Stolberg - Café Willkommen: „Anderen helfen zu können, gibt ein gutes Gefühl“

Café Willkommen: „Anderen helfen zu können, gibt ein gutes Gefühl“

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Flüchtlinge und einige Ehrenamtler im „ökumenischen Gemeindezentrum“. Foto: M.-L. Otten

Stolberg. In Stolberg gibt es seit mehr als zwei Jahren das „Café Willkommen“ für Flüchtlinge, die hier ihre ersten Kontakte zu Einheimischen knüpfen können. Gemeinsames Kaffeetrinken, miteinander reden, Erfahrungen austauschen, spielen und kreative Dinge tun, helfen den Fremden, das Leben in Stolberg kennenzulernen und allmählich in die Gemeinschaft hineinzuwachsen.

„Dabei geht es nicht um Bemitleiden, sondern um eine Begegnung auf Augenhöhe“, erzählt Hubert Sparla im Interview mit unserer Mitarbeiterin Marie-Luise Otten. Der ehemaliger Lehrer für Geschichte und Erdkunde wohnt seit vier Jahren in Stolberg, ist Gemeindemitglied in St. Lucia und Ehrenamtler der 1. Stunde im „Café Willkommen“.

Wer war der Ideengeber? Und wie haben Sie davon gehört?

Sparla: Initiiert wurde das „Café Willkommen“ von der evangelischen und katholischen Kirche, der Caritas, dem SKM und SKF. Ich selber hörte vom ersten Vorbereitungstreffen in St. Mariä Himmelfahrt und entschloss mich, hinzugehen.

Was fanden Sie vor?

Sparla: Mehr Mitarbeiter als Flüchtlinge in abwartender Position. Nach einem Monat kamen aber dann immer mehr Interessierte. Sicher war für uns Ehrenamtler, dass zunächst kein Programm angeboten werden sollte, sondern Raum für Gespräche. Dieser Gesprächsbedarf ist geblieben.

Welchen Zweck verfolgen Sie?

Sparla: Abstrahierend von der allgemeinen Diskussion um Migration, war meine Überlegung: Wenn Geflüchtete schon in Deutschland sind, dann benötigen sie über die behördliche Unterstützung hinaus noch weitere. Ich vermute, die deutschen Behörden wären heillos überlastet, wenn es nicht die Hilfe der Ehrenamtlichen gäbe. Ich selber wurde zum Beispiel vom Sozialamt der Stadt Stolberg gefragt, ob es Flüchtlinge zum Ausfüllen von Anträgen ins „Café Willkommen“ schicken könnte, was ich bejahte.

Wie viele Menschen kommen im Durchschnitt zusammen?

Sparla: In der Regel sind 30 - 35 Personen anwesend. Wir haben eine Kerngruppe von zehn Flüchtlingen, die jede Woche kommen, dann zehn, die häufig kommen und zehn bis fünfzehn, die sporadisch erscheinen, je nachdem, was für ein Fall vorliegt.

Wie werden die Flüchtlinge auf diesen Treff aufmerksam?

Sparla: Bisher nur durch Mundpropaganda. Sie registrieren noch nicht die anderen Informationsmöglichkeiten, z. B. dass es Zeitungen gibt und sie sich hier in den Anzeigen Hilfe holen können.

Wie sieht es mit den Ehrenamtlern aus, wie viele arbeiten mit? Gibt es sonst noch andere Mitarbeiter?

Sparla: Ich glaube, wir haben sechs oder sieben Ehrenamtler im Team. Dazu kommen noch jene, die dienstlich mitarbeiten. Zu ihnen zählen: Petra Morschel, Achim Jaskulski, Gaby Modigell, Georg Tilgner u.a..

Welche Nationen sind vertreten?

Sparla: Das Gros kommt aus Syrien, darunter viele Kurden, dem Irak, Afghanistan, Eritrea, Äthipien, Somalia, Guinea, Mongolei, Indien. Darunter sind auch einige Menschen ohne Anerkennung.

Wie lange leben die Flüchtlinge schon in Stolberg?

Sparla: Die meisten von ihnen kamen 2015 nach Stolberg. Aber es kommen auch immer mal neue Gesichter ins „Café Willkommen“.

Wie sieht es mit der Sprache aus?

Sparla: Mit dem Deutschlernen ist das wohl wie überall: Manche kommen schnell voran, andere langsamer. Am besten sprechen die Kinder Deutsch, dann die Frauen und schließlich die Männer. Regelmäßig kommen zwei marokkanische Frauen, die gut Deutsch und Arabisch sprechen. Das ist eine enorme Hilfe. Hier und da kommen wir auch mit Englisch und Französisch weiter. Wir wünschen uns noch eine Person, die Deutsch und Tigrinisch (Hauptsprache in Eritrea und Äthiopien) spricht, obwohl die jungen Eritreer meist schon recht gut Deutsch sprechen. Nach wie vor wird selbstverständlich auch untereinander Arabisch oder Kurdisch gesprochen. Im „Café Willkommen“ bietet sich die Gelegenheit für viele, zu mehreren Personen außerhalb einer Gaststätte (kostet Geld) oder der eigenen Wohnung (bietet nicht genügend Platz) zusammenzukommen und sich auszutauschen, wobei politische und religiöse Themen keine Rolle spielen.

Was wird gemeinsam unternommen?

Sparla: Da es im „Café Willkommen“ einen hohen Redebedarf gibt und viele Anträge ausgefüllt werden, wurde darüber hinaus wenig unternommen. Einmal eine Ortsbegehung und eine Adventsfeier, die jetzt auch wieder ansteht.

Worauf können sich die Menschen bei der Adventsfeier freuen? Mit wie vielen Gästen rechnen Sie?

Sparla: Zum festlichen Rahmen gehören neben geschmückten Tischen ein Gabentisch, auf dem die Weihnachtstüten - für die Kinder mit Spielzeug darin - für alle stehen. Im letzten Jahr haben wir Ehrenamtler deutsche Weihnachtslieder gesungen, und die Syrer syrische Lieder, was großen Anklang fand. Mal schauen, wer sich dieses Jahr beteiligt. Dass an so einem Tag mehr Menschen ins ökumenische Gemeindezentrum kommen, ist klar. Wir rechnen mit rund 100 Leuten in diesem Jahr.

Wie sieht es mit der Finanzierung für solch eine Feier aus?

Sparla: Das geschieht über Spenden und aus verschiedenen Töpfen der Kirchen.

Wieso ist es mehr als ein Café?

Sparla: Der Begriff Café wird für derartige Einrichtungen wohl häufig gewählt, weil er international verständlich ist. Dass es keine gewerbliche Einrichtung ist, liegt auf der Hand. Es wird kein Entgelt verlangt. Die Öffnungszeit ist auf drei Stunden begrenzt. Aus dem „Café Willkommen“ ergeben sich vielfältige Kontakte außerhalb: zum Beispiel Behördengänge, Arztbesuche, Gänge zum Anwalt oder zur Polizei, Transport von Möbeln (immer wieder werden bei uns Möbel, Kleider, Kinderwagen o.ä. angeboten), kleine Reparaturen, aber auch wechselseitige oder einseitige Einladungen zum Essen.

Geht die Integration durch persönlichen Kontakt leichter?

Sparla: Ich denke, dass das hier Angeführte genügend darüber aussagt, ob Integration über persönliche Kontakte leichter fällt. Denn: Es geht nur über persönliche Kontakte.

Ist das Interesse bei den Einheimischen noch so groß wie am Anfang?

Sparla: Das Interesse der Migranten ist unverändert hoch. Anfangs waren mehr Ehrenamtliche anwesend. Jetzt ist es ein kleiner beständiger Kern. Nach wie vor werden aber dringend Paten und Ehrenamtler gesucht.

Welche Voraussetzungen brauchen Paten und Ehrenamtler, wenn Sie mit Flüchtlingen zusammen arbeiten wollen?

Sparla: In erster Linie Freude an ihrem Tun und sein Herz für Fremde zu öffnen, dann Beständigkeit. Es reicht vollkommen aus, wenn beide Parteien einmal pro Woche zusammenkommen.

Gibt es Fortbildungen für das Team?

Sparla: An Fortbildungen gibt es m.E. ein Überangebot. Sie sind wichtig, aber wichtiger ist das Mittun für den Alltag. Wenn nur ein kleiner Teil der dort aufgewandten Energien in die persönlichen Kontakte fließen würde, würde Integration noch leichter fallen.

Was bekommen die Paten oder Ehrenamtler zurück?

Sparla: Menschen wahrzunehmen und kennenzulernen ist spannend und bereichernd. Überdies erfährt man viel ungekünstelte Dankbarkeit und Freundlichkeit. Als Helfer gebraucht zu werden, gibt ein gutes Gefühl.

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