Britische Verhältnisse in Stolberg: Wetten, Abwarten und Tee trinken

Von: Jürgen Lange
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Britischer Trend: Wo der Stolb
Britischer Trend: Wo der Stolberger einst an der Rathausstraße seine Musikinstrumente kaufte, kann er heute insbesondere auf den Ausgang von Sportveranstaltungen wetten. Foto: H. Eisenmenger

Stolberg. Im Vereinigten Köngreich gehören sie schon lange zum Stadtbild; kein Wunder, denn das Wetten liegt dem Briten gemeinhin im Blut. Selbst in Kleinstädten finden sich problemlos Wettbüros unterschiedlicher Anbieter in einer Anzahl, die mit hiesigen Imbissbuden zu vergleichen wäre.

Doch in der Kupferstadt gibt man sich "verry british", dort sind Wettbüros und Spielhallen auf dem Vormarsch - entgegen aller Beteuerungen des Stadtrates, ihrer Verbreitung einen Riegel vorschieben zu wollen. Gelungen ist dies bislang in lediglich einem Fall, als bei der Konversion des früheren Metallwerks an der Eisenbahnstraße, wo ein richtiges Casino eröffnet werden sollte.
Zuvor hatten bereits zwei Wettbüros auf der Mühle eröffnet, von denen eins mittlerweile wieder geschlossen ist. Verärgert reagierte die Politik, als ein leerstehendes, früheres Fernsehgeschäft in eine Spielhalle umgewandelt wurde. Jetzt hat an der Rathausstraße in einem ehemaligen Musikfachgeschäft ein weiteres Büro für Sportwetten inklusive Spielautomaten eröffnet, das den Ordnungsbehörden als Internetcafe angezeigt war.

Doch denen sind ohnehin weitestgehend die Hände gebunden, wie die Verwaltung noch im April den Stadtrat gewarnt hatte. Fachbereichsleiter Andreas Pickhardt schlug die Entwicklung eines so genannten "Vernügungsstättenkonzeptes" vor, mit dem die Ansiedlung weiterer Spielstätten in besonders sensiblen Stadtbezirken hätte verhindert werden können -vergleichbar dem Beschluss Ende der 90er Jahre mit der Ausweisung einer kleinen Konzentrationszone für Windenergie weitere Anlagen zu verhindern.

Doch im April meldete der zuständige Ausschuss für Stadtentwicklung weiteren Beratungsbedarf zum "Vergnügungsstättenkonzept" an. Denn seine Erarbeitung hätte Geld gekostet. Ein externes Büro hätte dem personell ohnehin strapazierten Planungsamt bei der Erarbeitung zumindest helfen müssen.

Der Beratungsbedarf hält an; seit April ist das Thema auf keine Tagesordnung eines Ratsgremiums zurückgekehrt. Derweil bleibt den Ordnungsbehörden nichts anderes übrig, als sich bei Wünschen nach Neueröffnungen - selbstverständlich wie immer - an den rechtlichen Rahmenbedingungen zu orientieren. Die räumen mittlerweile Vergnügungsstätten wesentlich mehr Freiraum ein als früher; mit einer simplen Bauleitplanung ist eine Ausweitung nicht zu verhindern, erklärt Fachbereichsleiter Andreas Pickhardt.

Denn Baunutzungsverordnung sind Vergnügungsstätten in Kerngebieten, also etwa in der Innenstadt, "ohne Größenbegrenzung allgemein zulässig". In Mischgebieten aus Wohnen und Gewerbe sind Vergnügungsstätten zulässig, wenn sie in der Regel weniger 100 Quadratmeter Grundfläche haben. Lediglich in Gewerbegebieten ist für eine Ansiedlung eine Ausnahmeregelung erforderlich.

Dabei misst der Fachbereichsleiter insbesondere den Konsequenzen für Innenstadtlagen durch eine zunehmende Zahl von Spielstätten eine wesentlich größere Bedeutung bei. Angefangen von "sozialen Schwierigkeiten bei Jugendschutz und Suchtprävention" bis hin zu "städtebaulich unerwünschten Strukturveränderungen" und "Nutzungskonflikten mit bestehendem Einzelhandel und Wohnraum".

Mit dem Zuwachs an Vergnügungsstätten "ist vielfach ein Abwärtstrend von Straßenzügen und sogar ganzen Quartieren zu verzeichnen", warnte Pickhardt im April noch vergeblich. Angestammte Einzelhandelsbetriebe und Handwerk würden verdrängt. Wohnungsmieten gingen zurück, Beschwerden über Belästigungen nähmen zu. Zugeklebte Schaufensterscheiben stören das Stadtbild. "Es besteht die Gefahr des so genannten Trading-Down-Effektes", warnte Pickhardt: Es geht bergab mit dem Stadtviertel.

Das war im April. Seitdem übt sich der Stadtrat in einer anderen britischen Tugend neben dem Wetten: Abwarten und Tee trinken. Denn im Rathaus bestehe weiterhin Beratungsbedarf zu dem Thema, teilt die Stadtverwaltung auf Anfrage mit.
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