Chor Fortissimo lebt im Alltag die Euregio vor

Von: Dirk Müller
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Umgeben von Udo Lindenberg, Helge Schneider und Frank Zander: Galerist Ludwig Pitz ist auch auf der musikalischen Bühne unterwegs. Heute dirigiert er Fortissimo Euregio zur Stolberg-goes-Eröffnung. Foto: D. Müller

Stolberg. In der Kupferstadt kennt man ihn in erster Linie als Mitinitiator und -organisator der Kunstausfahrt „Art Tour de Stolberg“ sowie als Galeristen. Doch neben der darstellenden widmet Ludwig Pitz sich auch mit Hingabe der klingenden Kunst.

Pitz ist Gründer und musikalischer Leiter des Chors Fortissimo-Euregio, der heute anlässlich der Eröffnungszeremonie des Kulturfestivals „Stolberg goes Euregio“ im Rittersaal der Burg konzertiert. Wir sprachen mit ihm über den Chor, die Euregio und den europäischen Gedanken.

Wie kam es zur Gründung des Chors Fortissimo-Euregio?

Pitz: Im Sommer 2003 hatte ich die Idee, einen Männerchor mit Sängern aus drei Ländern zu gründen – auch weil es einen solchen Chor hier nicht gab. Eigentlich sollte es ein einmaliges Projekt werden: Geplant war, 2004 anlässlich der 900-Jahr-Feier der niederländischen Abtei Rolduc dort zu singen, und das sollte es dann gewesen sein. Wir haben gesungen, und die Sänger wollten weitermachen, so dass vor zehn Jahren der Verein Chor Fortissimo-Euregio gegründet wurde.

Wie haben Sie es geschafft, Mitglieder aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden in einem Chor zu vereinen?

Pitz: Zunächst durch Aufrufe in der Aachener Zeitung und im Dagblad de Limburger. Auch ein Radio-Interview war hilfreich. Zu der ersten Probe in der Abtei Rolduc kamen dann etwa 20 Sänger, von denen viele auch in anderen Chören aktiv waren. Sie machten bei ihren Sängerfreunden Werbung für das Projekt, und als wir ein Jahr später konzertierten, waren wir 57 Sänger.

Was hat Sie dazu befähigt, den Euregio Chor zu gründen und musikalisch zu leiten?

Pitz: Bereits seit 1976 habe ich verschiedene Männer- und auch gemischte Chöre geleitet. Zum Beispiel war ich der erste musikalische Leiter der Chorgemeinschaft Gressenich oder Dirigent des Liederkranzes Roetgen. Von 1987 an bin ich zudem in einem Chor im niederländischen Valkenburg aktiv. Hinzu kommt der genetische Faktor: Unsere Familie hat Musik im Blut. Mein Patenonkel Wilhelm Pitz war Chorleiter der Bayreuther Festspiele und mit meiner Tochter Constanze steht die vierte Generation in den Startlöchern. Sie studiert an der Musikhochschule in Detmold und steht kurz vor ihrem Abschluss.

Beruflich befassen Sie sich aber mit der darstellenden Kunst.

Pitz: Ja, wobei es eine Schnittstelle gibt. In meiner Galerie trifft man auf Bilder von Künstlern, die durch Musik bekannt geworden sind, beziehungsweise starke musikalische Hintergründe haben: Udo Lindenberg, Helge Schneider, Frank Zander sind malende Musiker beziehungsweise musizierende Maler.

Wie ist es heute um den Euregio Fortissimo-Euregio bestellt?

Pitz: Immer noch sehr gut. Derzeit sind 42 Sänger aktiv, gut zehn davon aus den Niederlanden, acht aus Belgien und die anderen aus Deutschland. Der Vorteil des Euregio Chors ist, dass wir Konzerte in allen drei Ländern geben, der Nachteil, dass wir keine echte Heimat haben. So kommen die Sänger nicht zu Fuß zu den Proben, sondern viele legen an einem Probenabend 60 Kilometer mit dem Auto zurück, um nach Kerkrade zu gelangen. Es ist umso bemerkenswerter, dass sie uns treu bleiben. Ich glaube das liegt besonders darin begründet, dass wir nicht über die Euregio und Europa reden, sondern beides wirklich leben.

Was meinen Sie damit, dass der Chor „die Euregio lebt“?

Pitz: Bei unseren Proben begrüßen sich alle Sänger ausnahmslos per Handschlag – das ist symptomatisch. Im Chor sind Freundschaften über Ländergrenzen hinweg entstanden, für uns ist die Euregio kein abstraktes Gebilde und Europa kein Gedanke, sondern beides ist eine grenzenlose Realität, an der wir viel Freude haben.

Wie hoch schätzen Sie die Wahlbeteiligung innerhalb des Chores an der Europa-Wahl ein?

Pitz: Mindestens 80 Prozent der Sänger gehen zur Wahl des Europaparlaments, schätze ich. Da macht sich das Dreiländereck positiv bemerkbar. Wir waren hier ja schon Europa, bevor es die EU gab. Der Euregio Chor selbst intoniert außerdem immer wieder den Europäischen Gedanken. Nehmen wir nur das Konzert bei „Stolberg goes Euregio“. Die Lieder sind in deutscher, französischer, niederländischer, italienischer, slowenischer, russischer, mazedonischer und serbokroatischer Sprache. Grundsätzlich ist unser Repertoire gesungene europäische Identifikation, da wir Folklore und typische Literatur aus den europäischen Ländern präsentieren.

Was haben Sie gedacht, als Kulturmanager Max Krieger für „Stolberg goes...“ das Motto „Euregio“ verkündet hat?

Pitz: Ich war sehr überrascht – im positivsten Sinne. Meiner Meinung ist die Idee großartig, die eigene Region einmal in den Vordergrund zu stellen. Besonders vor dem Hintergrund um die Bemühungen, Kulturhauptstadt zu werden. Daraus ist ja leider nichts geworden, aber es wäre wirklich schade, das geballte Engagement einfach verpuffen zu lassen. Dass die Menschen sich jetzt bei uns in Stolberg präsentieren können, ist toll.

Sehen Sie „Stolberg goes Euregio“ auch als eine Chance für die Kupferstadt?

Pitz: Unbedingt. Und zwar im beiderseitigen Sinne. Unsere Nachbarn aus Belgien, Deutschland und den Niederlanden nehmen die wunderschöne historische Altstadt Stolbergs wahr, wovon Kultur und Touristik in der Stadt nur profitieren können. Für uns Stolberger bietet das Festival die Möglichkeit, sich mehr mit der Euregio und Europa anzufreunden. Wenn wir Menschen aus den Niederlanden und Belgien zu Gast in der Stadt haben, lernen wir sie kennen, werden uns der anderen Mentalität unserer Nachbarn bewusst und erleben damit die Vorteile unseres Lebensraums hautnah. Das Dreiländereck, die Euregio hat uns sehr viel zu bieten – direkt vor unserer Haustüre. Daran wird uns „Stolberg goes Euregio“ erinnern und uns ein Stück unserer Lebensqualität vor Augen führen.

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