„Chefführung“ im Zinkhütter Hof: Einblicke in die Geschichte der Region

Von: Dirk Müller
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Besondere Einblicke gibt es im Depot des Zinkhütter Hofs. Hier bestaunen unsere Leser zum Beispiel einen „Mulag“ Baujahr 1910. Der Lastwagen aus Aachen wird nach vollendeter Restaurierung wohl erst in zwei bis drei Jahren im Museum zu sehen sein. Foto: D. Müller
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Dieser 1911 in Aachen gebaute „Fafnir“ ist nach Australien exportiert worden, fand aber den Weg zurück in unsere Region.
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Messing, einst „gelbes Kupfer“ genannt, ist das „Stolberger Gold“ und es fasziniert die Betrachter bis heute.
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Die von Ernst Neumann-Neander in Düren gebauten innovativen Motorräder gehören eindeutig in ein Museum.
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Die Präsentation in der Zinkabteilung stößt auf großes Interesse.

Stolberg. Nein, an der Hitze hat die „Sprachverwirrung“ nicht gelegen. Zwar trotzten unsere Leser Temperaturen jenseits der 36 Grad Celsius, um an der ersten Tour im Rahmen unserer Aktion „8 x Sommer in der Kupferstadt“ teilzunehmen, doch dies führte nicht zu dem „babylonischen Sprachgewirr“.

Denn der Zinkhütter Hof erwies sich als angenehm kühler Aufenthaltsort, in dem Museumsleiter Sebastian Wenzler die Leser mit Mineralwasser begrüßte.

Die zu hörende englische Sprache war vielmehr in einer Gruppe internationaler Gäste begründet, die von Helma Prößl durch das Museum für Industrie-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte geführt wurden. Prößl und Wenzler brauchten sich aber nur kurz absprechen, damit die Gruppen sich nicht „in die Quere“ kommen, denn die Leser unserer Zeitung nahmen nicht an einer üblichen Museumsführung teil, sondern an einer exklusiven „Chefführung“, die ganz besondere Einblicke bot, die „normalen“ Museumsbesuchern verwehrt bleiben.

Zuerst eine Glashütte

Doch zunächst galt es, zwei Begriffe zu klären. Warum heißt das Museumsquartier „Zinkhütter“ Hof und Stolberg „Kupferstadt“? Der Reihe nach: Museumsleiter Wenzler erläuterte, dass die „Societé Charleroy“ in den 1830er Jahren eigentlich eine Glashütte auf dem Gelände des Zinkhütter Hofs errichtete. 1904 ging das Grundstück mit Gebäuden allerdings in den Besitz der „Gesellschaft für Bergbau, Blei- und Zinkfabrikation zu Stolberg“ über – der späteren „Stolberger Zink“.

„Über die Zeit vor 1900 wussten wir relativ wenig“, räumte Wenzler ein, dass „erst die Umbaumaßnahmen in der ersten Hälfte der 1990er Jahre ein klareres Bild zu Tage gefördert haben“. So sei der Teil des Gebäudeensembles, der heute die Museumspädagogik beherbergt und als „Arbeiterhäuser“ bezeichnet wird, ursprünglich in anderer Funktion gewesen. „Wir entdeckten, dass die Traktsegmente des Baukörpers durchgängig miteinander verbunden waren.“

Ursprünglich Töpfereien

Daraus lasse sich schließen, die späteren Arbeiterwohnhäuser seien ursprünglich eine große Töpferei gewesen, in der überdimensionalen Tontiegel für die Glashütte produziert wurden. Auf dem Weg in die museale Abteilung mit dem klingenden Namen „Stolberger Gold“ erklärte Wenzler, dass Stolberg seinerzeit die bedeutendste Stadt der Messingproduktion schlechthin gewesen sei. „Und wieso wird Stolberg ,Kupferstadt‘ genannt?“, fragte einer der Leser.

Wenzler enthüllte die Antwort anhand eines Schaukastens, der die drei Zutaten für Messing enthält: Kupfer, das Zinkerz Galmei und Holzkohle: „Damals war die Legierung Messing als solche noch nicht bekannt, und man dachte, die Eigenschaften des Kupfers durch die Zugabe von Galmei zu verändern. Das Resultat wurde dementsprechend nicht Messing sondern gelbes Kupfer genannt.“ Mit großen Augen betrachten die Leser das „Stolberger Gold“ beziehungsweise das „gelbe Kupfer“ respektive das Messing in vielen glänzenden Formen.

Der Museumsleiter lässt auch einen traurigen Aspekt nicht aus: „Etwa über eine holländische Company, die das Handelsmonopol für Westafrika innehatte, wurden die Stolberger Messingprodukte verschifft. Zu der Zeit wurde die Ware noch gegen Sklaven getauscht.“ Die exklusive Museumsführung geht unterhalb der Nadelabteilung in dem Raum mit der großen Dampfmaschine weiter, doch Wenzler richtet das Augenmerk der Leser auf eine kleinere aber dennoch hoch interessante Maschine.

Sie befindet sich zwischen Fahrerkabine und Vorderreifen eines 1911 gebauten „Fafnirs“. Ein Aachener Unternehmen habe 1894 mit der Produktion von Nadeln begonnen. „Als das Fahrrad zum Massenverkehrsmittel wurde, produzierte die Firma Speichen. Nachdem dieser Markt gesättigt war, machte das Unternehmen in Einbaumotoren für Motorräder und Automobile“, beschrieb Wenzler. Ab 1904 habe die Firma sich zu einem kleinen aber bekannten Autoproduzenten entwickelt, und ein eigener Name sei eingeführt worden, für den der Drache aus der Nibelungensage Pate gestanden habe.

Aachener Marken

Acht Oldtimer der Aachener Marke „Fafnir“ gebe es noch in Europa und einige wenige in Australien, wo übrigens dieses Exemplar herkomme. In bester Nachbarschaft zu dem „Fafnir“ befinden sich vier weitere Legenden: Motorräder der Marke „Neander“. Formschön und dermaßen innovativ, dass sie ihrer Zeit sehr weit voraus waren, präsentieren sich vier in Düren produzierte Maschinen, die von Ernst Neumann-Neander in Düren konstruiert wurden, in einer Ecke des Museums. Mit tiefem Schwerpunkt für schnelle Kurvenfahrten, komfortabler und sicherer Federung, starken Maschinen sowie extraordinären Details wie aufblasbaren Sätteln sind diese vier Motorräder Musterbeispiele deutscher Ingenieurskunst des frühen 20. Jahrhunderts.

Die Leser waren begeistert, und einer von ihnen dachte sogleich praktisch: „Sind die Motorräder fahrbereit“, fragte er, und regte an: „In Vicht gibt es ja jedes Jahr ein Moped-Treffen...“. Wenzler reagierte verständnisvoll aber bestimmt, verwies darauf, dass die Maschinen einerseits eine Leihgabe seien, andererseits maximal ein bis zwei dieser Motorräder in Museen ausgestellt seien. Außer halt im Zinkhütter Hof.

Designer und Kabarettist

Und Wenzler betonte den musealen Wert der in Stolberg ausgestellten vier Maschinen, indem er kurz die Person Ernst Neumann-Neander beleuchtete: „Er zeichnete Karikaturen für die Zeitschrift ,Simplicissimus‘ und war Kabarettist. Als Kunstmaler und Grafiker entwarf er Werbeplakate, unter anderem für alle bedeutenden Automobilhersteller. Für diese designte er auch Karosserien. Neumann-Neander baute eigene Motorräder und entwickelte die Neander-Fahrmaschinen – eine Mischung aus Automobil und Motorrad.“

Bevor die Leser noch ihre Blicke in der Zinkabteilung des Museums schweifen ließen, öffnete Wenzler die Türe zum Depot des Zinkhütter Hofs. Dort bestaunte die Gruppe Exponate, die nur selten zu sehen sind oder sogar noch nie ausgestellt wurden. Faszinierende alte Industriemaschinen, nostalgische Zapfsäulen und diesmal auch Mopeds zogen die Blicke auf sich, alte Herde und Waschmaschinen erinnerten an Großmutters und Urgroßmutters Zeiten. Und die Leser bekamen ein Museumsstück zu sehen, das noch keins ist – es aber in zwei bis drei Jahren werden soll: Einen in Aachen gebauten „Mulag“.

Im Jahr 1900 als „Fritz Scheibler Motorenfabrik AG“ in Aachen gegründet und 1909 nach einer Fusion mit der „Maschinenbauanstalt Altenessen AG“ zur „Motoren und Lastwagen AG“ (Mulag) umfirmiert, wurde das Unternehmen 1910 von den Brüdern Carl und Max Mannesmann übernommen und ab Ende 1913 als „Mannesmann-Mulag“ weitergeführt.

Der Mulag-Lkw Baujahr 1910 im Depot des Zinkhütter Hofs sei zwischenzeitlich „zweckentfremdet“ worden, sagte Wenzler: „Man hat ihn zu einem Kranwagen umgebaut. Wir bauen ihn jetzt als Fragment wieder zurück.“ Und wenn Wenzler „wir“ sagt, meint er das auch, denn der Museumsleiter und der Hausmeister des Zinkhütter Hofs, Waldemar Wolf, schrauben eigenhändig an dem Oldtimer.

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