Chemiewolke sorgt für einen Großeinsatz

Von: Jürgen Lange und Laura Beemelmanns
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Die gesamte Konrad-Adenauer-Straße sowie alle Einmündungen und Kreuzungen wurden gesperrt. Foto: L. Beemelmanns
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Aus diesem Abluftkamin von Berzelius am Steinbruch Bärenstein trat das Gasgemisch aus. In der Luftaufnahme aus dem Jahr 2008 fehlt noch die neue Silberhütte mit einem weiteren Schornstein. Foto: J. Lange
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Feuerwehrleute, Polizeibeamte, Krankenwagen und das Deutsche Rote Kreuz standen bereit. Foto: Laura Beemelmanns
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Auch die Krankenhäuser wurden vorsorglich informiert. Foto: Laura Beemelmanns

Stolberg. „Es ist eine Folge fehlender Kommunikation“, sagt Dr. Urban Meurer. „Es gibt aktuell unterschiedliche Ansichten bei den Beteiligten, aber wir müssen für die Zukunft die Informationswege eindeutig optimieren.“ Bereits am Nachmittag ist der Geschäftsführer der Berzelius Bleihütte Binsfeldhammer bei der Analyse und Aufarbeitung der Ereignisse vom Mittag.

Sowohl für den Zwischenfall im Betrieb wie auch für den Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei in Büsbach, die die Ursache einer blauen Gaswolke suchten. Dass beide Ereignisse in einem Zusammenhang stehen, das erfuhren Feuerwehr und Unternehmen erst durch unsere Redaktion.

Aufmerksame Leser von der Büsbacher Höhe hatten gegen 12.25 Uhr von einer Qualmwolke über der Bleihütte berichtet. Eine gute halbe Stunde später beantwortet Dr. Meurer nach einer wichtigen Besprechung mit Konzernmanagern die Nachfrage unserer Redaktion ganz transparent: Aufgrund eines Fehlers beim Zuschalten eines Aggregates kommt es zu einem betriebsinternen Stromausfall.

Der bedingt den Ausfall eines Gebläses. Bis die Anlage abgeschaltet werden kann tritt maximal fünf Minuten lang ein Gemisch von etwa 2000 Kubikmetern Wasserdampf, Schwefeldioxid und -trioxid aus dem 90 Meter hohen Kamin am Steinbruch Bärenstein aus, erklärt der Geschäftsführer. Ein Gemisch, das Atemwege reizt, intensiv riecht und für einen Belag auf der Zunge sorgen kann. „Wir haben den Zwischenfall ordnungsgemäß und unverzüglich der Bezirksregierung gemeldet“, sagt Meurer.

Feuerwehr und Polizei haben zu diesem Zeitpunkt bereits einen Großalarm ausgelöst, weite Bereiche zwischen Büsbach, Dorff und Freund für den Verkehr abgeriegelt und sich dort auf die Suche nach dem Verursacher einer Dunstwolke begeben, die Bürger gemeldet hatten. Stadtbrandinspektor Andreas Dovern erfuhr ebenso wie Urban Meurer erst durch unsere Redaktion vom Tun des Anderen. Während Meurer zum Büsbacher Markt eilte, fragte die Feuerwehr noch einmal bei Berzelius nach...

Bereits zu Beginn des Einsatzes habe die Feuerwehr bei den Industrieunternehmen nachgefragt, erklärt Dovern. Zu diesem Zeitpunkt habe es aber keine Erkenntnisse über einen Zwischenfall gegeben.

Begonnen hat der Großeinsatz, als mittags zwei Kinder in einem Schwimmbecken in einem Garten am Peitschenweg über Hustenreiz klagen. Als die Erwachsenen nachschauten, bemerken sie die Dunstwolke und informieren die Feuerwehr.

Doch als die ersten Kräfte vor Ort eintreffen und die Lage erkunden, verschwinden die letzten Schwaden der Wolke im Gedautal. Erste Messungen liefern keine Erkenntnisse über eine Belastung der Luft. „Weil zu diesem Zeitpunkt keine akute Gefährdung der Bevölkerung mehr bestand, haben wir auf Lautsprecherdurchsagen verzichtet, um die Bevölkerung nicht noch weiter zu verunsichern“, sagt Dovern.

Gleichwohl erfolgt die Alarmierung umfangreicher Mittel. Rund 100 Mann hat die Feuerwehr im Einsatz. Der 5. Löschzug besetzt vorsichtshalber die Gerätehäuser, um notfalls bei anderen Lagen eingreifen zu können. Der 2. Löschzug, die Messgruppe Süd, Fahrzeuge für Einsatzleitung, Notarzt, Rettungswagen, Fachkräfte – kurz, alles, was für solch einen Gefahrguteinsatz erforderlich ist, wird nach Büsbach geschickt.

Gemeinsam mit der Polizei werden weite Bereiche großräumig abgesperrt. Zwischen Konrad-Adenauer-, Aachener- und Obersteinstraße und Gedautal in Büsbach, über den Fuchskauler Weg in Dorff, die Birkenstraße in Freund und quer durch den Brander Wald geht nichts mehr.

Polizeihubschrauber „Hummel“ zieht am Himmel seine Kreise. Einsatzkräfte aus anderen Teilen des Landes werden in Richtung Stolberg in Marsch gesetzt. An insgesamt elf Messpunkten werden die Werte mit verschiedenen Geräten ermittelt. Zu keinem Zeitpunkt wird ein bedenklicher Wert bestimmt.

Anwohner sind unbeeindruckt

Die Anwohner beeindruckt das gesamte Prozedere gänzlich wenig. Je mehr reges Treiben auf dem Büsbacher Markt herrscht, je mehr Einsatzwagen und -kräfte rund herum parken, desto entspannter scheinen die Anwohner zu werden. Einige haben die Fenster geöffnet und beobachten die Szenerie von oben. Andere haben es sich vor der Haustür mit einer Flasche Wasser in der Hand gemütlich gemacht. „Angst kennen wir nicht“, sagt einer von ihnen. „Die Sirenen haben mich wach geklingelt. Jetzt schaue ich mir das mal an. Da sieht man mal mehr Leute hier“, sagt ein anderer.

Gegenüber von ihnen sitzen Neugierige in einer Bäckerei und trinken Kaffee. Auf der anderen Seite haben mehrere Passanten einen Platz im Eiscafé gefunden und gönnen sich bei den hohen Temperaturen einen Eisbecher. „Wir wissen nicht, was hier passiert“, sagt eine Besucherin des Eiscafés. Panisch ist kein einziger von ihnen. Und das, obwohl Gerüchte kursieren, dass es sich um einen Gasalarm handele.

Gegen 16 Uhr wird der Großeinsatz beendet. Das Gemisch hat sich in der Luft verteilt und verflüchtigt. Die Hitze habe diesen Prozess unterstützt, sagt Dovern. Zehn leicht verletzte Personen, darunter zwei Kinder, zählt die Feuerwehr zu diesem Zeitpunkt, die über Atembeschwerden klagen und vorsorglich ins Krankenhaus zur Untersuchung eingeliefert wurden. Schon während des laufenden Einsatzes können jedoch die ersten Patienten wieder entlassen werden. Eine Anlaufstelle für besorgte Bürger bleibt am Büsbacher Markt zurück.

Fachmann geschickt

Inzwischen sind Behörden und Experten der Bleihütte mit der Untersuchung und Analyse des Zwischenfalls beschäftigt. Vertreter von Polizei, Städteregion und Bezirksregierung sind vor Ort.

„Wir sind von dem Stolberger Unternehmen zeitnah informiert worden“, bestätigt Dirk Schneemann in Köln auf Anfrage. Die Meldung des Zwischenfalls erfolge bei der Abteilung für Immissionsschutz, die unverzüglich einen Fachmann nach Stolberg schicke, erklärt der Sprecher der Bezirksregierung.

Dieser Regierungsmitarbeiter kümmere sich allerdings ausschließlich um Fragen des Umweltschutzes bei technischen Anlagen, aber nicht um akute Gefahrenlagen vor Ort. Die Feuerwehr werde in solchen Fällen von Köln aus jedenfalls nicht automatisch informiert. „Das wissen die in der Regel ohnehin immer eher als wir“, so Schneemann. Das Kommunikationsproblem ist offensichtlich in der Kupferstadt zu lösen.

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