun eine Pilotstudie zur Anonymiserung von Bewerbungen ins Leben gerufen worden, an der insgesamt fünf Großunternehmen bundesweit teilnehmen.

Ziel ist hierbei, dass Unternehmen nur aufgrund der fachlichen Qualifikation eines Bewerbers entscheiden, ob die Person zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird oder nicht. Foto, Familienstand, Geburtsdatum und Herkunft liegen bei den Projektbewerbungen nicht vor. „Manche Bewerbungen”, ergänzt Lüders, „enden in Sekundenbruchteilen. Ein Blick auf den Namen, Alter oder Geschlecht genügt und die Mappen landen in der Tonne.”

„Ohne Foto gleiche Chancen”

In Stolberg spielen solche Gedanken keine Rolle, auch weil das anonyme Auswahlverfahren in der Kupferstadt ohnehin nicht angewendet wird.

Einzelne Ausnahmen gebe es. „Bewerbungen ohne Foto haben bei uns die gleichen Chancen wie Unterlagen, die ein Bewerbungsfoto beinhalten”, sagt Hubert Brock, stellvertretender Personalleiter von Leoni Kerpen. Vielmehr würde der erste Eindruck zählen: „Es kommt natürlich in erster Linie auch auf das Stellenprofil an, wer passt zu dem angebotenen Job.”

Wenige Kilometer weiter, bei Prym Consumer, sieht das die Personalabteilung ähnlich. „Die Situation wird momentan etwas überinterpretiert”, sagt Christel Desens. Die Personalleiterin ergänzt: „Eine Bewerbung, ein Stück Papier ist geduldig. Es kommt vielmehr darauf an, ob ein Bewerber in unser Team passt, ob er leistungsorientiert arbeitet.” Die Herkunft spiele keine Rolle. Desens: „Wir haben Mitarbeiter aus vielen verschiedenen Ländern.”

Auch Brock sieht im Migrationshintergrund kein Hindernis: „Schauen Sie”, sagt der stellvertretende Personalleiter von Leoni Kerpen, „wir sind überall international aufgestellt, auch in Stolberg.” Anonyme Bewerbungen hätten aber durchaus die gleich Chancen, Einstellungsgrundlage sei nach wie vor ein persönliches Gespräch, um den Kandidaten richtig einzuschätzen. Christel Desens: „Da erlebt man dann manchmal die dollsten Dinge.”

Deutliche Kritik an dem anonymisierten Auswahlverfahren, das bereits seit den 1960er Jahren in den USA populär ist und auch in Frankreich seit dem vergangenen Jahr vor allem Bewerbern mit nordafrikanischen Wurzeln mehr Chancen geben soll, äußert unterdessen der Arbeitgeberverband und die Industrie- und Handelskammer. „Die Stellenbesetzungen werden nur aufwändiger”, sagt Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt.

Ähnlich äußert sich auch Achim Dercks: „Gegen Diskriminierung vorzugehen ist richtig”, erklärt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. „Ob man dieses Ziel aber durch anonymisierte Bewerbungen erreicht, ist mehr als zweifelhaft.”

Die Anonymisierung findet im Rahmen des Pilotprojektes zwar freiwillig statt, doch zumindest in Stolberg scheint das, was wirklich zählt, nach wie vor der erste - persönliche - Eindruck zu sein.
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