Bastinsweiher: „Ritzesteg“ oder doch lieber „Seufzerbrücke?“

Von: Martin Heinen
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Wird am Samstag offiziell den Bürgern übergeben: der modernisierte Bastinsweiher in der Stolberger Innenstadt. Ruhebänke laden zum Verweilen in der Sonne ein. Und die neue Brücke soll für einen Blick ins Wasser und auf die Fische sorgen. Foto: J. Lange
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Ob Besucher, Mitarbeiter oder Ladenbesitzer: Alle sind froh, wenn die Baustelle beendet wird. Foto: M. Heinen
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Ob Besucher, Mitarbeiter oder Ladenbesitzer: Alle sind froh, wenn die Baustelle beendet wird. Foto: M. Heinen
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Ob Besucher, Mitarbeiter oder Ladenbesitzer: Alle sind froh, wenn die Baustelle beendet wird. Foto: M. Heinen
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Ob Besucher, Mitarbeiter oder Ladenbesitzer: Alle sind froh, wenn die Baustelle beendet wird. Foto: M. Heinen
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Ob Besucher, Mitarbeiter oder Ladenbesitzer: Alle sind froh, wenn die Baustelle beendet wird. Foto: M. Heinen

Stolberg. Noch rotiert am Spielplatz ein Schleifgerät, wehen die fast letzten Zementwolken über die dunkelvioletten Tulpen im Kies, die bei den kühlen Temperaturen etwas von mutigem Frühlingserwachen haben – in der Blüte sowieso, aber vor allem auch im direkten und übertragenen Sinne der gerade grauen Wolken über Stolberg, die aufreißen, der Sonne eine kurze Chance geben – und Wasser, Parkbänke und Brücke glitzern lassen.

Noch hat hier niemand einen Goldfisch ausgesetzt, sein Segelbötchen ziehen lassen oder am Steg ein Liebesschloss angeknotet. Dafür ist das „Betreten verboten“-Schild schon halb abgenommen, sind die ersten Schutzzäune verschwunden. Weiter abseits, also in den digitalen Stolberger Netzwerk-Nachbarschaften, wird besprochen, geplant, vorbereitet. Die einen sind erwartungsvoll, manche aber auch krittelnd und hämisch.

„Bastengs bröcksje“

Ob nun historisch oder nostalgisch, von gestern oder irgendwie aktuell motiviert: Die einen suchen einen Namen für den Weg über den Weiher: „Ellermühlensteg oder -brücke“ könnte ein Favorit sein. „Ritzesteg“ würde den Schülern des nahen Ritzefeld-Gymnasiums vielleicht den harten Alltag erleichtern, wenn es endlich nach Hause geht. Vielleicht dann doch besser direkt „Seufzerbrücke“? „Lac de Bastin“ wirft eine frankophile, wahrscheinlich romantisch veranlagte Mitgestalterin in den Chat. „Bastengs bröcksje“ übersetzt ein Mundartspezialist.

Aus dem Klang der kollektiven Stille kommt der Einwurf als modifizierte Coverversion von Simon & Garfunkel: „Bridge over not troubled water“. Leicht propagandistisch, aber solidarisch aufrüttelnd und zukunftsfroh sticht „Brücke des Aufbruchs“ in die lokale See. Eine deutsch-türkische Kombination? Ein anderer schließt die Diskussion erstmal ab: „Die Menschen, die diesen Platz beleben, wahrscheinlich auch lieben werden, werden ihm schon einen passenden Namen geben. Das braucht Ruhe und Zeit.“

Es gibt auch andere, die eben anders darüber denken – in den Katakomben des Internets oder an der Oberfläche des Stadtklatsches. Dieser Weg oder der Steg sind auch hier keine leichten, weil die bisherigen ziemlich verfahren, zerklüftet oder eben „stolbergerisch“ verklebt sind. Damit hat dieser Weiher aber im Kern nichts zu tun. Einst sollte er als Wasserreservoir den Betrieb der Ellermühle sicherstellen, wozu der Vichtbach umgeleitet wurde.

An seiner Geschichte spiegelt sich exemplarisch, wie die Zeiten kamen und gingen – und die Eigentümer oder Pächter, auch der damit verbundene Tatendrang und Reichtum, wirtschaftliches Auf- und Verblühen, also auch Verlust. Fast alle waren gestandene Macher oder gar Pioniere in ihrem Gewerbe und in ihrer Zeit: Die von Effernens, die Hoeschs, die Peltzers, die Schleichers, die Bastins – bis zum Bauunternehmer Max Blees.

Heute, fast 470 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung der Ellermühle, ist diese Vergangenheit an gleichen Stelle eigentlich vollständig verweht und vorbei, ist es ein Ort, den es eben nicht mehr gibt. Man braucht viel Phantasie, um nachzufühlen, wie es hier mal war.

Symbol des Fernwehs

Von allem, was war, ist eigentlich nur der Weiher geblieben, eine Art Hilfskonstrukt, um das Hauptwerk zu gewährleisten. Ähnlich wie heute. Jetzt soll er vor allem frisches Wasser auf die Mühle der Stolberger Urbanität und Gemeinschaft leiten.

Dazu sprudeln die Meinungen ganz unterschiedlich: Für die einen ist die Brücke ein Symbol des Fernwehs nach einem Stolberg mit neuer, transformierter Identität in die Jetztzeit und Moderne, nach neuem Gemeinsinn und Zukunftsoptimismus für eine ziemlich havarierte, genügend leckgeschlagene Stadt, die, sollte sie noch eine Chance haben, die ganz unterschiedlichen Höhen und Klippen der Mentalitäten und Ansichten neu angleichen und verbinden muss.

Dabei werden die historischen Quellen keineswegs achtlos über Bord geworfen, nur eben neu verankert und eben nicht historisierend verklärt, sagen die einen. Andersherum geht es aber auch zerknirscht um den „Lago Prozzo“, um Geldverschwendung. Manche rufen nach einem Bademeister, andere befürchten schon das erste, ertrunkene Kind. „Come together“ möchte man da hinein und herüber singen – oder „Küt zesamme“ oder „Bir araya gelmek“ oder vielleicht alles zusammen.

Es ist 12 Uhr mittags. Dem jungen Mann, der mit Rucksack bepackt durch die Absperrung trabt, scheint das eine oder das andere erstmal total egal zu sein. Er setzt sich an den Terrassensteg, holt seinen Snack heraus und schweigt. Nicht weit entfernt sitzen zwei, denen geht es ähnlich, eigentlich aber besser. Schön im Warmen, direkt am Cafe-Fenster mit Panoramablick mit einem Tässchen Kaffee und „lecker Kuchen“.

Die beiden, Therese Schatakies und Anneliese Janaschke, die eine aus Breinig, die andere aus Münsterbusch, wollen sich erstmal gar nicht stören lassen. Auch ihnen scheint es schnuppe zu sein, ob sich demnächst Stolberger Schönheiten am „Bastinsbeach“ räkeln oder Frösche über weggeschmissene Coladosen hüpfen, ob sich gerade zwei Busse schwerfällig aneinander vorbeischieben oder wieder mal alle Parkbuchten vor den Geschäften belegt sind. Alles ist gut für Therese und Anneliese.

Und gefühlt auch für alle anderen hier – im Bäckereicafé „Moss“. Die eine mit sich und ihrem Laptop beschäftigt, die anderen wohl zum Geschäftsgespräch verabredet, der eine ins Handy vertieft, der andere in die Lokalzeitung. Therese buchstabiert freundlich ihren Nachnamen: „Ein bisschen schwierig. Meine Familie kam aus Ostpreußen.“

Eine Meinung und eine Frage hat sie auch sofort: „Ich finde das toll, was die hier gemacht haben. Wissen Sie, ob es da am Weiher auch ein Außencafé oder so geben wird? Da im Sommer in der Sonne sitzen zu können, das fände ich klasse.“ Anneliese nickt. Da kann man ihr nur zustimmen und mitträumen.

Keine Verschnaufpause

Den Damen hinter dem Verkaufstresen bleibt keine Verschnaufpause zum Plausch. Diana Theuerkauf, Shefkije Kryeziu, Lydia Hoffmann und Claudia Roth wirbeln gegen den Andrang zur „Rush Hour“ und halten den Hausslogan „Und mein Tag lächelt“ tapfer ein.

Zwischenzeitlich bleibt aber auch eine Minute für ein kurzes Aufatmen: „Endlich haben wir hier wieder normale Verhältnisse. Der Platz ist schön geworden und wir hoffen, dass die Stolberger ihn auch mögen und beleben werden.“ Die fleißigen Vier haben das schon: Am liebsten wollen sie das Foto direkt am See machen, aber mit der Schlange der Kunden geht das nicht. Schade.

Moss-Inhaberin Silvia Moss und ihr Geschäftsführer Hans Bernd Schwienhorst sind glücklich, dass die Umbauzeit, die erhebliche Umsatzeinbußen verursachte, nun Vergangenheit ist. Aber das zielbewusst expandierende Management-Duo weiß, wann Veränderung, Zukunftsinvestitionen erforderlich und entsprechende Einschränkungen in Kauf zu nehmen sind. Für ihr Unternehmen, auch für Stolberg. Die Moss-Filiale am Bastinsweiher ist auch deshalb kein Zufall und auch keine schlichte Platzbesetzung gegen den Wettbewerb, sondern ein gutes Signal. 2001 entsteht die Filiale, 2012 wird erweitert.

Für Geschäftsführer Schwienhorst ist wichtig, dass jetzt Ruhe eingekehrt, dass die Stolberger diesen Platz wieder annehmen und die neue Aufenthaltsqualität genießen können. „Alles, was wir an Positivem beitragen können, werden wir tun.“ Silvia Moss wünscht sich, „dass eine neue, urbane Atmosphäre entsteht“. Ein guter Metzger fehle, aber auch noch weitere zeitgemäße Handelsangebote.

Die Moss-Familie ist in Stolberg verwurzelt, nicht nur in Zusammenhang mit der Unterstützung der Stolberger Tafel. Über allem schwebt aber auch die Frage, wie sich die Gesamtentwicklung Stolbergs in den nächsten Jahren gestalten wird. Dazu zählen auch nüchterne Zahlen: Das Filialnetz in Stolberg ist von fünf auf drei geschrumpft. „Wir konzentrieren uns jetzt auf den Bastinsweiher.“ Weitere Investitionen scheinen ansonsten in Stolberg erstmal nicht in Sicht zu sein.

An der Ecke nebenan haben Michaela und Rolf Intrau vor fünf Jahren in die Selbstständigkeit investiert. Ihr Kerngeschäft sind Tabakwaren und Zeitungen, mittlerweile ergänzt durch eine Vielfalt an Süßwaren, Getränken und Bürobedarf. Der Laden der Intraus ist ein Treffpunkt im Viertel. Gerade wollen zwei junge Senegalesen Bahntickets nach Münster kaufen, der nächste will Lottomillionär werden. Michaela kennt sie alle, kaum geht die Tür auf, greift sie schon nach der richtigen Zigarettenpackung.

Zeit für einen kurzen Austausch bleibt immer. Die Intraus gehen mit dem Trend und versuchen ihr Angebotsspektrum gegen die Konkurrenz, auch im Netz, auszubauen: Hier gibt es einen Hermes-Shop, Tickets für die Alemannia, die ASEAG und für den Flixbus. Zudem auch den Service, dass für Stammkunden Zeitschriftenmappen angelegt werden, in denen die Lieblingstitel schon vorsortiert werden. Den beiden macht ihr Laden mit den vielen Menschen Spaß. Es läuft, auch wenn hier schon neunmal eingebrochen worden ist. Dagegen hilft jetzt eine Vernebelungsmaschine.

Sowieso und auch zur Platz-Taufe am Samstag, 13. Mai, herrscht aber Optimismus. Die Intraus wollen sich an der großen Feier beteiligen: Es gibt unter anderem ein Glücksrad und einen VW-Beetle zu gewinnen. „Sauber, endlich ist alles sauber und ordentlich“, bringt Josef Bauer, Besitzer der gleichnamigen Reinigung, die er seit 30 Jahren führt, seine Erleichterung auf den Punkt.

Die Betonung liegt nahe, sein Geschäft lebt ja vom Wunsch nach Sauberkeit. Bauer braucht vor allem die Erreichbarkeit für seine Kunden, meistens Stammkunden: „Niemand will seine Kleidung weit schleppen. Es muss immer bequem und schnell gehen, also mit dem Auto. Für uns eher schwieriger ist die Tatsache, dass hier sechs bis acht Parkplätze weggefallen sind. Ich hoffe aber, dass dieses Manko durch die steigende Frequenz irgendwie ausgeglichen werden kann.“

Zudem bietet er hinter dem Gebäude kostenlose Parkplätze an. Zum Service gehört auch ein Hol- und Bringservice. Sein Team ist auf jeden Fall bester Laune. Nebenan wirbelt Schuster Kemal Benli in seinem nicht so ganz staub- und schmutzfreien Tagwerk. Seit zehn Jahren betreibt er seinen Laden. Er fand den Standort immer gut, man kennt sich, man hilft sich untereinander. Demnächst, so hofft er, wird es am Bastinsweiher noch besser laufen. Auch er wirft ein, dass Parkplätze fehlen.

„Aber man wird sehen, die Leute kommen wieder.“ Seine Frau betreibt in Würselen ein Fischgeschäft. Warum hier nicht eine Filiale eröffnen? „Wir haben auch nur vier Hände. Aber mal schauen…“, sagt er und begibt sich wieder zu seinen Schuhen. Und wenn man zur Schneiderin von nebenan will, um eine kaputte Jeans abzugeben, nimmt er sie für Sükran Ceremesiz an.

Ceremesiz, die durch Heirat nach Stolberg kam, arbeitet seit 27 Jahren in ihrem kleinen Reich. Sie ist ein bisschen überrascht und schüchtern, aber herzlich. Handan Akbulut, die mithört übersetzt die Fragen: „Es ist sehr schön geworden, alles gut“, bringt sie ihre Meinung auf den Punkt.

Der junge Mann, der eben noch am Weiher saß, ist weg. Am Holzsteg sitzt jetzt ein Pärchen. Im Café haben sich zwei Mädchen die erste Reihe gesichert. Ob sie bleiben, wiederkommen werden? Diese ersten Besucher, Zaungäste, Flaneure? Die einen, die dafür sind, und die anderen, die dagegen sind? Bestimmt.

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