Stolberg-Vicht - Das Ende einer Ära als Frisurenmeister

Das Ende einer Ära als Frisurenmeister

Von: Johannes Mohren
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Hans Graff auf der Baustelle: Das Mobiliar des Friseursalons ist bereits raus – die Umbauarbeiten zum Dorfladen laufen derweil auch Hochtouren. Nun blickt er ein letztes Mal auf sein Lebenswerk. Foto: Mohren

Stolberg-Vicht. Es ist eine Tür, die Sinnbild ist für das Ende einer Ära. Die Tür, durch die für Hans Graff jeden Morgen der Weg aus seiner Wohnung in seine Arbeitswelt, den Friseursalon eine Etage tiefer, führte. Seit 1972, seit 42 Jahren. „Die gibt es vielleicht noch ein oder zwei Tage, dann wird sie zugemauert“, sagt Graff, als er auf der Baustelle steht.

Der 75-Jährige lässt seinen Blick umherschweifen. „Die Bambuswand war Teil meines Salons, als Abtrennung zwischen Männer- und Damenbereich“, sagt er. Jetzt lehnt sie etwas verloren an einer kargen Wand. Sie ist ein letztes Accessoires, das daran erinnert, das hier einmal sein Friseurgeschäft war: „Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl.“

Draußen vor dem Fenster zum Innenhof türmen sich noch Teile der Einrichtung, die auf den Sperrmüll warten. Nur der vordere Teil des Ladens – Handelswarenbereich, Lotto- und Toto-geschäft, Postfiliale und Reisebüro der Ehefrau Erika Graff – hatte bis zu diesem Wochenende Schonfrist.

Seinen Salon hat Hans Graff hingegen schon vor einem Monat eigenhändig mit abgebaut. Es war ein Samstag. „Ich hatte um 14 Uhr meinen letzten Kunden“, erzählt er. Dann war Schluss, endgültig. Es ist ein Tag, den Graff vermutlich nie vergessen wird – ein „bitterer Moment“, daraus macht er keinen Hehl.

„Das macht Bauchschmerzen, da ist viel Wehmut mit dabei. Es gibt Kunden, die seit 50, 60 Jahren zu uns gekommen sind. Als Friseur baut man da ein Verhältnis zu den Leuten auf, man arbeitet nicht wie etwa ein Schlosser mit einem Gegenstand“, sagt er. Gerne hätte Graff es gehabt, wenn jemand seinen Salon weitergeführt hätte. Doch sein Sohn leitet die Filiale einer Versicherungsagentur, ihn habe er nie dazu drängen wollen, den elterlichen Laden einmal zu übernehmen.

Familientradition

Zu seiner Zeit sei das noch anders gewesen. „Für mich war klar, dass ich Friseur werde und in den Betrieb meiner Eltern einsteige – das war damals einfach so“, sagt Graff. In seiner Familie hat das Friseurhandwerk Tradition. Schon der Großvater, im Hauptberuf Werkzeugmacher bei Prym, schnitt den Herren aus Vicht die Haare – sein Sohn Arnold, der Vater von Hans Graff, machte das Friseurhandwerk dann zu seiner Profession. Im Pützweg 12, dem damaligen Wohnhaus der Familie Graff, entstand in den 30er-Jahren der erste Salon, der bis 1958 ihre Heimat bleiben sollte. Hier entstand auch der Laden mit Handelswaren, bis zuletzt Teil der Graff-Salons. „Mein Vater war nicht nur Handwerker, sondern auch Kaufmann. Er war zum Beispiel einer der ersten Partner, der den Duft 4711 auf die Dörfer gebracht hat“, sagt Hans Graff. Er kann sich noch gut an diese Zeit erinnern.

Die Zeit, in der seine Mutter Maria – selbst Meisterin aus der Stolberger Friseur-Dynastie Wasser – die Friseurwäsche noch im Waschzuber im Hof wusch. Hier verbrachte er seine Jugend und hier begann 1953 seine Zeit als Lehrling.

Damals, sagt er, sei der Salon noch viel mehr gewesen als nur ein Ort des Haareschneidens: „Nach dem Termin gingen die Herrenkunden nicht, sie blieben noch da, um zu diskutieren oder einfach nur zu palavern. Manche kamen nicht einmal, um sich frisieren zu lassen, sondern haben nur geschaut, wer gerade da ist, sind reingekommen und haben sich auf den Wartestühlen unterhalten“, erinnert er sich schmunzelnd.

Dieses Flair, erzählt Hans Graff, habe es danach so nicht mehr gegeben. Zweimal zogen die Friseure Graff in Vicht um – zunächst in die Eifelstraße 86, dann in den eigenen Neubau auf die gegenüberliegende Straßenseite in die Hausnummer 79.

Hans Graff zeigt mitten im Gespräch auf den Boden – es ist eine der unzählbaren Erinnerungen, die wieder wach wird: „Es war ein Donnerstag, als wir genau diese Kellerdecke, auf der wir jetzt sitzen, gegossen haben. Es hat geregnet wie verrückt. An diesem Tag ist mein Sohn geboren worden“, sagt er. Zehn Jahre – seit 1962 – war Hans Graff zu diesem Zeitpunkt Friseurmeister, vor zwei Jahren bekam er seinen Goldenen Meisterbrief.

Bis abends geschnitten

Insgesamt hat er seit Beginn seiner Lehre über sechs Jahrzehnte als Friseur gearbeitet. Anfangs, im Pützweg, auch noch sonntags: „Viele Kunden hatten werktags aus beruflichen Gründen einfach keine Zeit, sich die Haare schneiden zu lassen.

Deshalb wurde unter der Woche oft bis acht oder neun Uhr abends geschnitten und am Sonntag hatten wir auch morgens vonneun bis zwölf Uhr auf“, berichtet er.

Es waren andere Zeiten – das wird deutlich, wenn Graff erzählt. Der Friseurberuf hingegen habe sich nicht groß geändert: Trends seien gekommen und gegangen, im Grunde, sagt Graff, sei vieles ähnlich geblieben: „Die Haare waren halt mal kürzer und mal länger – etwa in der Beatles-Zeit“, betont er. Moderner sei sein Handwerk natürlich schon geworden, mehr Technik sei dabei.

Aber auch hier konnte Graff – der in seinem Salon bis zuletzt den Damen- und Herrenbereich durch einen Sichtschutz trennte – auf eine treue Konstante bauen: Eine Haarschneidemaschine, Marke Müholos. „Die hat schon vor 1930 gearbeitet und lief bis zum Schluss immer noch“, so Graff. Sie hat allen Graff-Friseuren gedient – wartungslos. Und das über 80 Jahre lang, in drei Generationen.

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