Stolberg - Biene an der Tür weist den Kranken den Weg

Biene an der Tür weist den Kranken den Weg

Von: Heike Eisenmenger
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„Demenz geht uns alle an”: D
„Demenz geht uns alle an”: Davon sind Projektleiterin Christa Marx (rechts), Stephanie Heck (Mitte) und Carmen Imedio überzeugt. Foto: H. Eisenmenger

Stolberg. Demenz geht uns alle an: Fast jede zweite Frau und jeder dritte Mann müssen damit rechnen, später einmal betroffen zu sein. Experten prognostizieren eine gravierende Zunahme an Erkrankten, denn die Bevölkerung wird immer älter.

Sind es aktuell 1,2 Millionen, sollen es 2030 bereits 1,8 Millionen Demenzkranke sein. „Das stellt eine Herausforderung an die Gesellschaft dar”, resümiert Christa Marx von der Pflegeleitung des Bethlehem Gesundheitszentrums. Schon jetzt sind die Folgen spürbar: Krankenhäuser kommen an ihre personellen Grenzen.

Weniger Beruhigungsmittel

Um rechtzeitig entgegenzusteuern, hat das Bethlehem Gesundheitszentrum vor drei Jahren das Projekt „Demenz - den Weg gemeinsam gehen” aus der Taufe gehoben, das jetzt sukzessive umgesetzt wird.

Ziel ist, eine Pflege anbieten, die der speziellen Demenzproblematik gerecht wird und gleichzeitig die Mitarbeiter vor Überforderung schützt. „Langfristig reduzieren wir so die Verweildauer dieser Patenten, da weniger Beruhigungsmedikamente verabreicht werden müssen und bestimmte Probleme erst gar nicht entstehen”, erklärt Projektleiterin Marx.

Bei den Mitarbeitern wiederum sinkt der Krankenstand, weil sie nicht ständig am Limit arbeiten. Was es bedeutet, einen unruhigen demenzkranken Patienten auf der Station zu haben, beschreibt Marx anschaulich: „Der Demenzkranke reißt sich von Infusionen los, wickelt Verbände auf oder irrt auf dem Gang umher, obwohl er im Bett liegen müsste, und Nähte platzen auf.

Oder er schreit permanent - das ist Stress für den Kranken wie auch für die anderen Patienten und natürlich auch für die Krankenschwestern, die zwar in der Pflege ausgebildet sind, nicht aber im Umgang mit Demenzkranken.” In der Konsequenz bleibt oft nichts anderes übrig, als den Patienten mit Medikamenten ruhig zu stellen - eine unglückliche Situation für alle.

Genau hier setzt das Projekt an. Stephanie Heck ist salopp formuliert eine Art Feuerwehr. Als Pflegeexpertin für Patienten mit dementieller Veränderung wird sie gerufen, wenn ein Patient extrem unruhig ist. „Natürlich sind wir froh, wenn Angehörige mithelfen und beim Patienten übernachten. Oft sind die Angehörigen aber durch die intensive Pflege so ausgelaugt, dass wir ihnen raten, die Zeit zu nutzen, um den Akku aufzuladen”, erzählt Marx.

Der Projektname „Demenz - den Weg gemeinsam gehen” ist wörtlich zu nehmen. „Nur gemeinsam ist eine Lösung realisierbar”, betont Marx. Wie aufwendig die Planung ist, machen die vielen Bereiche klar, die am Projekt beteiligt sind. So wurde auch die Küchenleitung mit ins Boot geholt. „Die Ernährung eines Demenzkranken ist in der Regel hochkalorisch”, erklärt Carmen Imedio, Assistentin der Pflegeleitung, die beim Projekt mitarbeitet.

Sie brauchen mehr Kalorien, weil sie durch ihren ausgeprägten Bewegungsdrang viel Energie verbrauchen. Die Demenz zerstört nach und nach auch den Geschmackssinn. „Süße ist das Einzige, das Demenzkranke noch recht gut schmecken. Mit einem kleinen Stück Schokolade oder einem Pudding vermitteln wir ihnen Freude am Essen. Es ist aber eine Möglichkeit, um eine Verbindung zu ihnen aufzubauen”, sagt Imedio.

Auch die Inneneinrichtung im Krankenhaus wird auf die Bedürfnisse verwirrter Patienten abgestimmt. Es sind zuweilen kleine Dinge, die helfen. Wie etwa der blaue Klodeckel im weißen Badezimmer. Das hilft bei der Orientierung beziehungsweise Einordnung, erläutert Imedio.

Statt das Zimmer nur mit einer Nummer zu kennzeichnen, wird ein Symbol auf Karton gemalt und an der Tür befestigt. Das Symbol auf der Tür ist so gewählt, dass es einen Wiedererkennungswert für den Patienten hat. „Bei einer ehemaligen Lehrerin wäre das Buch oder bei einem Imker eine Biene”, erklärt die 55-Jährige.

Um Stresssituationen möglichst erst gar nicht aufkommen zu lassen, wird ein neues Betreuungsangebot im Krankenhaus installiert. Startschuss ist am Dienstag, 29. Mai (siehe Box). Abwechslung in den Alltag zu bringen, mit den Kranken Entspannungsübungen zu machen, trainiert nicht nur die verbliebenen Fähigkeiten, sagt Heck. Kommt es tatsächlich zu einer Stresssituation, findet die 28-Jährige leichter Zugang, weil sie den Patienten bereits kennt.

Es werden zwar nicht alle Mitarbeiter zu Pflegeexperten für Demenz ausgebildet, aber nach und nach soll das Personal auf den Stationen einen Grundkurs absolvieren. Was bewegt eine junge Krankenschwester, die Arbeit mit Demenzkranken zu ihrem Schwerpunkt zu machen? „Ich will den alten Leuten etwas von dem zurückgeben, was sie uns gegeben haben”, erklärt Stephanie Heck.
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