Bayerisch für Anfänger beim Oktoberfest

Von: Heike Eisenmenger
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Bayerisch für Anfänger: Beim
Bayerisch für Anfänger: Beim Oktoberfest im Pfarrheim „Goldener Stern” gaben Bayer Georg Winklhofer (2. von rechts) und u.a. auch der Breiniger Pastor Ulrich Lührung (3. von links) kostenlose Nachhilfe. Foto: H. Eisenmenger

Stolberg-Breinig. „Schorsch” ist fassungslos: Das, was gerade an seinem Tisch froh gelaunt vorbeispaziert, kommt einem Kulturschockgleich. Es ist aber nicht die Frau, die Georg Winklhofer, der Schorsch gerufen wird, das nackte Entsetzen ins Gesicht treibt.

Es ist das, was die Dame auf ihrem Teller liegen hat: eine Weißwurst, umrahmt von Kartoffel- und Krautsalat. „Joa mei, doas is wia Schweinebraten mit Bienenstich!”, veranschaulicht er den kulinarischen Fauxpas auf der Gefühlsebene eines Rheinländers. „Zur Weißwurscht gehört a Brezn, süßer Senf - und sonst gornianed!”, echauffiert sich der Truderinger Böllerschütze in kerniger Mundart. Ebenso unverzichtbar für das Traditionsgericht ist Bier aus dem Freistaat.

So wie das Tegernseer Bier, mit dem beim Oktoberfest in Breinig angestoßen wird. Es ist das erste Oktoberfest, das die „Sündenböcke” und die St. Barbara-Pfarrgemeinde zusammen organisieren. Der Erlös ist für das Pfarrheim „Goldner Stern”, wo auch gefeiert wird. „Wir essen und saufen fürs Pfarrheim”, bringt es Pastor Ulrich Lühring auf den Punkt.

Auf einer Bühne mitten im blau-weiß geschmückten Saal thronen die Breiniger Bläser und sorgen mit bayerischer Musik für Oktoberfestflair. Für Authentizität sorgen aber vor allem Böllerschützen aus München. Sie sind der Garant dafür, dass das Oktoberfest diesen Namen auch verdient.

Die Bayern haben aus der Landeshauptstadt Weißwürste mitgebracht. „Die Weißwurst, die Sie essen, ist von dem Metzger, der die Münchner Wiesn beliefert”, erzählt Lühring stolz. Die Truderinger Böllerschützen und die Breiniger Sündenböcke verbindet seit Jahren eine innige Freundschaft. Es wird sich regelmäßig in München bzw. in Breinig besucht.

Es ist ein Austausch, von dem beide Seiten profitieren. Die Breiniger haben sich zu wahren Experten des Weißwurstäquators entwickelt, und die „Bajuwaren” haben die Gepflogenheiten des rheinischen Karnevals aufgesogen.

Pastor Lühring wäre der Fauxpas mit der von Salat umrahmten Weißwurst nicht passiert. „Wenn Sie die Pelle nicht mögen, gibt es drei Alternativen, die Weißwurst zu essen. Sie können das Fleisch zupfen, reinbeißen oder es mit einem Messer in vier Teile schneiden”, erklärt Lühring und klappt die Weißwurst mit dem Messer auf.

„Der Kartoffelsalat ist nach original bayerischem Rezept mit Salz und Öl angemacht. Aber dennoch hat er bei einer Weißwurst nichts zu suchen”, unterstreicht der Seelsorger und genehmigt sich einen kräftigen Schluck Bier aus seinem Krug. Angestoßen wird am Tisch mit „Prost”. „Schönes Leben’ geht auch”, erklärt Schorsch. Der Geschmack ist köstlich: Das in süßem Senf getunkte Wurststückchen in Kombination mit der Brezel, und dann noch mit leckerem Bier nachzuspülen - das hat was.

Schorsch arbeitet als Bierfahrer und beliefert auch die Wiesn. Einmal im Leben müsse man das Oktoberfest besucht haben, sagt er. Aber - und dieses Geständnis fällt ihm sichtlich schwer - es sei nicht mehr das Fest, das es einst gewesen war. „Das Gehopse hat nichts mit dem zu tun, was wir Bayern unter einem Oktoberfest verstehen”, stellt der 55-Jährige klar.

Bei einem „echten” Oktoberfest werde weder getanzt noch geschunkelt. Man säße zusammen, es werde gemeinsam gegessen und getrunken und vor allem geredet, in aller Ruhe, und das über Stunden. Das Oktoberfest aus dem Fernsehen sei eine Erfindung der Touristen.

Blöd sei auch, dass man den Tisch nicht mehr verlassen könne. Früher sei man zwischendurch aufgestanden und nach draußen gegangen, um sich die Beine zu vertreten. Das sei heutzutage nicht nicht mehr machbar. „Sobald man aufsteht, ist der Tisch auch schon besetzt. Es sind ungeheure Massen von Menschen unterwegs. Unglaublich ist das.”

Aber das sei halt die neue Zeit, und „irgendwie passt es schon.” Das Breiniger Oktoberfest erhält von Schorsch und seinen Kameraden die volle Punktzahl. Allein schon der Anblick der vielen Besucher, die im Dirndl oder in Lederhosen zum Fest erschienen sind, entschädigt ihn für den Anblick von Weißwurst mit Salat.
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