Beim Kanalbau gucken Firmen aus der Region in die Röhre

Von: Stefan Mohne und Oliver Schmetz
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Auswärtige statt Einheimische
Auswärtige statt Einheimische: Bei großen Kanalbaustellen wie hier am Adalbertsteinweg schauen Firmen aus der Städteregion wegen neuer Ausschreibungspraktiken der Stawag künftig in die Foto: M. Jaspers

Stolberg/Aachen. Wenn die Stawag sich in den nächsten vier Jahren durchs Aachener Erdreich buddelt, werden die hiesigen Baufirmen in die Röhre schauen. Mitbuddeln dürfen sie nicht.

Denn bei der jüngsten Großvergabe, als die Stawag die Kanalarbeiten für vier Jahre ausgeschrieben hatte, sind die Unternehmen aus der Städteregion leer ausgegangen. Da es um viel Geld geht - die Rede ist von insgesamt rund 80 Millionen Euro -, ist der Ärger groß.

Die Stawag verweist auf gesetzliche und finanzielle Zwänge und „bedauert”, dass die lokale Bauwirtschaft vom großen Kuchen höchstens Krümel abbekommen soll. Die Firmenchefs, die teils schon lange mit dem Energieversorger kooperieren, fürchten um ihre Existenz.

Mittlerweile haben die Unternehmer gegen die Vergabe bei der Bezirksregierung Köln Beschwerde eingelegt. Eine Entscheidung wird Ende Dezember erwartet. Dabei geht es um zwei Ausschreibungslose für kleinere Baumaßnahmen, vor allem um Reparaturen und die Herstellung von Hausanschlüssen, aber immer noch um sehr viel Geld.

Arbeitsplätze auf dem Spiel

Während sich die Stawag zu Zahlen nicht äußern will, taxieren die Unternehmer dieses Stück des Kuchens auf rund 16 Millionen Euro in vier Jahren - die bislang per Einzelvergabe von der hiesigen Bauwirtschaft verbaut wurden. „Ohne diese Aufträge stehen bei unseren Firmen rund 200 Arbeitsplätze auf dem Spiel”, sagt Philippen. Die großen Lose für die Kanalarbeiten sind ohnehin schon an Aachen vorbeigegangen.

Wie groß der Ärger ist, erkennt man daran, dass acht Firmenchefs mit einer Stimme sprechen, die bislang vor allem eins waren und immer noch sind: Konkurrenten. Zusammengebracht habe sie im Grunde die Stawag, erzählen sie - und zwar durch die neue Ausschreibungspraxis, in der die Baufirmen die Ursache allen Übels sehen. Denn was früher einzeln vergeben wurde, wird nun auf vier Jahre gebündelt, wodurch das Volumen steigt. Die Firmen werfen der Stawag vor, sie habe so die Grenze von rund 4,8 Millionen Euro überschritten, ab der eine europaweite Ausschreibung Pflicht ist.

Durch die „enormen Summen” habe die Stawag Großunternehmen angelockt, mit deren „Dumpingpreisen” man nicht konkurrieren könne. Zwar habe man sich auf Anraten der Stawag zu einer Bietergemeinschaft zusammengetan, um konkurrenzfähiger zu sein, da keine der Firmen imstande gewesen wäre, einen solchen Auftrag alleine abzuwickeln. Aber gebracht habe dies nichts.

„Wir zahlen Tariflöhne, haben Knowhow und Ortskenntnis”, sagt der Obermeister, „und wir haben auskömmlich kalkuliert.” Im Grunde habe man der Stawag nachgewiesen, dass deren Kalkulation nicht stimme.

Opfer des Sparkurses sei aber nicht nur die lokale Wirtschaft, sondern auch der Bürger, sagt Philippen. Denn eine externe Firma könne kaum einen Rundumservice leisten wie die „Einheimischen”, zum Beispiel in Notfällen. „Was passiert bei einem Gasschaden, wenn die Firma von weither kommt?”, fragt der Obermeister. Die Bürger müssten sich häufiger über offene Baustellen ärgern, prophezeit er.

Das will die Stawag nicht so stehen lassen. Die neuen Auftragnehmer seien verpflichtet, in Aachen eine Dependance zu gründen und den Notdienst sicherzustellen. Was bei den vergebenen Losen auch geschehen sei und „abgesehen von ein paar Startschwierigkeiten und Verzögerungen” funktioniere, wie Stawag-Geschäftsführer Rudolf Roß sagt.

Überhaupt betonen Vorstand Dr. Peter Asmuth, Pressesprecherin Eva Wußing und Roß, man habe „alles getan”, um die lokalen Firmen im Boot zu haben. Es habe eine große Infoveranstaltung und dringende Hinweise gegeben, worauf man achten sollte. Man sei „bis an die Grenze dessen, was zulässig ist” gegangen, so Wußing. Zu den Angeboten selber will die Stawag nichts sagen. Herauszuhören ist aber, dass es wohl deutliche Unterschiede gab.

Anlass für die gebündelte Ausschreibung sei, dass man - auch durch die Kostenaufsicht der Bundesnetzagentur - gehalten sei, Kosten zu „optimieren”. Bisher, so Roß, habe es jährlich rund 200 Einzelausschreibungen gegeben. Die Baufirmen erzählen aber auch, die Stawag habe bei einer Infoveranstaltung von zehn bis 15 Prozent Sparvorgabe gesprochen. Die Stawag bestreitet dies nachdrücklich.

Dass die Vergabe an „Fremde” zu einem Zeitpunkt kommt, wo in sensiblen innerstädtischen Bereichen Kanalbaumaßnahmen anstehen, sieht Roß nicht als Problem. Wenn es deswegen Ärger bei den Bürgern gebe, geschehe dies in der Regel unabhängig von der Baufirma. Und auch die Zahl von 200 gefährdeten Jobs zweifelt die Stawag an. „Außerdem werden bei den neuen Auftragnehmern in Aachen ja auch neue Arbeitskräfte benötigt”, sagt Asmuth.

Die Firmen haben auch OB Marcel Philipp eingeschaltet. Man habe den Eindruck gehabt, dass sich der OB für die Firmen stark machen wolle. Der Eindruck bei der Stawag ist ein anderer. Die Firmen haben dem OB noch einmal geschrieben. Auf eine Antwort warten sie noch. Jetzt erklärte Philipp, dass die Stawag auch im Sinne der Stadt auf die Kosten achten müsse. „Aber das kann nicht alles sein”, betonte er. Gerade an sensiblen Baustellen sei es wichtig, auf kurze Zeitabläufe zu achten. Da könnten regionale Firmen flexibler agieren. Das Problem sei, „dass wir um die Vergabemodalitäten nicht herumkommen”.

Acht Baufirmen liegen mit der Stawag im Clinch

Die Beschwerde vor der Kölner Vergabekammer gegen die Vergabe der Kanalbaumaßnahmen durch die Stawag führen die Firmenchefs (siehe Foto) von acht Bauunternehmen, die sich zur „Bietergemeinschaft Aachener Tiefbau” zusammengeschlossen haben.

Dazu gehören die Firmen Bührmann (Herzogenrath, 50 Beschäftigte), Hermann & Co. (Aachen, 40 Beschäftigte), Willems & Co. (Aachen, 30), Dreuw (Aachen, 40), Braun (Simmerath, 30), Kutsch (Stolberg, 80), Philippen (Aachen, 45 ) und Schleiden (Alsdorf, 150).

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