Stolberg - Defizit im Karneval: „Kosten einer Tollität im Komitee sozialisieren”

Defizit im Karneval: „Kosten einer Tollität im Komitee sozialisieren”

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
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Die Schlüsselübergabe im Festzelt hat die Stimmung in den Gesellschaften gedämpft und die Verhältnisse auf den Kopf gestellt: Fettdonnerstag erstürmen die Karnevalisten zur Machtübernahme die Altstadt. Foto: J. Lange

Stolberg. Wenn am Freitagabend der 75.Narrenherrscher in der Kupferstadt proklamiert wird, wird wie in den Jahrzehnten zuvor eine Person im Mittelpunkt stehen: „Nur Tollität, aber nie die Erste Große”, betont Andreas Smyra.

Die „Erste Große” ist die größte Karnevalsgesellschaft in Stolberg. „Wir freuen uns, dass wir mit Torsten Graf wieder einen dynamischen und jungen Prinzen präsentieren und begleiten können”, sagt Smyra, dessen Präsidentenamt in der Gesellschaft zwar formal ruht, der es aber weiterhin operativ ausübt. Das hat etwas mit einem Stolberger Lieblingsthema zu tun: die Prinzenfindung, -begleitung und -finanzierung.

Veränderte Mitgliederstruktur

Das war für dieses Jahr kein Problem. „Nach der tollen Session mit Michael reifte bei dessen Entlaubung an Veilchendienstag die Entscheidung von Torsten”, bilanziert Smyra. Und auch für die kommenden drei Jahre gebe es bereits ernsthafte Interessenten. Aber eine so glückliche Ausgangslage hat es in den vergangenen Jahren nicht immer gegeben.

Rund 50 Auftritte absolviert die Tollität im Laufe der Session. Alle werden begleitet von der Leibgarde und neuerdings vom Hofstaat des Prinzen. „Wie in jedem Jahr liegen die Lasten und Kosten dafür bei Tollität und der Ersten Großen”, so Andreas Smyra. „Darüber muss man auch einmal sprechen dürfen”.

Das hat die Erste Große getan im Sommer 2009, als sie angesichts eines noch fehlenden Prinzen das Stolberger Karnevals-Komitee um Findungshilfe bat, und bei der Gelegenheit darauf hinwies, dass die Traditionsgesellschaft auf Dauer gesehen die Prinzenbegleitung nicht alleine mehr stemmen können wird. Das gelte auch für die Kosten, die auf zusätzliche Schultern verteilt werden müssten. „Immerhin bringt ein Auftritt der Tollität in Begleitung unserer Gesellschaft eine gute halbe Stunde kostenfreies Programm mit auf die Bühne”, verdeutlicht Smyra.

Dieses Schreiben entfachte eine ausführliche Diskussion im Komitee und war zugleich eine Steilvorlage an die Gesellschaften, „die uns alles wegnehmen wollen”, so der „Erste-Große”. Die kontroverse Debatte mündete in einem Diskussionspapier, das aber auf der Mitgliederversammlung im Dezember mit knapper Mehrheit abgelehnt wurde. Darin waren beispielsweise Ansätze zur Finanzierung zu finden. Sie sollten auf solide Beine gestellt werden durch eine Senkung der Kosten und Steigerung der Einnahmen, beispielsweise durch eine Kommerzialisierung der Prinzenproklamation.

„Die eigenen Veranstaltungen unserer Gesellschaft schreiben alle schwarze Zahlen”, unterscheidet Smyra. Aber die mit einem Prinzen verbundenen Kosten könne die Erste Große nicht mehr alleine tragen. „Wir können uns ja nicht wie die Stadt ständig Geld bei einer Bank ausleihen”.

Die Mitgliederstruktur sei im Umbruch, langjährige Förderer verschieden und Sponsoring immer schwieriger zu erhalten. „Die Kosten der Tollität verbleiben als strukturelles Defizit, das unter den Komitee-Gesellschaften sozialisiert werden muss”, fordert Andreas Smyra: „Diese Diskussion wird geführt werden müssen, weil die Erste Große 2012 nicht mehr in der Lage sein wird, einen Prinzen zu finanzieren”. Spätestens dann werde die Debatte ein Problem des Komitee sein.

Eine Debatte, die der Komitee-Präsident nach den vielfältigen Diskussionen der vergangenen Monate derzeit nicht führen möchte. „Jetzt feiern wir erst einmal in aller Ruhe bis Aschermittwoch Karneval”, sagt Josef Behlau. Danach könne die „von der Ersten Großen selbst initierte Diskussion” fortgesetzt werden.

Während sich das gute Dutzend der im Komitee zusammengeschlossenen Gesellschaften in der Prinzenfrage noch nicht einigen konnten, so stehen sie jedoch wie ein Mann hinter einer Neuerung im Stolberger Karneval: Die Schlüsselübergabe an Prinz TorstenI. findet an Fettdonnerstag nicht etwa vor dem Rathaus, sondern auf dem Alter Markt statt. „Das ist ein Versuch in Eigenleistung, um dem närrischen Publikum wieder mehr Platz zu geben”, erklärt Josef Behlau.

Das raumgreifende Festzelt auf dem Kaiserplatz war den Gesellschaften immer wieder ein Dorn im Auge bei der Schlüsselübergabe. Weil es den Narren, die allerdings längst nicht mehr so zahlreich erschienen, zu wenig Platz lasse. Als der Bürgermeister im schnee-kalten Vorjahr die Rathaus-Erstürmung kurzerhand ins Festzelt verlegte, brachte ein Tropfen das Fass zum Überlaufen: „Wir konnten den Prinzen kaum begleiten, Besucher mussten Eintritt zahlen”, konstatiert Andreas Smyra.

Da wären sogar Eltern, die nur ihren Nachwuchs einsammeln wollten, zur Kasse gebeten worden. Und überhaupt. So recht passte den Gesellschaften das Flair der Veranstaltung nicht mehr ins Konzept. Die Bühne stand Zuschauern immer irgendwie im Weg, und „der Ursprung der Tradition ging zusehends verloren”, erinnert sich Smyra noch gerne an die Zeiten zurück, in denen die Rathausspitze auf der Freitreppe des Rathauses erst nach hitzigen Wortgefechten mit Präsidenten und Kommandanten seinen Widerstand gegen die närrischen Untertanen aufgab. Da fühlten sich die Karnevalisten ihrem Volk noch näher.

Das soll in der Altstadt 11.11 Uhr wieder anders sein. „Der Bürgermeister hatte gegen unsere Idee nichts einzuwenden”, sagt Josef Behlau. Und so erfolgt am Fettdonnerstag 2011 erstmals der Sturm „de Veet eropp”. Dann formieren sich die Gesellschaften vor dem Festzelt auf dem Kaiserplatz und ziehen durch Steinweg und Burgstraße zum Alter Markt zur Schlüsselübergabe, bei der das Komitee selbst für Speis und Trank, um mit den Einnahmen das klammen Budget aufzubessern.

Davon sollen auch die Altstadt-Wirte profitieren können, „die uns das ganze Jahr über gewogen sind”, betont Smyra. Denn das Komitee erwartet, dass die Besucher der Schlüsselübergabe im Anschluss ebenso wie die Uniformierten den Kneipen einen Besuch abstatten werden.
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