Dackel wollen gefordert werden und nicht auf der Couch liegen

Von: Heike Eisenmenger
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Dackel Hund
Dackel haben eine feine Spürnase. Foto: Heike Eisenmenger

Stolberg. Die Oma, die mit Waldi an der Leine durchs Städtchen bummelt – das ist der Anblick, bei dem Josef Ramacher richtig ärgerlich wird. Und auch traurig, denn er weiß, welche Folgen ein solches Leben ohne echten Anreiz für einen Teckel hat. Genauer ausgedrückt: Ein Dackel, der nicht gefordert wird, entwickelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Neurotiker auf vier Beinen.

Einem Kläffer, der alles anbellt, was ihm in die Quere kommt und der von einer tödlichen Langeweile geplagt ist und sich auch nicht reinreden lässt, weil sein Mensch es versäumt hat, klar zu machen, wer das Sagen hat. „Wenn der Mensch die Führung nicht übernimmt, übernimmt sie der Teckel. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche“, weiß der erfahrene Dackelzüchter.

Die Teckel, die sich am Wochenende mit ihren Zweibeinern zur Schweiß-Prüfung im Rahmen der 38. Bundessieger-Suche rund ums Forsthaus in Zweifall eingefunden haben, kennen keine Langeweile. Ihre Besitzer wissen, wie sie mit einem Dachshund umzugehen haben. Schon der Körper des Teckels verrät seine Bestimmung: Der langgezogene Rumpf und die kurzen Beinchen sind ideal, um einen Dachs oder auch einen Fuchs bis in deren Bau zu verfolgen. Doch nicht nur der Körperbau ist entscheidend: Auch das Wesen eines Dackels ist seiner Aufgabe in der Jagd angepasst.

Mit eigenem Willen

Manche sagen, ein Teckel sei stur. Jedoch: Eigenwillig trifft es besser. Es ist eine Eigenschaft, die lebensnotwendig sei, sagt Ramacher, Vorsitzender des Deutschen Teckel-Klubs, Ortsgruppe Aachen-Dreiländereck, die die Bundessieger-Suche 2013 organisiert. „In einem Dachsbau trifft der Teckel auf einen Gegner, der ihm mitunter körperlich sogar überlegen ist. Dort ist kein Mensch an seiner Seite, der ihm sagt, was er zu tun hat. Der Hund muss selbst die Entscheidungen treffen.“ Die Hunde, die die richtigen Entscheidungen getroffen haben, wurden zur Zucht genommen, um diese Wesensstärke zu intensivieren. Das, was ein Teckel von einem Menschen benötigt und erwartet, lässt sich in einen Satz fassen: „Ein Teckel braucht eine liebevolle, aber sehr konsequente Hand, aber ohne jede Härte.“ Es seien unglaublich intelligente Hunde, „Sie müssen Ihrem Dackel aber schon vermitteln, was Sie von ihm möchten. Das aber können die meisten nicht.“

Gefordert werden, zu „arbeiten“ – das ist es, was ein echter Teckel will, doch viele sind verdammt, ein Couch-Potato-Dasein zu fristen. Bei der Bundessieger-Suche, der Hürtgenwald-Suche, sind elf Hunde am Start. Es gibt zwar 16 Bundesländer, aber warum es nicht gleich viele vierbeinige Starter gibt, ist schnell erklärt: „Um Bundessieger zu werden, muss der Hund die volle Punktzahl erreichen, aber das gelingt nicht bei jeder Prüfung. Darum sind es dieses Mal nur elf.“

Die Aufgabe der Dackel ist es, eine Schweiß-Fährte (Jägersprache: Blutspur) eines Rotwilds so lange zu verfolgen, bis sie das verletzte Tier aufgestöbert haben. Es werden unterschiedliche Fährten (1 bis 1,2 Kilometer Länge) im Zweifaller Wald gelegt. Punktuell wird an verschiedenen Stellen jeder der künstlichen Fährten Schnitthaare des Rotwildes hinterlassen. „Das entspricht den natürlichen Gegebenheiten, wenn ein Tier durch einen Zusammenprall mit einem Auto oder einem Schuss verletzt worden ist. Nach einer Weile legt es sich entkräftet nieder und hinterlässt an der Stelle, wo es gelegen hat, Spuren“, erklärt der Vorsitzende. An der Stelle sei angemerkt, dass es laut Preisrichterin Brigitte Vosen in der Hauptsache durch Verkehrsunfälle verletzte Tiere sind, die gesucht werden. Dass ein Jäger das Tier nur verletzt, statt es mit einem gezielten Schuss zu töten, sei die Ausnahme.

Der Schwierigkeitsgrad für die Hunde wird dadurch erhöht, dass die Fährte 40 Stunden alt ist. Erodierende Kräfte wie Wind, Regen und auch Sonneneinwirkung, also Austrocknung, machen das Verfolgen der Fährte noch schwerer. „Eine solche Suche ist extrem anstrengend. Stellen Sie sich mal vor, Sie machen das ein Minute lang, dann liegen Sie wahrscheinlich neben mir auf dem Boden“, sagt Ramacher, nimmt dabei die Hand in die seine und schnüffelt an der Haut, zieht dabei tief die Luft ein. Ein Hund mache nichts anderes. Immer wieder sauge er die Duftmoleküle in seine Nase und analysiert diese. Sein Mensch darf ihm durchaus helfen, ihn neu ansetzen, „wobei es in der Regel der Teckel ist, der weiß, wo es langgeht“, erzählt Ramacher und lächelt.

Am Ende der Fährte, am Ziel, findet der Teckel eine Hirschdecke (Fell des Hirsches). „Früher hat man einen toten Hirschen dorthin gelegt, aber davon Abstand genommen, weil es eine Verschwendung war, da das Fleisch nach mehr als 40 Stunden ungenießbar geworden war“, erklärt Ramacher.

Die Teckel, die bei der Bundessieger-Schweißprüfung antreten, sind durchaus vergleichbar mit Supersportlern. Sie sind nicht nur die Besten der Besten, sondern auch empfindsam wie ein Sportler. Ist ein Spitzensportler am Tag seines Laufs der Olympiade mental nicht gut drauf, hilft die beste Vorbereitung nicht. „Bei den Teckeln ist es dasselbe.“

Im konkreten Fall wird die Spur eines verletzten Rotwilds gesucht, aber würden die Teckel auch einen Menschen aufspüren können? Teckelbesitzerin Katrin Maar bejaht diese Frage, sie hat den Fall in der Praxis schon erlebt. Allerdings mit einer Einschränkung: „Der Mensch muss verletzt sein, es werden ganz andere Hormone bei einer Verletzung freigesetzt und die sind ähnlich wie die eines verletztes Tieres“, erklärt die 38-Jährige.

Sie erzählt von einem verschwundenen Taxifahrer. „Man hatte sein Auto leer aufgefunden. Überall waren Blutspuren, aber von dem Taxifahrer fehlte jede Spur“, erzählt die Frau aus Friedburg. Ein speziell für die Menschensuche ausgebildeter Polizeihund wurde geholt, aber schon nach wenigen Minuten wurde die Suche abgebrochen, denn der Vierbeiner war aus irgendeinem Grunde nicht gut drauf. Nun schlug die Stunde der Teckel, sie nahmen die Fährte und verfolgten diese bis an den Rand einer Straße. Es wurde schon angenommen, die Teckel hätten sich geirrt. Kurz darauf stellte sich heraus, dass der Mann betrunken einen Unfall verursacht hatte, sein Fahrzeug abstellte und sich an der Stelle, an der die Fährte endete, von einem Bekannten hatte abholen lassen.

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