Stolberg - Dalli: Angst um den Arbeitsplatz geht um

Dalli: Angst um den Arbeitsplatz geht um

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
Flugblätter der Gewerkschaft
Flugblätter der Gewerkschaft zur Begrüßung: Die beiden IG BCE-Sekretärinnen Christine Krupp (r.) und Elke Swolinski (l.) suchen im Vorfeld der Versammlung in der Stadthalle das Gespräch mit der Belegschaft. Kommentare zur Situation verkneifen sich die Beschäftigten. Foto: J. Lange

Stolberg. „Die Geschäftsführung und der Betriebsrat von Dalli haben entschieden, dass sie zum jetzigen Zeitpunkt keine weiteren Erklärungen abgeben oder Interviews führen möchten”.

Das erklärte zumindest Ulf Goettges von der von dem Familienunternehmen beauftragten Hamburger Kommunikations-Agentur M.G. Alistair auf die Anfrage unserer Zeitung zu einer Stellungnahme zur Versammlung der Belegschaft der Dalli-Gruppe am Donnerstag in der Stolberger Stadthalle.

Und auch die Beschäftigten selbst wollten lieber nichts sagen zur Situation des Familienunternehmens, zumindest nicht öffentlich. Zu tief sitzt die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. „Wer weiß denn, ob wir Weihnachten noch einen haben?”, kann man aus der ein oder anderen Gruppe vernehmen, die zumeist zügig den Olof-Palme-Friedensplatz überqueren, um im Festsaal der Stadthalle an der Belegschaftsversammlung teilzunehmen.

Die sollte ursprünglich auch einen mehr festlichen Charakter haben. Das hatte Karl-Josef Emonds noch vor zwei Wochen gesagt; dann musste der Betriebsratsvorsitzende das Programm für den gestrigen Nachmittag umstricken, nachdem die Geschäftsführung angekündigt hatte, am Stolberger Standort 98 Arbeitsplätze in der Dalli-Sparte abzubauen. Damit verliert nahezu jeder Sechste der rund 620 Beschäftigten seinen Erwerb. Konzernweit sind 245 von 1500 Arbeitsplätzen betroffen.

„Das geschieht völlig ohne inhaltliches Konzept”, wettert Christine Krupp. Zumindest habe die Geschäftsleitung der für Dalli zuständigen Sekretärin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) bislang „noch nicht die Karten offengelegt”, sagt Krupp, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Elke Swolinski vor der Stadthalle Flugblätter verteilt und das Gespräch mit den Mitarbeitern sucht. „Wir möchten das Konzept der Geschäftsleitung überprüfen können und alternative Vorschläge zu Entlassungen unterbreiten”, sagt Krupp. Denn die IG BCE-Sekretärin hat gemeinsam mit dem Betriebsrat eine Vielzahl von Ungereimtheiten ausgemacht.

„Dem Betriebsrat liegen eine Menge von Anträgen auf Mehrarbeit und Überstunden vor”, listet Christine Krupp auf. Die Geschäftsleitung habe erklärt, externe Einstellungen zu reduzieren, habe aber erst kürzlich Beschäftigte aus der Arbeitnehmer-Überlassung eingestellt. „Das passt doch nicht zusammen”, sagt Krupp, die in konstruktiven Verhandlungen mit der Geschäftsleitung zum Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze und zur langfristigen Sicherung des Standortes beitragen möchte.

„Dazu bieten Tarifrecht und Arbeitszeitmodelle unterschiedliche Ansatzmöglichkeiten”, sagt die IG BCE-Sekretärin. Das habe man bei der auf zwei Jahre befristeten Einführung der 40-Stundenwoche bewiesen; derzeit beträgt die reguläre Wochenarbeitszeit 39 Stunden. Darüber wäre es aus Sicht von Christine Krupp naheliegend, von einem Zwei- auf ein Mehrschicht-Modell zu wechseln, um eine verbesserte Auslastung des Maschinenparks zu erreichen. „Das würde zu einer Kostenreduzierung beitragen.”

Offen sei aus Sicht der Belegschaft darüber hinaus, in wie weit sich die Erwerbung des Waschpulverwerkers in Warth auf die 64 Arbeitsplätze in Österreich sowie den Standort Stolberg auswirke. Eine Verlagerung der Produktion von Stolberg vor die Tore Wiens zur Belieferung der osteuropäischen Märkte sei nicht vorgesehen. Diese Kapazitätserweiterung sichere jedoch die Beschäftigung des Werkes in der Kupferstadt, soll die Geschäftsführung in der Belegschaftsversammlung ebenso wie in ihren Erklärungen gegenüber unserer Zeitung versichert haben, hieß nach der dreieinhalbstündigen Zusammenkunft. Wesentlich neue Erkenntnisse hätten die Mitarbeiter dabei nicht erfahren.

„Daten, Zahlen und Fakten wurden nicht vorgestellt”, bestätigte Christine Krupp ohne Details der internen Veranstaltung zu verraten. Aber: „Die Belegschaft hat dem Betriebsrat den Rücken gestärkt”. Entsprechender Applaus nach der Rede von Karl-Josef Emonds sowie weitere Fragen aus dem Plenum hätten dies deutlich unterstrichen.

Neu ist allerdings die Nachricht, dass die Produktion von Maschinenreiniger-Tabs aus der Kupferstadt zur niederländischen Tochter De Klok verlagert werden soll. Erneut betonte die Geschäftsführung ihre Absicht, in den Standort zu investieren: in die Qualität der Belegschaft, in eine verbesserte Produktivität, in mehr Effizienz und in die Modernisierung des Equipments.

Und dann soll es dann doch noch eine Ankündigung gegeben haben, die zumindest den wenigsten bis gestern Nachmittag bekannt war: Dr. Hermann Wirtz investiert nicht nur weiter aus Privateigentum in das Unternehmen, sondern soll mit seinem Bruder Michael die Eigentumsverhältnisse weiter geordnet haben.

Demnach soll sich die Dalli-Gruppe nun komplett im Eigentum von Michael und Dr. Hermann Wirtz befinden. Das würde bedeuten, dass der Streubesitz aus den übrigen Familienstämmen aufgekauft worden wäre. Zuletzt hatte die Familie nach dem Ausscheiden von Albrecht Wirtz als Geschäftsführer bei Dalli im Juni 2008 die Beteiligungsverhältnisse neu geordnet.

Bei der Neuregelung 2006 hatten die Familien der beiden Brüder Dr. Hermann und Michael Wirtz alle Anteile der Dalli-Werke GmbH & Co. KG - und damit auch der Parfum- und Kosmetik-Tochter Mäurer & Wirtz - von den Familienstämmen ihrer Vettern Dr. Andreas und Dr. Franz Wirtz übernommen und neu geordnet hatten.

Demnach hielt bis dato Dr. Hermann Wirtz gut 73 Prozent der Dalli-Anteile, während etwa 26 Prozent eine Schachtelbeteiligung aus dem Familienstamm des verstorbenen Richard Wirtz blieben. Dagegen lagen bei Grünenthal 51 Prozent der Anteile in den Händen der Stämme Michael und Hermann Wirtz, die übrigen Familienzweige vereinten 49 Prozent auf sich. Wie vor sechs Jahren auch soll gestern das weitere Engagement von Dr. Hermann und Michael Wirtz als Stärkung des Familienunternehmens interpretiert.

Derweil sollen am 20. November die Gespräche über einen Personalabbau zwischen Geschäftsleitung sowie Betriebsrat und IG BCE in die entscheidende Phase gehen.
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