Stolberg - „Bufdis”: Für alle eine Bereicherung

„Bufdis”: Für alle eine Bereicherung

Von: Sarah Sillius
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Dieses Strahlen sagt alles: Leon, Schüler der Regenbogenschule, hatte zu „Bufdi” Sandra-Maria Wolff (r.) direkt eine besondere Beziehung. „Bufdi”-Kollegin Larissa Richter sagt: „Das ist mein Traumberuf!” Foto: S. Sillius

Stolberg. Kaum öffnet sich die Tür und Sandra-Maria Wolff betritt das Klassenzimmer, blüht Leon auf. Es dauert nicht lang, da erfüllt das ansteckende Lachen des Jungen den Raum. Und als Sandra-Maria Wolff den 16-Jährigen vom Rollstuhl auf ihren Schoß hebt, prustet und schreit Leon nur so vor Glück.

Weil der Junge aufgrund seiner Tetraspastik nicht sprechen kann, hat er seine ganz eigene Art entwickelt, Gefühle auszudrücken. Und diese herzliche Art trifft Sandra-Maria Wolff mitten ins Herz. In diesen Momenten weiß sie, warum sie ein „Bufdi” ist.

Die 23-Jährige leistet Bundesfreiwilligendienst in der Regenbogenschule. Seit September begleitet sie die Förderschüler im Unterricht und hilft bei der Pflege. Weil sie bislang keinen Ausbildungsplatz bekommen hat, entschied sich die Stolbergerin dazu, ein freiwilliges soziales Jahr zu machen - und rutschte so per Zufall in den neuen Bundesfreiwilligendienst, der seit vergangenem Jahr den Zivildienst ersetzt.

„Ich kann ohne die Schüler gar nicht mehr leben”, sagt auch „Bufdi”-Kollegin Larissa Richter, 19. „Ich beschäftige mich eigentlich mit jedem Schüler gern. Das ist mein Traumberuf.”

Die „Bufdis” sind genauso wie die Mitarbeiter im freiwilligen sozialen Jahr, die Schulbegleiter und Praktikanten ein fest integrierter Bestandteil der Klassenteams. Angeleitet werden sie von den beiden Praktikumsbeauftragten. Die erklären ihnen zum Beispiel, wie die Schüler im „Snoozle-Raum” auf spezielle Weise gefördert werden können. Bei pflegerischen Aufgaben stehen dann Krankenschwestern mit Rat und Tat zur Seite.

Für Schulleiterin Gundula Brüggenwirth sind die „Bufdis” inzwischen längst nicht mehr wegzudenken. Für sie geht es bei den freiwilligen Diensten nicht nur darum, dass die jungen Menschen sich beruflich orientieren. „Es soll auch dazu führen, dass sie sich persönlich finden”, sagt Brüggenwirth. Schon oft hat sie erlebt, dass sich junge Freiwillige im Laufe eines Jahres in der Regenbogenschule ihr soziales Verhalten stark verändert haben.

Brüggenwirth erinnert sich an einen Zivildienstleistenden, der anfangs gar nicht „warm wurde” mit den Schülern. Doch ein schwerstbehindertes Mädchen hatte direkt eine starke Sympathie für den jungen Mann entwickelt und nicht locker gelassen, bis er seine Schüchternheit ablegte. „Sie hat ihn ein bisschen therapiert”, sagt Brüggenwirth.

Vertrauen geschenkt

„Bei mir ist es auch ein bisschen so mit Leon”, sagt Sandra-Maria Wolff. Schon an ihrem ersten Tag in der Regenbogenschule hat ihr der Junge sein Vertrauen geschenkt und sie vom Bus aus freudig begrüßt.

Eine ähnlich emotionale Verbindung haben Tamara Meier und Josef Kessel. Die 20-Jährige arbeitet als „Bufdi” im Alten- und Pflegeheim Haus Maria im Venn. Der älteste Bewohner ist jedes Mal völlig aus dem Häuschen, wenn die junge Frau bei ihm auf ein Pläuschen vorbeischaut. „Nur küssen soll sie mich nicht”, scherzt der 103-Jährige, für den die Bundesfreiwillige eine Art Enkelfunktion übernimmt.

Tamara Meier ist begeistert von der abwechslungsreichen Arbeit in der Einrichtung in Venwegen. „Man ist mit so vielen Einflüssen und Veränderungen konfrontiert. Jeder Bewohner hat einen anderen Charakter und andere Bedürfnisse”, sagt sie. Ob Singen, Kartenspielen, Kegeln, Gymnastik, Rätseln oder Mittagessenbegleitung - rund um die Uhr ist Tamara Meier im Einsatz, um die Bewohner zu beschäftigen und zu betreuen. Besonders wichtig ist es, dass die alten Menschen bei ihr Ansprache finden. „Anfangs war es schwierig, Gesprächsthemen zu finden, aber das lernt man mit der Zeit”, sagt Meier. „Demenzkranke sprechen zum Beispiel am liebsten über früher, über ihre Heimat.”

Berührungsängste kennt Tamara Meier nicht. Im Gegenteil: Besonders zu Demenzkranken hat sie einen guten Draht. Als „Bufdi” lernt sie aber auch, mit schwierigen Situationen umzugehen. Wenn ein Bewohner zum Beispiel keine Lust hat, zur Therapie zu gehen, muss sie sich eine Taktik einfallen lassen. Wenn jemand nicht mit ihr sprechen möchte, hilft sie sich mit Fotos oder anderen Mitteln aus - oder sie akzeptiert schließlich den Wunsch des Bewohners.

Gewappnet fürs Studium

Noch wird Tamara Meier von den Sozialen Betreuerinnen unterstützt. Sobald Meier ihren Bundesfreiwilligendienst beendet haben wird, ist sie auf sich gestellt. Doch dann ist sie bestens gewappnet für ein Ergotherapie-Studium. Im vergangenen Jahr hat sie keinen Studienplatz erhalten. Durch den Bundesfreiwilligendienst verfügt sie nicht nur über die nötige Praxis für ihren zukünftigen Beruf, sie hat auch ihren Numerus Clausus um 0,1 Punkte verbessern können und so ihre Chancen erhöht.

Auch Sandra-Maria Wolff hat einen Ausbildungsplatz in Aussicht. Larissa Richter steht ein Bewerbungsgespräch bevor. Die jungen Frauen haben ihren Weg gefunden. Ein bisschen traurig ist das nur für Leon und Josef Kessel. Sie müssen sich bald von den „Bufdis” verabschieden. Doch potenzielle Nachfolger stehen schon in den Startlöchern.

Bundesfreiwillige und ihre Einsatzorte

In Stolberg sind weitere „Bufdis” im Alten- und Pflegeheim „Die Helfende Hand” sowie in der Biologischen Station der Städteregion Aachen eingesetzt. Dort helfen sie in Schutzgebieten bei verschiedenen Naturschutzmaßnahmen mit.

Wer seine Pflichtschulzeit absolviert hat, kann Bundesfreiwilligendienst leisten. Alter, Geschlecht, Nationalität oder Art des Schulabschlusses spielen keine Rolle. Die Regeldauer beträgt zwölf Monate. Die Höchstgrenze für Taschengeld liegt bei 350 Euro.

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