Der Architekt, der vom Flüchtling zum Dolmetscher wurde

Von: Laura Beemelmanns
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Eine alltägliche Situation im Rathaus: Ein Flüchtling (rechts) sucht Rat bei „Flüchtlingskoordinator“ Ralf Esser (2.v.l.) und dem Ersten Beigeordneten Robert Voigtsberger (links). Amir Bageri (2.v.r.) steht als Übersetzer zur Seite. Foto: L. Beemelmanns

Stolberg. Als Amir Bageri vor etwa sieben Monaten aus dem Iran floh und am Ende seiner beschwerlichen Reise in Stolberg landete, führte ihn sein Weg beinahe täglich ins Rathaus. Er verbrachte viel Zeit dort, stellte Fragen, wollte aber auch helfen. Er war auf der Suche nach einer Aufgabe, einem Job. Nun arbeitet er freiwillig als Übersetzer - ein Glücksfall für die Stadt und seine Landsleute.

In seinem Heimatland war Bageri ein gefragter Architekt. Er führte ein gutes Leben, doch das ließ er hinter sich – für eine bessere Zukunft in Deutschland. Eine Zukunft ohne Krieg, eine Zukunft ohne Angst. Bageri ist Flüchtling und lebt zurzeit in der Kupferstadt.

Bei all seinen Aufenthalten im Rathaus traf er eines Tages auf Ralf Esser. Er ist „der Flüchtlingskoordinator“. Zumindest wird er im Rathaus liebevoll so genannt. Esser ist Sozialpädagoge im Sozialamt und betreut etwa 140 Flüchtlinge. Er besucht sie, hilft ihnen im Alltag, löst Konflikte. Er ist ein bisschen so etwas wie das „Mädchen für alles“. Und er liebt seinen Job.

Zu Bageri hatte er auf Anhieb einen guten Draht. Die beiden Männer haben sich im Flur getroffen, sie kamen ins Gespräch und Esser stellte sofort fest, dass Bageri schon gut Deutsch sprach. „Wenn ich merke, dass jemand Deutsch spricht, dann spreche ich auch nur noch Deutsch. So lernen die Menschen schneller die Sprache“, sagt Esser. „Alltagsintegrierte Sprachförderung“ nennt er das. Bageris Deutsch aber war besser als das vieler anderer Flüchtlinge. Und das schon nach sieben Monaten.

„Ich hatte in der Schule früher ein paar Deutschstunden. Den Rest habe ich hier auf der Straße gelernt“, sagt er. Bageri und Esser vereinbarten damals, dass sie zusammenarbeiten könnten. „Jemand der so gut Deutsch spricht und dann natürlich auch seine Heimatsprache, der eignet sich prima als Übersetzer“, sagt Esser. Sie tauschten Nummern aus. Seitdem ist Amir Bageri Ralf Essers „zweite Sprache“.

Die Zusammenarbeit besteht seit Anfang des Jahres. Bageri begleitet Esser immer dann, wenn er Gespräche auf Farsi übersetzen muss. Er steht sozusagen auf Absprung bereit. Von dieser Zusammenarbeit profitieren beide Parteien. Bageri, weil er eine Aufgabe hat, durch die er viel bewegen kann, und die Stadt Stolberg, weil sie einen Übersetzer hat, der flexibel ist.

„Mitte vergangenen Jahres haben sich alle Kommunen mit einer Situation konfrontiert gesehen, die uns gefordert hat. Menschen, die in Not geraten sind, sind zu uns gekommen. Sie haben hier in Stolberg Schutz gesucht“, sagt der Erste Beigeordnete, Robert Voigtsberger. Damals seien viele Menschen aus den Balkan-Staaten gekommen. „Mittlerweile hat sich das stark verändert. Jetzt sind viele Menschen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, dem Irak und Iran hier“, sagt Voigtsberger.

Und für diese Menschen Übersetzer zu finden, sei nicht so einfach. „Bei den Balkan-Staaten war es leichter“, ergänzt Esser. Kroatisch oder Serbisch werde eben häufiger gesprochen. Farsi und Arabisch kommen in der Region nicht so häufig vor – und dann muss es ja noch jemand sein, der zusätzlich Englisch oder im besten Fall Deutsch spricht.

Bageri ist daher ein echter Glücksfall. „Ich muss ihn nur anrufen und dann kommt er sofort“, sagt Esser. Inzwischen haben sich die beiden sogar angefreundet. Und Bageri gefällt seine neue Aufgabe hier in Stolberg. „Ich gebe meine Handynummer immer weiter, wenn ich merke, dass jemand Hilfe braucht“, sagt er. Außerdem gefalle ihm die deutsche Sprache. „Sie klingt so philosophisch“, sagt er.

Die Herausforderungen für Bageri und Esser sind die unterschiedlichen Kulturen, die aufeinander prallen. „Wir haben hauptsächlich mit jungen Männern zu tun und zum Teil leben sie auf engem Raum zusammen“, sagt Esser. Es gilt, viele Konflikte zu lösen oder sie im besten Fall vorher schon zu vermeiden. „Wir versuchen die Männer in möglichst vertretbaren Gruppen unterzubringen“, sagt er. Wer mit wem am besten zurecht kommt, versuchen sie in Gesprächen rauszufinden.

„Die Integration fängt dann an, wenn die Menschen hier angekommen sind“, sagt der Flüchtlingskoordinator. „Die Menschen müssen die Sprache lernen, daher sprechen wir viel Deutsch mit ihnen“. Damit ist es jedoch nicht getan. Esser und Bageri müssen ganz banale Alltagsregeln vermitteln. „Wir haben zusammen einen Müllplan erstellt. Ich habe Amir erklärt, was drin stehen muss, und er hat es übersetzt“, sagt Esser. Denn auch Themen wie Mülltrennung seien wichtig und den meisten Flüchtlingen fremd.

Nun könnte man sagen, dass Esser auch viel von den Flüchtlingen erwartet. Er fordere viel von ihnen und er möchte, dass sie schnell Deutsch lernen. Damit wolle er sie jedoch keineswegs ärgern, sondern ihnen bei der Integration helfen. Denn wenn es so wie bei Bageri laufe, stünden die Chancen höher, dass sie in Stolberg eines Tages ein Zuhause sehen. Um das zu betonen, hat Esser den jungen Männern, mit denen er derzeit zu tun hat, auch ein Versprechen gegeben: „Wenn ihr Deutsch lernt, dann lerne ich Persisch.“


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