Den letzten Weg gemeinsam bestreiten

Von: Sonja Essers
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Die letzten Stunden ihres Lebens wollen viele Menschen nicht allein verbringen. Diesen Wunsch erfüllt der Ambulante Hospizdienst. Foto: epd
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Begleiten Menschen auf ihrem letzten Weg: Gabriele Schippers und Edgar Beckmann. Foto: S. Essers

Stolberg/Eschweiler. Es ist eines der Tabuthemen in der Gesellschaft: der Tod. Der Gedanke an den letzten Weg im Leben wird in den meisten Fällen verdrängt. Diese Erfahrung haben Edgar Beckmann und Gabriele Schippers vom Ambulanten Hospizdienst Eschweiler/Stolberg gemacht.

Sie sind der Meinung, dass sich mehr Kupferstädter frühzeitig mit dem Ende ihres Lebens auseinandersetzen sollten. „Es gibt Vorbereitungen zur Geburt, warum nicht auch für den Tod? Schließlich gehört das Sterben zum Leben“, sagt Gabriele Schippers.

Im Rahmen des Welthospiztages wollen sie und Beckmann mit Vorurteilen aufräumen. „Mit unserer Arbeit können wir viele Ängste am Lebensende nehmen“, sind sie sich sicher. Seit 1998 setzt sich der Verein dafür ein, dass Menschen ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben führen können – bis zum Tod. Schippers, Beckmann und ihre Mitstreiter begleiten die Schwerkranken und ihre Angehörigen dort, wo sie zu Hause sind: in ihren Wohnungen, im betreuten Wohnen und in Pflegeheimen.

Nicht nur die Begleitung steht im Vordergrund. Der Hospizdienst leistet zudem Aufklärungsarbeit. Mit Zehntklässlern sprechen die Ehrenamtler genauso über den Tod wie mit Grundschülern. An der Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung Stolberg-Münsterbusch sowie an der Grundschule Lucherberg und der Gemeinschaftsgrundschule Dürwiss waren sie bereits zu Gast und boten dort Projektwochen an.

Dies stieß jedoch nicht nur auf Begeisterung. Immer wieder hörten Schippers und Beckmann von Eltern, dass dies kein Thema für Kinder sei. Das sieht Schippers, die als Koordinatorin für den Verein tätig ist, anders. „Kinder sehen und hören viel. Sie bekommen mit, dass Großeltern sterben oder Geschwister krank sind.“

Dass Aufklärung bereits im jungen Alter eine wichtige Rolle spielt, weiß auch Beckmann. Der Vorsitzende des Hospizdienstes hat mit dem Projekt bisher nur positive Erfahrungen gemacht. „Kinder gehen mit diesem Thema gut um, stellen viele Fragen und sind sehr aufmerksam. Das schönste Lob einer Klassenlehrerin war, dass in dieser Woche kein Kind gefehlt hat.“ Und auch die Eltern seien meist am Abschlusstag vom Projekt überzeugt.

Derzeit besteht der Verein aus 25 Ehrenamtlern, die sich um 19 Kupfer- und Indestädter kümmern. „Wir brauchen aber neue Helfer, da zunehmend Anfragen kommen“, sagt Schippers. Ein neuer Kurs soll im Januar starten (siehe Box).

Wie die Arbeit der Ehrenamtlichen aussieht? Sie beginnt in der Regel mit einem Anruf. „Manchmal ist es sehr kurzfristig und dringend“, sagt Schippers.

Begleitungen über einen kurzen Zeitraum seien oft problematisch. Schließlich könne man in zwei oder drei Besuchen kaum eine enge Bindung zum Patienten aufbauen. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen oft anrufen, wenn es schon zu spät ist. Es wäre besser, wenn man sich zeitiger Gedanken macht“, so Beckmann.

In den ersten Stunden der Begegnung steht das Kennenlernen an. Wie die Besuchstage gestaltet werden, ist Ehrenamtlern und Patienten überlassen. Vorlesen und Singen können genauso auf dem Programm stehen wie das Erfüllen von Wünschen. „Es gibt Patienten, die gerne noch einmal den Friedhof besuchen würden“, sagt Schippers. Musik spiele bei Menschen mit Demenz eine wichtige Rolle. „So kann man sie gut erreichen.“

Manchmal sei man auch eine Art Sozialarbeiter. „Wir sind oft der letzte Kontakt, den die Patienten noch zur Außenwelt haben. Aus diesem Grund ist wichtig, dass die Chemie zwischen Patient und Betreuer stimmt.“

Zwei bis drei Mal in der Woche sind die Betreuer zwischen zwei und vier Stunden im Einsatz. Mehrfachbegleitungen will der Verein vermeiden. In manchen Fällen sei diese allerdings auch von Vorteil. Vor allem dann, wenn jüngere Patienten den letzten Weg vor sich haben. „Dann kann man sich austauschen“, erklärt Schippers.

Auch mit den Themen Nähe und Distanz müssen sich die Betreuer auseinandersetzen. „Ich kann nicht jedes Mal mitsterben. Das ist einfach zu viel“, sagt Schippers. Aus diesem Grund sollten die Ehrenamtler nicht zu sehr belastet sein. „Nur wenn es einem selbst gut geht, kann man anderen helfen. Man muss auf der Seite des Lebens stehen“, sagt Beckmann.

Eine wichtige Rolle spielt am Ende des Lebens der Ort des Sterbens. „Die meisten möchten zu Hause sein, keine Schmerzen haben und nicht alleine sein“, sagt Beckmann und fügt an: „Diese Wünsche können wir erfüllen. Das ist nur vielen nicht bekannt.“

Unterstützt wird Beckmanns These von aktuellen Zahlen. „80 Prozent der Kranken möchten zu Hause sterben“, zitiert Schippers eine bundesweite Umfrage des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands. Doch nur in 28 Prozent der Fälle werde dieser Wunsch erfüllt. Bei Menschen, die einem Palliativnetz angeschlossen sind, steigt die Zahl auf 56 Prozent an. Nur selten haben sich Kranke und Angehörige mit dem Thema zuvor auseinandergesetzt. „Wenn es soweit ist, herrscht oft Sprachlosigkeit“, sagt Beckmann.

Ähnlich sei es mit dem Thema Patientenverfügung. „Ist es nicht schlimmer, wenn Angehörige nicht wissen, was der möchte, der gehen muss?“, fragt Schippers. Aber gibt es dafür den richtigen Zeitpunkt? Beckmanns Antwort ist deutlich: „Spätestens wenn man volljährig ist, sollte man sich damit auseinandersetzen. Unfälle können immer passieren.“ Was viele nicht wissen: Der Ehepartner hat nicht gleichzeitig die Vorsorgevollmacht. Schippers warnt zudem, zu viele Menschen einzutragen: „Die müssen sich untereinander abstimmen.“ Sie meint: Das Ausfüllen sei kein Nachteil, sondern ein Vorteil, da es beruhige.

Der Blick in die Zukunft verspricht das Gegenteil. Schließlich kommen neue Probleme auf den Verein zu. „Wie werden Obdachlose, Muslime und Menschen mit Handicap versorgt und wie bekommt man einen Zugang zu ihnen?“, so Schippers. Sie und Beckmann wünschen sich, dass mehr Menschen auf ihre Arbeit aufmerksam werden. „Wir begleiten Menschen, die einsam sind. So stirbt unsere Arbeit ein Stück mit jedem, der geht“, sagt Schippers.

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