Christoph Leuchter mit dem „Neuen Chor“ in Stolberg

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Christoph Leuchter verfolgt eine ganze Menge von Berufungen und Berufen. Mit dem „Neuen Chor“ ist er am Sonntag in der St.-Hermann-Josef-Kirche in Stolberg zu Gast. Foto: L. Franzen

Stolberg. Was meint Christoph Leuchter, wenn er selber von sich sagt: „Ich habe mehrere Leben“? Zum Beispiel die lange Liste seiner Berufe und Berufungen. Denn der 46-Jährige ist Romanautor, Songschreiber, Pianist und Sänger in seiner eigenen Band, Leiter des „Neuen Chors Würselen“ und Chef des „Zentrums für Kreatives Schreiben“ an der RWTH Aachen.

Zu Hause fühlt sich der gebürtige Würselener ebenfalls an ganz unterschiedlichen Orten. Im Interview mit unserer Redaktion erzählt Leuchter von Stolberg als einem „Stück Heimat“, seinem künstlerischen Schaffen und dem „Neuen Chor“, der am Sonntag mit seinem aktuellen Programm in der St. Hermann-Josef-Kirche gastiert.

Sie sind Musiker, Schriftsteller und Dozent an der RWTH Aachen – wie bekommen Sie diese Aufgaben alle unter einen Hut?

Leuchter: Das weiß ich manchmal selber nicht so genau. Es ist vielleicht ein kleines Wunder, da ich mich nicht für den besten Organisator halte. Den ganzen Tag nur im Büro zu arbeiten, wäre aber auch nichts für mich. Der Wechsel ist mir wichtig. Zum Glück kann ich diese Vielfalt noch genießen, wenngleich sie nicht in Stein gemeißelt ist.

Gibt es eine Konstante bei all diesen sehr unterschiedlichen Berufen und Berufungen?

Leuchter: Eine Konstante ist sicherlich die künstlerische und kreative Arbeit. In allen Bereichen geht es außerdem darum, gemeinsam mit anderen Menschen zu arbeiten und etwas zu erschaffen.

Haben Sie Ihre Familie denn auch mit Ihrer künstlerischen Ader infizieren können?

Leuchter: Ja, meine Familie ist schon ziemlich musikalisch. Meine Kinder machen vieles, was ihr Papa auch macht, zum Beispiel Klavier spielen. Das hat sich eben so ergeben.

„Jazz, etwas Chanson, manchmal fast klassische Einflüsse“, so definieren Sie auf Ihrer Homepage die Musik von „Christoph Leuchter & Band“. Wovon handeln Ihre Stücke?

Leuchter: Liebe, Tod, Leben – Stoff aus dem auch gute Literatur gemacht ist. Aber eigentlich ist es immer alles. Eine spezielle Themeneingrenzung ist schwierig. Manchmal verarbeite ich auch meine eigenen Lebensphasen in den Liedern. Und vor allem geht es mir darum, mit meinen Worten Bilder entstehen zu lassen.

Angenommen, Sie müssten ein Stück über Stolberg schreiben: Wie würde es lauten?

Leuchter: Um ehrlich zu sein: Ich würde keines schreiben. Lobhudeleien und übertriebener Lokalpatriotismus sind nicht mein Stil. Ich glaube, dass die Stolberger dies auch gar nicht nötig haben. Es gibt bestimmt schon genug Lieder über ihre Heimatstadt. Wenn überhaupt, würde ich ein Lied über meine Erfahrung mit den Menschen aus Stolberg schreiben.

Gibt es besondere Erlebnisse, die Sie mit der Kupferstadt in Verbindung bringen?

Leuchter: Ja, ich erinnere mich gerne an meine letzte Lesung im Zinkhütter Hof. Dieser war brechend voll, was so niemand erwartet hatte. Dann versagte mir nach einer Drittelviertelstunde meine angeschlagene Stimme – das Schlimmste, was in so einem Moment passieren kann – und wir entschieden uns, stattdessen einfach Musik zu machen. Das Publikum hat meinen Saxophonisten Harald Claßen und mich trotz der spontanen Programmänderung aufgefangen und viele Zugaben gefordert. Es war eine sehr warme, herzliche Atmosphäre.

Apropos Literatur: Waren Ihr Debut-Roman „Letzter Akt“ und Ihr zweites Werk „Amelies Abschiede. Eine Lügengeschichte“ ein Erfolg?

Leuchter: Ich finde schon. Natürlich bin ich kein Bestseller-Autor. Ein literarischer Erfolg sind die Romane allemal. Das wurde mir zumindest von diversen Kritikern bescheinigt. Ich werde oft zu Lesungen eingeladen und habe tolle Begegnungen erleben dürfen. Auf der Frankfurter Buchmesse durfte ich zum Beispiel gemeinsam mit Günter Grass lesen. Es ist schön zu sehen, wie die Dinge ihren Platz finden. „Letzter Akt“ wird jetzt sogar ins Mazedonische übersetzt.

Einen Namen haben Sie sich seit 2002 auch mit dem „Neuen Chor Würselen“ gemacht. Was unterscheidet einen neuen von einem traditionellen Chor?

Leuchter: Unsere Formel lautet: „Chor plus Band plus Solisten“ und wir sind damals mit dem Ziel angetreten, Dinge anders zu machen. Wir machen nie etwas, was es schon gibt und versuchen, mit unseren Arrangements eigene Versionen bekannter Stücke zu kreieren.

Im Neuen Chor, der mittlerweile rund 70 Mitglieder zählt, kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen – eine perfekte Symbiose aus intensiver Arbeit und intensivem Spaß. Unsere Konzerte sind keine starren Veranstaltungen. Am Ende entsteht eine familiäre Atmosphäre. Chor und Publikum werden zu einer verschworenen Gemeinschaft.

Trotzdem haftet einem Chor doch oftmals etwas Verstaubtes, Konservatives an. Haben Sie mit derartigen Vorurteilen zu kämpfen?

Leuchter: Schon lange nicht mehr. Das Gegenteil ist der Fall. Mit der Zeit ist eine richtige Fangemeinde entstanden, die unsere Konzerte besucht.

Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand, der in einer Band spielt, auch einen Chor leitet. Wie geht das bei Ihnen zusammen?

Leuchter: Die Schnittmenge beider Projekte ist die Band selbst, denn die ist sowohl bei meinem Solo-Projekt als auch im „Neuen Chor“ mit von der Partie. Der Unterschied: In meinem Bandprojekt steckt zu 100 Prozent Christoph Leuchter, während der Chor zu 80 Prozent Stücke, die es schon gibt, auswählt.

Das neue Programm des Chors trägt den Titel „Mehr davon“. Wovon bekommen die Gäste dieses Mal mehr?

Leuchter: Viele Gäste haben den Wunsch nach mehr Stücken von den Beatles, Abba oder Queen geäußert. Außerdem gibt es mehr Musical-Stücke und Hits von Billy Joel. Ich persönlich finde, dass unser neues Programm bisher das stimmigste ist.

Ist die Premiere auf Burg Wilhelmstein geglückt?

Leuchter: Es war ein sehr besonderes Erlebnis. Die Burg Wilhelmstein bietet wirklich eine tolle Kulisse und stellt sicherlich eine der schönsten Open Air Locations in der Region dar. Über 1100 Gäste waren beim Auftakt da ausverkauft! Und ich glaube, sie waren alle glücklich.

Nun zieht es Sie mit dem Chor wieder in die Gotteshäuser der Region. Warum beginnt Ihre „Kirchen-Tour“ am Sonntag ausgerechnet in der St. Hermann-Josef Kirche auf der Liester?

Leuchter: Weil ich dort schon viele Jahre kirchenmusikalisch aktiv bin, ist die Pfarre ein Stück Heimat für mich. Die Menschen dort sind mir sehr ans Herz gewachsen.

Gibt es auch räumliche Bedingungen, die für St. Hermann-Josef sprechen?

Leuchter: Ja, eine hervorragende Akustik und keinerlei Säulen. Dort, wo die Nähe zu den Menschen gegeben ist, funktioniert unsere Musik am besten.

Gibt es Dinge, die in einer Kirche nicht funktionieren?

Leuchter: Ein Konzert in einer Kirche fühlt sich in etwa so an, als würde eine bekannte Band ein kleines Clubkonzert spielen. Auf Burg Wilhelmstein können wir mehr auf den Putz hauen, während in Kirchen die kleinen Momente besser funktionieren. Dort ist es einfach ruhiger und man kann manchmal die berühmte Stecknadel fallen hören. Darauf freue ich mich schon sehr.

Ein Ausblick zum Schluss: An der RWTH Aachen leiten Sie das so genannte „Zentrum für Kreatives Schreiben“, kurz ZKS. Wie ist es um die Kreativität junger Menschen bestellt?

Leuchter: Am ZKS kommen wirklich gute Leute zusammen. Studenten bieten wir beispielsweise Kurse in kreativem oder journalistischem Schreiben an. Und es entstehen dabei immer viele tolle Texte. Um den kreativen Nachwuchs muss einem deshalb nicht bange sein.

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