Bleihütte am Binsfeldhammer: Eine kleine internationale Welt

Von: Jürgen Lange
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Silberkleidung ist ein absolutes Muss am Schlackenabstich des QSL-Reaktors. Foto: J. Lange
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Briefing in Sachen Sicherheit, Gesundheit- und Arbeitsschutz bei interkultureller Belegschaft in der Bleihütte (v.l.): Iris Kehren, Dr. Margot Lakemeyer, Sebastian Maurell-Lopez, Halim Kirsolak, Lara Helms, Gerd Offermanns, Michael Braun, Thorsten Schmitz, Julia Sprügel, Sandra Stein, Muzaffer Arslan und Jürgen Müllegans. Foto: J. Lange

Stolberg. „Die erste Woche war wirklich hart“, sagt Sing Sukhwinden. Die Arbeitswelt der Bleihütte am Binsfeldhammer ist eine völlig neue Erkenntnis für den Inder, der 1997 nach Deutschland kam. „Sofort nach Stolberg“, erzählt der 37-Jährige, denn hier leben Bekannte.

Arbeit findet Sing Sukh­winden zuerst in einer Pizzeria in Walheim: „Es war da sehr anstrengend von morgens bis abends“. Von „einem Kumpel bei Berzelius“ bekommt Sing den Tipp, sich bei der Bleihütte zu bewerben. Mit Erfolg, 2014 nimmt er in der Raffination seine neue Tätigkeit auf. „Jetzt kann ich nach acht Stunden Arbeit nach Hause“, sagt der indischstämmige Stolberger heute: „Nach der ersten Woche habe ich mich in der Bleihütte wohlgefühlt“. Dass der Wechsel vom Pizzamehl zum Bleierz so reibungslos funktioniert hat, hat seinen Grund: „Das Coaching des Unternehmens hat mir sehr dabei geholfen“, bekennt der 37-Jährige.

Sing Sukhwinden ist angekommen in einer kleinen internationalen Welt am Vichtbach. Von den 283 Mitarbeitern der Berzelius Bleihütte Binsfeldhammer (BBH) haben „35 Prozent einen Migrationshintergrund“, berichtet Michael Braun. „Davon sind 50 Prozent türkischer Abstammung“, so der stellvertretende Personalleiter weiter. 56 Mitarbeiter haben eine ausländische Staatsangehörigkeit. Die Liste der beschäftigten Nationalitäten liest sich wie ein kleine europäische und internationale Landkarte. Und doch ist eine ganze Reihe der Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund bereits in der dritten Generation bei BBH. „Wer die Probezeit übersteht, der bleibt“, sagt Braun: Bei einem Altersdurchschnitt von 44,4 Jahren liegt die Betriebszugehörigkeit im Schnitt bei 15,5 Jahren.

Das Unternehmen stellt, was die wenigsten wissen, bereits seit den 60er Jahren einen Gebetsraum – liebevoll Moschee genannt – den muslimischen Mitarbeitern zur Verfügung. „Bei uns werden alle Religionszugehörigkeiten akzeptiert“, so Braun. „Wir haben damit keine Probleme“, bestätigt der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Müllegans. In den Pausen wird zwar, beispielsweise ganz aktuell die türkische Politik, kontrovers diskutiert, aber am Arbeitsplatz ist das dann kein Thema mehr.

Das darf sie auch nicht. Arbeit und Umgangston in der Hütte sind „hart, aber herzlich“, berichtet Sebastian Maurell-Lopez, der Leiter der Feinhütte. Nicht minder hart, aber erforderlich sind die hohen Ansprüche an Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie Sicherheitsbestimmungen. Erst recht angesichts eines babylonischen Gewirrs an Muttersprachen gilt am Binsfeldhammer die Grundregel: „Die Arbeitssprache ist ausschließlich Deutsch“, betont Braun ebenso wie Müllegans. „Wer die Sprache nicht versteht, begibt sich in Gefahr“, unterstreichen Thorsten Schmitz und Gerd Offermanns von der Abteilung für Arbeitssicherheit. Auf ausreichende Deutschkenntnisse wird bereits bei der Einstellung geachtet.

Die sieht heute ganz anders aus als früher, als man zumeist über Kontakte den Obermeister von sich überzeugen musste. „Der kam dann an und sagte: , Den kannst‘e einstellen‘“, schmunzelt Braun. Heute bekommen die Bewerber gleich beim Einstellungsgespräch einen Einblick in das Unternehmen und seine umfangreichen Sicherheitsvorschriften. Die Palette erscheint auf den ersten Blick schier unendlich, soll den Mitarbeitern aber in Fleisch und Blut übergehen, damit Gesundheits- und Arbeitsschutz beim Umgang mit Schwermetallen und Gefahrstoffen gewahrt bleibt.

Das fängt an mit dem Tragen der persönlichen Sicherheitsausstattung. Unterwäsche, Hose, Jacke, Helm, Atemschutz, Handschuhe, Arbeitsschuhe,... Alleine zehn Garnituren Bekleidung werden jedem Mitarbeiter zur Verfügung gestellt. Mit gutem Grund: Die Wäsche ist täglich zu wechseln. Der Gang zum und vom Arbeitsplatz führt aus hygienischen Gründen durch Weiß- und Schwarzkaue sowie Dusche – übrigens stehen mit Rücksicht auf persönliche oder religiöse Befindlichkeiten neben der Gemeinschaftsdusche einzelne Kabinen zur Verfügung.

Und auch zwischen Arbeitsbereichen, Büros, Messwarten, Außenanlagen, Kurzpausenräumen, Kantine und Sanitäranlagen befinden sich in Schleusen Hygienestationen mit Sohlenreinigern bzw. und Schuhüberstreifern sowie Handwaschstationen. Überdruck soll zudem dafür sorgen, dass besonders sensible Bereiche und Menschen nicht durch Stäube belastet werden. Sogar Nagelbürsten und Einmal-Zahnbürsten werden zur Verfügung gestellt.

„Sie haben den positiven Nebeneffekt, dass die Zahngesundheit unserer Mitarbeiter sich deutlich verbessert hat“, sagen Dr. Margot Lakemeyer und Iris Kehren vom arbeitsmedizinische Team der BBH. In erster Linie soll regelmäßiges Zähneputzen die orale Bleiaufnahme minimieren. Die Betriebsärztin und ihre Mitarbeiterin sind nicht nur in der Prävention engagiert, sondern betreuen auch ein umfangreiches Untersuchungsprogramm der Blutbleiwerte. Neue Mitarbeiter werden anfangs monatlich zur Ader gelassen, je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit und Arbeitsplatz sind werden die Kontrollphasen angepasst. Und dass die Prävention auch von Anfang an eingehalten wird, darauf achtet Iris Kehren mit Argusaugen – getreu dem Motto: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans Nimmermehr“, schmunzelt die Projektleiterin.

„Wir legen extrem viel Wert auf Bleihygiene“, sagt Dr. Margot Lakemeyer. Aufgrund der verbesserten Schutzmaßnahmen sank innerhalb der letzten 14 Jahre der durchschnittliche Bleiwert in den roten Blutkörperchen der Belegschaft von 26,3 auf 12,2 Mikrogramm pro Deziliter (µg/dl). Der jeweilige Jahresspitzenwert reduzierte sich von 48,3 auf 29,3 µg/dl. Seit 2014 werden keine Werte mehr höher als 30 µg/dl registriert. Derzeit liegt der Anteil der Beschäftigten mit Werten zwischen 20 und 29 µg/dl bei zehn Prozent – zumeist ältere, langjährige Mitarbeiter in der Produktion.

Eine vierfarbige Ampel verdeutlicht die Entwicklung. Im Jahr 2003 lag das Dunkelrot für mehr als 30 µg/dl bei etwa 38 Prozent, das Hellrot für 20 bis 29 µg/dl bei etwa 37 Prozent, das Gelb für 10 bis 19 µg/dl bei 16 Prozent und das Grün für Werte unter 10 µg/dl bei 9 Prozent. Im vierten Jahr fehlt heute bei der Ampel das Dunkelrot gänzlich; neben den zehn Prozent Hellrot weist sie 50 Prozent Gelb und 40 Prozent Grün aus. Diese Entwicklung können die Mitarbeiter überall nachvollziehen. An allen Informationspunkten der einzelnen Abteilungen hängt die Grafik auf. Dort halten derzeit neue digitale Anzeigen Einzug, die über die wichtigsten Entwicklungen informieren, auf Untersuchungstermine hinweisen oder an Sicherheitsbestimmungen erinnern.

Eine kontinuierliche Optimierung von technischen, organisatorische und persönlichen Maßnahmen während der vergangenen Jahre hat zu dieser Entwicklung beigetragen, erklärt Gerd Offermanns. Ein Beispiel sind die hygienisch getrennten Kurzpausenräume an den Arbeitsstätten. „Die Mitarbeiter können sie benutzen, wann immer sie das wollen“, sagt sein Kollege Thorsten Schmitz. Sie bieten ein sauberes Umfeld für eine Verschnaufpause und Getränke. Die Arbeit in einer Bleihütte stellt nun einmal ihre Ansprüche an den Körper. „Die Kollegen müssen einfach viel trinken“, so Schmitz.

Rund 700 000 Euro investierte das Unternehmen in einen Aufzug am Gebäude des QSL-Reaktors, um Arbeitsabläufe und Gesundheitsschutz zu optimieren. Derzeit läuft ein Programm zur Erneuerung der Filteranlagen in dem QSL-Gebäude. Die Filterleistung soll verdoppelt werden. Im Wesentlichen wird die Abluft aus den Produktionsprozessen erfasst, gereinigt und gekühlt. „Die bei uns geforderten Filterklassen entsprechen mittlerweile fast den Ansprüchen im OP-Bereich eines Krankenhauses“, so Offermanns.

Hinzu kommen für jeden Arbeitsplatz dezidierte Sicherheitsbeschreibungen, Notfall- und Alarmpläne. Alleine 250 Seiten dich ist das Arbeitssicherhandbuch für den QSL-Reaktor. Seit 2013 kümmert sich mit Lara Helms eine Hütteningenieurin eigens um die betriebliche Weiterbildung und die Vermittlung der umfangreichen Sicherheits- und Gesundheitsstandards. „Die hat es auch vorher schon gegeben“, lächelt sie bescheiden, „ich habe ihnen nur ein formelles Konzept gegeben“.

Ein Ergebnis dieser Institutionalisierung ist ein drei Zentimeter dicker Ordner mit allem, was ein BBH-Mitarbeiter wissen muss. Unterweisungsunterlagen finden sich darin nicht nur in einer textlichen Fassung, sondern leicht verständlich aufbereitet mit Fotos und Grafiken, Telefonlisten, bebilderten Anweisungen für die Arbeitsschutzkleidung wie für neueingestellte Mitarbeiter – und ein eigener BBH-Comic: „Bert Zelius“ zeigt, was er „gegen Staub und Rauch in der Bleihütte“ zu tun hat. „Die Geschichte ist in Schwarz-Weiß“, erklärt Helms. „Die Kinder der Mitarbeiter können sie Zuhause ausmalen und lernen so etwas über den Arbeitsplatz ihres Vaters“. Auch ein eigenes BBH-Vokabelheft mit den Spezialbegriffen einer Bleihütte liegt bei.

Lara Helms betreut nicht nur das für die internationale Belegschaft so wichtige Aus- und Fortbildungsprogramm („Bleischmelzer ist kein Ausbildungsberuf“), sondern auch das noch junge Patenprogramm. Das ist vor zwei Jahren angelaufen, seit einem Jahr bietet sie eine spezielle Ausbildung für die Paten an. Jedem neuen Mitarbeiter wird so ein erfahrener Kollege zur Seite gestellt, der ihn Schritt für Schritt in die Wege und Gepflogenheiten der Hütte einweist, „um einen bestmöglichen Start zu gewährleisten“, sagt Helms. Dazu gehört nicht nur die Einweisung in den Arbeitsplatz, sondern auch das Feedback, ob alles verstanden und verinnerlicht ist.

„Das Patenseminar ist sehr gut gelungen“, sagt Muzzaffer Arslan aus Bardenberg, der seit 25 Jahren bei Berzelius arbeitet – mittlerweile auf dem Steuerstand des QSL-Reaktors. „Ich habe dabei einige Fehler erkannt und meine Kommunikation verbessert“, so der 38-Jährige.

Kommunikation und Teamarbeit sind weitere Wörter, die bei Berzelius groß geschrieben werden. Das gilt nicht nur für die Übergaben bei Schichtwechsel, sondern dient einem guten Informationsfluss und der Entscheidungsfindung. „Bei uns werden alle Mitarbeiter gleich behandelt“, sagt Michael Braun, dass dies auch für die Karrierechancen gilt.

Das kann Halim Kirsolak bestätigen. Als Neunjähriger kam er nach Stolberg, besuchte die Grundschule Atsch und die Probst-Grüber-Hauptschule, bevor er bei den Peltzer-Werken Konstruktionsformenmechaniker lernte. Als es in dem Unternehmen kriselte, wechselte der jetzt 46-Jährige vor 20 Jahren zur Bleihütte. Heute ist er Schichtleiter in der Raffination. „Als ich am ersten Tag da war, habe ich gedacht, das ist nichts für mich“, erzählt Kirsolak. Aber der Stolberger hat sich eingelebt und den Wandel des Unternehmens erlebt. „Es hat sich so vieles verändert“, sagt Kirsolak. Die Kurse und Seminare würden richtig weiterhelfen, vieles sei verständlicher geworden. „Ich bin froh, dass ich geblieben bin“.

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