Beim Iftar-Fest setzt Ahmed Yildiz Stolberger an einen Tisch

Von: Valerie Barsig
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Ahmed Yildiz lädt alle Stolberger zum gemeinsamen Fastenbrechen ein. Das Fest gibt es schon zum fünften Mal. Foto: Valerie Barsig

Stolberg. Ahmed Yildiz kam 1974 nach Stolberg. Aufgewachsen in der Türkei hat er seine neue Heimat Deutschland schnell lieben gelernt. Der Geschäftsmann arbeitet gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern in einem Geschenkeladen in der Innenstadt, hat ein kleines Reisebüro mit Spezialisierung auf die Türkei und arbeitet bei der Prym-Gruppe, jetzt Aurubis.

Außerdem ist er seit 2010 Vorsitzender der Stolberg Is Adamlari Dernegi (Side), dem Verein der Türkischen Mittelständischen Betriebe in Stolberg. Im Interview spricht er über eine Stadt, die ein anderes Gesicht hat als damals, das Zusammenleben der Kulturen in Stolberg und den Ramadan.

Herr Yildiz, wie kamen sie damals von der Türkei nach Deutschland?

Yildiz: Ich bin am Schwarzen Meer aufgewachsen, in der Stadt Trabzon. Fünf Jahre lang bin ich dort in die Grundschule gegangen. Danach wollte mein Lehrer, dass ich auch weiter zur Schule gehe, auch mein Vater wollte das. Da er aber zu dieser Zeit zum Arbeiten nach Deutschland ging, wollte er mich auch mitnehmen – beides ging nicht.

Und dann sind Sie gemeinsam mit ihrem Vater weggegangen aus der Türkei?

Yildiz: Nicht ganz. Mein Vater musste vor uns gehen, später kam die Familienzusammenführung. Ich kam ein Jahr später als er nach Deutschland, damals war es 1974 und ich war 14 Jahre alt. Nur eine Woche später habe ich angefangen bei Aurubis, damals noch Prym, zu arbeiten und dort bin ich bis heute.

Ein Stolberg 1974, wie war das?

Yildiz: Anders als heute. Die Leute hatten genug Arbeit und haben sich keine Sorgen um ihre Zukunft gemacht. Heute müssen wir uns überlegen, wie wir gerade junge Menschen in der Stadt halten können. Für mich ist Stolberg und auch Deutschland nach wie vor das beste Land. Wir haben Demokratie, Frieden und meine Familie, meine Frau, meine drei Töchter und mein Sohn leben hier mit mir.

Irgendwann kam die Selbstständigkeit. Wie war das?

Yildiz: Ja, das war 1988, als wir unser Geschäft auf der Salmstraße eröffnet haben. Meine Frau schlug die Selbstständigkeit vor. Heute arbeitet sie und auch meine Kinder hier mit. Wir sind ein richtiger Familienbetrieb. Es gibt in Stolberg 65 türkische Geschäfte. Für sie ist es nicht immer einfach.

Auch deshalb haben sie Side gegründet. Wie genau sieht ihre Arbeit im Verein aus?

Yildiz: 2007 haben sich damals noch sieben türkische Geschäfte zusammengefunden, jetzt sind wir gewachsen. Wir überlegen uns seitdem, was man für Stolberg tun kann, besprechen aber auch Probleme wie Unkraut vor dem Geschäft oder wir geben für unsere Mitglieder Weiterbildungsseminare. Wir haben außerdem engen Kontakt zum Stolberger Stadtmarketing und dem Bürgermeister. Alles greift da ineinander. Ich bin vor allem Ferdi Gatzweiler für die bisherige Zusammenarbeit dankbar, glaube aber auch, dass Tim Grüttemeier in Zukunft einiges in der Stadt bewegen kann. Wir wünschen uns, dass die Zusammenarbeit mit ihm in Zukunft gut weitergeht.

Was wünschen Sie sich denn für Stolberg?

Yildiz: Stolbergs Problem ist das Einkaufen. Vieles findet man hier nicht und dann fahren Kunden nach Aachen oder nach Eschweiler. Unsere Innenstadt braucht aber dringend Belebung und mehr Leute die hier einkaufen. Meiner Meinung nach geht das nur, wenn man große Magneten wie Media Markt oder C&A nach Stolberg holt. Außerdem haben wir eine sehr hohe Gewerbesteuer. Ich bin kein Politiker, aber ich denke, an dieser Stellschraube muss man drehen. Außerdem ist es wichtig, dass die Altstadt wieder belebt wird.

Wie schätzen Sie das Zusammenleben der Kulturen in Stolberg ein?

Yildiz: Gut! Natürlich gibt es immer kleine Probleme, aber im Vergleich zur Situation vor fünf oder zehn Jahren haben wir einen großen Schritt nach vorne gemacht. Ich denke, die Situation, in der mein Vater 1974 war, kann man kaum noch mit heute vergleichen. Er hatte es damals schwerer als ich. Und meine eigenen Kinder sind in Deutschland geboren und fühlen sich eher zu Besuch, wenn sie in die Türkei fahren. Hier ist ihre Heimat.

Um Zusammenleben und gegenseitiges Verständnis geht es auch bei dem Iftar-Fest, zu dem sie alle Stolberger einladen wollen. Das gemeinsame Fastenbrechen ist das Ende des Ramadans. Was genau haben sie geplant

Yildiz: Das gemeinsame Iftar-Essen veranstalten wir jetzt schon im fünften Jahr. Side ist ein neutraler Verein. Deshalb schaffen wir es, alle anderen türkischen Vereine in Stolberg und auch Politiker und die Kirche unter ein Dach zu bringen. Beim Ramadan geht es darum, Danke zu sagen für die eigene Gesundheit. Wenn man sieht, was auf der Welt passiert, kann man schon traurig werden. Wir in Deutschland haben Glück, denn es geht uns gut. Beim Iftar-Fest geht es auch darum, sich gegenseitig zu helfen, Essen zu teilen. Es ist ein Zeichen für mehr Frieden.

Warum ist es wichtig gemeinsam mit anderen zu feiern?

Yildiz: Gemeinsam mit anderen Religionen und Nationen in Stolberg zu feiern finden wir deshalb wichtig, weil wir uns so gegenseitig kennenlernen. Man sitzt gemeinsam am Tisch und es gibt immer ein Thema, über das sich alle unterhalten können und wo alle die gleiche Meinung haben. Durch das Fest haben wir umgekehrt auch das Christentum besser kennengelernt. Da fastet man auch. Ich denke, das gemeinsame Essen und die Gespräche haben uns voran gebracht. Mich hat es auch immer gefreut, dass Ferdi Gatzweiler, die anderen Parteien und die Kirche dabei waren. Er ist über die Zeit ein guter Freund geworden.

Sich kennenzulernen bedeutet auch, sich über Politik zu unterhalten. Gerade Recep Tayyip Erdogan wird in Deutschland oft kritisiert. Was denken Sie darüber?

Yildiz: Das ist keine einfache Frage. Denn wir von Side möchten die Politik außen vor lassen, weil wir uns als neutraler Verein verstehen.

Und Sie persönlich?

Yildiz: Ich möchte dazu nicht mehr sagen, als dass ich denke, dass ich natürlich auch die Kritik an Erogan verstehe, aber auf der anderen Seite in die Türkei fahre und sehe, wie sich das Land in den letzten Jahren entwickelt hat. Und diese Entwicklung halte ich für positiv.

Und der vieldiskutierte EU-Beitritt der Türkei, was denken sie darüber?

Yildiz: Schon wieder keine einfache Frage. Ich denke, es ist der Wunsch von der Europäischen Union und der Türkei, dass das Land irgendwann beitritt. Denn die Türkei gehört zu Europa. Außerdem ist die Türkei ein Nato-Land. Für Europäer gäbe es bei uns viele Arbeitsplätze und ich denke, dass gerade für die EU ein Türkei-Beitritt gut wäre. Ich denke, dass es die EU gerade wirtschaftlich voran bringen würde. Umgekehrt bin ich mir nicht sicher. Ich denke außerdem, dass die Türkei sich noch auf dem Weg befindet, also dass noch einige Gesetze angepasst werden müssen, bevor sie beitreten kann. In den letzten Jahren ist in der Türkei dahingehend aber auch schon viel passiert und so wird es auch weitergehen.

Zurück zum Ramadan. In dieser Zeit wird bis zu 19 Stunden am Tag nichts gegessen oder getrunken. Wie hält man das aus?

Yildiz: Eben genau deshalb muss man unsere Religion kennenlernen. Im Islam ist das Fasten Pflicht. Aber nur wer gesund ist und es auch wirklich aushält, isst und trinkt nichts, solange die Sonne nicht untergegangen ist. Man gewöhnt sich aber daran und nach ein paar Tagen kommt der Körper mit dem neuen Rhythmus klar. Anfangs ist das natürlich anstrengend. Beim Iftar-Fest geht es dann darum, die Gesundheit zu feiern und gemeinsam zu Essen und das Essen zu teilen. Es gibt auch bestimmte Speisen an diesem Tag.

Womit werden Sie ihre Gäste bewirten?

Yildiz: Zuerst gibt es Linsensuppe, dann Fleisch mit Reis und grüne Bohnen. Ganz wichtig ist bei uns auch der Nachtisch – Baklava sind in meiner Kultur ein Muss. Das Essen ist durch Spenden von vielen Stolberger Geschäftsleuten und von Side finanziert worden. Darüber freue ich mich. Und darüber, dass jedes Jahr wieder so viele Leute so viel Arbeit in die Vorbereitungen des Festes stecken.

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