Stolberg - Bestatter: Zwischen Pietät und Gesetz

Bestatter: Zwischen Pietät und Gesetz

Von: Carsten Rose
Letzte Aktualisierung:
9383712.jpg
Daniel Braun, 25, ist Bestatter in Münsterbusch. Zu gut 90 Prozent hat er es mit Urnenbestattungen zu tun. Bei den traditionellen Sargbestattungen steht er derweil neuerdings vor einer Gewissensfrage. Foto: Carsten Rose
9381706.jpg
Schilder scheinen als Hinweise für Gesetzesänderungen zwecklos. Wie hier auf dem Friedhof an der Lindenstraße stehen trotz Verbot acht Kerzen auf einem Grabmal.

Stolberg. Mit den bürokratischen Vorgängen rund um eine Beisetzung und Friedhofsnähe „lebt“ Daniel Braun seit 25 Jahren – also schon immer. Er arbeitet nun in der vierten Generation in einem Familienunternehmen in Münsterbusch.

Während der Ausbildung zum Bestatter lernte Braun neben religiösen Grundlagen und Trauerpsychologie auch die so genannten Warenkunde – laut dem neuen Bestattungsgesetz vom 1. Oktober des vergangenen Jahres gewinnen die Kenntnisse aus dieser Lehre an Bedeutung.

Inhaltlich befasst sich die Warenkunde mit den Richtlinie sowie Materialzusammensetzung von Särgen oder Urnen. Auch die Zersetzung von Deckenmaterial oder sonstigen Beisetzungselementen wird thematisiert. Genau hier setzt der Paragraph elf des Bestattungsgesetzes an: Beigaben und Totenkleidung müssen aus vollständig kompostierbaren Materialien bestehen. Bei der Verabschiedung am offenen Sarg sind nicht verrotbare Beigaben oder Kleidung weiterhin erlaubt, anschließend müssen diese aber entfernt werden.

Ergo ist es nicht mehr gestattet, bei der Beisetzung Geschenke oder persönliche Gegenstände aus beispielsweise Polyester in das Grab zu legen. Bei Unwissenheit der Angehörigen und einer solchen Ordnungswidrigkeit stehen Bestatter wie Daniel Braun vor der Wahl: Gesetz oder Pietät?

„Ich würde niemals eine Zeremonie unterbrechen, wenn jemand ein Geschenk oder etwas anderes mit ins Grab gibt, das nicht erlaubt ist“, äußert Braun, der seit Sommer 2011 als Bestatter arbeitet. Er würde nach dem ganzen Prozess die Angehörigen im persönlichen Gespräch darauf hinweisen. Im Nachhinein im wahrsten Sinne im Grab herumwühlen käme für ihn auch nicht infrage. Glücklichweise, ergänzt er, spreche die Erfahrung gegen solche Fälle. Es gebe nur ganz seltene Beispiele, bei denen die Angehörigen andere Grabbeigaben neben einem Rosenkranz dazulegen würden. „Es ist auch viel wichtiger, dass die Urne oder der Sarg den Vorschriften entsprechen.

Noch keine Kontrollen

Rechtlich gesehen ist das Bestattungsunternehmen für eine ordnungsgemäße Zeremonie verantwortlich, Kontrollen im Nachgang können seitens der Kommune folgen. „In erster Linie müssen sich die Bestatter an das Gesetz halten“, stellt Sven Poschen vom Ordnungsamt fest.

Bis dato habe es in Stolberg auch noch keine Kontrollen dieser Art gegeben. Somit könne er auch keine Äußerung zu eventuellen Ausnahmeregelungen treffen. „Die Bestatter haben das Ganze im Griff. Das heißt jedoch nicht, dass wir ganz auf Kontrollen verzichten werden.“

Für diese wäre in Stolberg Wilhelm Philippengracht von der Friedhofverwaltung zuständig. Philippengracht betont, dass „die Bestatter eng mit den Kommunen zusammenarbeiten“ und somit vollstes Vertrauen herrsche – spontane Kontrollen werden derweil „hin und wieder“ erfolgen. Die Möglichkeit, Angehörige mit einem entsprechenden Schild am Friedhofseingang oder anderen ersichtlichen Hinweisen von den neuen Vorgaben zu unterrichten, hält Iris Braun für zwecklos. Sie ist Daniels Mutter und Inhaberin des Bestattungsunternehmen Lenzen-Beckers in Münsterbusch.

„An Schilder hält sich kaum jemand“, sagt sie. Ein Paradebeispiel sind manche Reihenfluren – Gräber ohne Bepflanzung und Grabstein – auf dem Friedhof an der Lindenstraße. Dort ist Grabschmuck verboten, da er die Pflegearbeiten in der Herbstzeit beeinträchtige. „Auf einem Grab stehen acht Kerzen trotz Schild.“ Die Friedhofsverwaltung weist mit roter Schrift zusätzlich darauf hin, dass bei einem Verstoß keine weitere Pflege mehr erfolgt.

Grundsätzlich würden in der Summe vergleichsweise wenige Besichtigungen vom Ordnungsamt das Bestattungsunternehmen der Brauns betreffen. Die deutsche Bestatterkultur ist im Wandel, auch wegen des Preises: In gut 90 Prozent der Fälle würde die Urnenbeisetzung gewählt, so die Inhaberin. Für die Gesamtbilanz in Stolberg sehe das ähnlich aus. Es müssen daher nur noch selten Gräber mit Sarggröße ausgehoben werden. In Nordrhein-Westfalen übernehmen diese Arbeit die Kommunen. Während seiner Ausbildung von 2009 bis 2011 hat Daniel Braun dies in überbetrieblichen Kursen im Bundesausbildungszentrum im bayrischen Münnestadt noch eigenhändig machen müssen, samt Prüfung auf dem Bagger. Denn dort sind die Bestatter für das Grabausheben verantwortlich. Während der restlichen Ausbildung, für die es bundesweit lediglich vier Bestatterschulen gibt, hat Daniel Braun im oberbergischen Wermelskirchen gelernt. Dort ist die einzige Schule in NRW.

Auf dem Lehrplan stand neben der Theorie um die Warenkunde auch Sport mit dem Schwerpunkt Rückenschule. „Das richtige Tragen und Heben von Särgen war wichtig und haben wir natürlich auch praktisch geübt.“ Dies wird im Alltag nun seltener der Fall sein; in ethischer Hinsicht löst dies immerhin keinen Konflikt aus.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert