Stolberg - Bald soll die Euregiobahn regelmäßig nach Breinig fahren

Bald soll die Euregiobahn regelmäßig nach Breinig fahren

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
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Ein Knackpunkt für die zwischen drei und fünf Millionen Euro kostende Reaktivierung der Strecke nach Breinig ist der im Zweiten Weltkrieg beschädigte Rüstbach-Viadukt. Foto: Roland Keller
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In Merzbrück kreuzen landende Flugzeuge die Gleise und verhindern die Elektrifizierung. Die Startbahn soll verlegt werden. Foto: J. Lange
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Wie derzeit nur bei Sonderfahrten soll Breinig in ein bis zwei Jahren regelmäßig durch die Euregiobahn angebunden werden. Foto: R. Keller
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Heiko Sedlaczek ist Geschäftsführer der Nahverkehr Rheinland GmbH und zudem vom Aufsichtsrat der Aachener Verkehrsverbund GmbH (AVV) jetzt einstimmig für weitere fünfJahre zum Geschäftsführer bestellt worden. Foto: J. Lange

Stolberg. Schon beim offiziellen Spatenstich zum Bau des Parkhauses am Hauptbahnhof hat Heiko Sedlaczek angekündigt, dass es das Ziel des Zweckverbands Nahverkehr Rheinland (NVR) ist, regelmäßig mit der Euregiobahn Breinig ansteuern zu wollen. Die Sonderfahrten bei den Kupferstädter Weihnachtstagen an allen vier Advents-Wochenenden haben diesen Wunsch einmal mehr unterstützt.

„Breinig ist für uns schon länger ein Projekt“, erklärt der NVR-Geschäftsführer gegenüber unserer Zeitung. Aber jetzt kann Sedlaczek den Erfolg schon absehen. Schon in ein bis zwei Jahren kann es gelingen, den regelmäßigen Anschluss Breinigs an die Euregiobahn im Rahmen einer Netzerweiterung herzustellen. Und darüber hinaus ist Heiko Sedlaczek zuversichtlich, die weitere Strecke von Breinig bis zur Bundesgrenze erhalten und so die Infrastruktur für eine eventuell spätere Nutzung sichern zu können – auch wenn ein Regelbetrieb derzeit nicht in greifbarer Nähe scheint.

Das sieht für den gut fünf Kilometer langen Abschnitt zwischen Altstadt und Breinig schon ganz anders aus. „Der Anschluss ans Netz ist sinnvoll“, betont Sedlaczek. Der NVR, der sich über die Gebiete des Aachener Verkehrsverbundes (AVV) und des Verkehrsverbundes Rhein-Sieg (VRS) erstreckt, sowie die EVS, der Stolberger Euregio-Verkehrsschienennetz GmbH als Eigentümer der Gleisinfrastruktur, haben unterstützt von Abgeordneten aus der Region in den vergangenen Jahren nachhaltig bei Land und Bund für eine Förderung des Projektes plädiert.

Nun muss die Netzerweiterung nach Breinig in den Maßnahmenkatalog des NVR aufgenommen werden. Darüber entscheidet die Verbandsversammlung im Juni noch vor den Sommerferien. „Wenn sie zustimmt, dann können wir sehr kurzfristig an der Realisierung arbeiten“, erklärt der NVR-Geschäftsführer.

Optimistisch bei Elektrifizierung

Zwei Probleme müssen dafür jedoch gelöst werden: Infrastruktur und Betriebsart. Zum Steckenausbau steht die EVS quasi Gewehr bei Fuß. Vor wenigen Wochen wurde bereits vorsorglich der Baumbewuchs des Bahndamms an der Straße Waldfriede gefällt. Die drei Bahnübergänge „Im Steg“, „Auf der Heide“ und „Stockemer Straße“ hat das Stolberger Unternehmen bereits vor drei Jahren im Rahmen der Verkehrssicherung erneuert.

Jetzt kommt auf den Eigentümer das größere Problem zu: Die Sanierung der Schienenstrecke, auf der derzeit nur mit gut zehn km/h gefahren werden kann, sowie die Ertüchtigung des im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten Rüstbach-Viaduktes zu. Die Kosten liegen „unter fünf Millionen Euro“, erklärt Sedlaczek. Vor drei Jahren, als die Zweckverbandsversammlung das Projekt auf die nun bevorstehende Förderperiode verschoben hatte, wurden die erforderlichen Investitionen mit 2,95 Millionen Euro angegeben.

Nicht minder schwierig für einen Regelverkehr ist die Betriebsart. Bis dato hat die Regionalbahn 20 nicht den erforderlichen Zeitpuffer, um vom Hauptbahnhof bzw. vom Haltepunkt Altstadt aus zusätzlich Breinig anfahren zu können. Während der für Bahnpendler attraktiven Stunden an Werktagen fehlt mit dem aktuellen Fahrzeugbestand einfach die Zeit für den zusätzlichen Abstecher.

„Auch ein anfänglicher Pendelverkehr zwischen Altstadt und Breinig darf über einen begrenzten Zeitraum nicht ausgeschlossen werden“, sagt Sedlaczek. Ein solches Modell ist aber für Reisende durch das erforderliche Umsteigen wenig attraktiv. Mit einer späteren Elektrifizierung des kompletten Euregiobahnnetzes, die schnellere Taktzeiten und einen umweltfreundlicheren Betrieb ermöglicht, kann eine attraktivere Lösung einer durchgehenden Verbindung mindestens bis zum Stolberger Hauptbahnhof gefunden werden.

Die Elektrifizierung ist auch so ein Thema, das Heiko Sedlaczek viele Jahre geradezu „unter Strom“ gesetzt hat. Jetzt fehlt quasi nur noch ein Baustein, um die Kabel ausrollen zu können: Die Genehmigung der zuständigen Bezirksregierung Düsseldorf für eine neue Start- und Landebahn des Flughafens Merzbrück. Derzeit darf die nahe Gleisstrecke dort nicht mit Oberleitungen versehen werden, weil sie aufgrund ihrer Höhe die Sicherheit der startenden und landenden Flugzeuge gefährden würde. Nur eine Verlegung der Startbahn würde zu einem Startschuss für die Elektrifizierung der Euregiobahn führen.

Planfeststellungsbeschluss

Doch Sedlaczek ist „sehr hoffnungsvoll“: Die Flugplatzgesellschaft (FAM GmbH), an der die Stadt Aachen, die Städte Eschweiler und Würselen sowie die Städteregion Aachen beteiligt sind, erwartet noch für diesen Sommer einen positiven Bescheid. Dieses Vorhaben steht für die FAM auch in einem engen Zusammenhang mit der Ansiedlung eines Hochschul-Clusters rund um das Thema Luftfahrt sowie für die EVS und den NVR mit dem Bau eines Bahn-Haltepunktes in dem prosperierenden Gewerbegebiet Merzbrück.

„Wir erwarten den Planfeststellungsbeschluss für März oder April“, sagt Uwe Zink. „Dann werden wir weitersehen“: Mit Details will sich der FAM-Geschäftsführer noch zurückhalten.

„Die Planungen für die Elektrifizierung laufen auf Hochtouren“, sagt Sedlaczek zu dem Vorhaben mit einem Volumen von über 20 Millionen Euro. „Bund und Land stehen parat“. Die Zeit drängt. Denn Ende diesen Jahres, spätestens Anfang 2018 muss der NVR den weiteren Betrieb der Euregiobahn ab 2021 neu ausschreiben. „Dann müssen wir wissen, ob wir Elektrozüge bestellen können oder weiter mit Dieseltriebwagen fahren müssen“, erklärt Sedlaczek.

Dazu zählen auch die Überlegungen, Baesweiler an den Schienenverkehr anzuschließen. Dazu bietet der Haltepunkt Annapark den Hebel. Dort verbleiben der eintreffenden Regionalbahn 20 derzeit lediglich fünf Minuten Wendezeit, um wieder in Richtung Aachen abfahren zu können. Auf der eingleisigen Strecke ein absolutes Manko, um Verspätungen auffangen, den Takt verdichten oder weitere Verkehre fließen lassen zu können.

Der NVR erwägt nun, mit der Elektrifizierung von der fließenden auf eine überlappende Wende umzustellen. Das bedeutet, dass eine bereits wartende Euregiobahn abfahren könnte, wenn die eintreffende ankommt. Dazu wäre aber für den verbleibenden Zug ein Abstellgleis erforderlich. Das könnte bei Kellersberg der Abzweig nach Siersdorf bieten, der damit den schrittweisen Weg nach und den Anschluss von Baesweiler eröffnen würde.

„Wichtig für die ganze Region“

„Es ist im Interesse der ganzen Region, die Elektrifizierung zu einem positiven Ende führen zu können“, unterstreicht Sedlaczek. Das Ende ist für den NVR gleichzeitig der Beginn für weitere Verbesserungen im Schienenverkehr der Region. Anstelle des wohl nicht realisierbaren durchgehenden dritten Gleises zwischen Düren und Aachen hat die Region ein Gutachten vorgestellt, das mit diversen kleineren Maßnahmen zu großen Verbesserungen im Zugverkehr führen soll.

Die Strecke zwischen Nordseehäfen und Rhein gilt bereits heute mehr als überlastet, während Prognosen für die nahe Zukunft eine deutliche Steigerung des Güterverkehrsaufkommen vorhersagen. „Es gibt aufgrund der Streckenstruktur aber keine Puffer für Verspätungen“, erklärt Heiko Sedlaczek. Betroffen sind die Strecken von Aachen nach Köln ebenso wie in Richtung Mönchengladbach. Das Gutachten weise sehr viele Einzelmaßnahmen auf, die „sinnvoller und kostengünstiger als ein durchgehendes drittes Gleis sind“, betont der NVR-Geschäftsführer.

Zwei dieser Maßnahmen, um Kapazitäten und Flexibilität zu gewinnen, betreffen Stolberg sowie Herzogenrath. In beiden Hauptbahnhöfen muss die Euregiobahn die Hauptstrecke der DB kreuzen. Das bedeutet, dass die Hauptstrecke vielfach am Tag für viele Minuten blockiert ist. Die Minuten summieren sich. Um das Kreuzen zu vermeiden, schlägt das Gutachten für Stolberg den Bau eines Tunnels für die Regionalbahnstrecke 20 vor: Die von der Eschweiler Talbahnlinie kommende Euregiobahn würde dann im Stolberger Hauptbahnhof durch eine Unterführung auf die an Camp Astrid liegende Gleisseite geführt, um in Richtung Aachen weiterfahren zu können.

In Herzogenrath könnte die vergleichbare Aufgabe ein Brückenbauwerk erledigen. Zudem sieht das Gutachten zahlreiche Details zur Verbesserung der Abwicklung des Güterverkehrs in der Region vor. Das grenzüberschreitende Projekt hat ein so großes Volumen, dass der NVR auf eine Förderung durch die EU setzt.

Und damit kommt wieder die Strecke über Breinig hinaus bis nach Eupen ins Spiel. Das Eisenbahnbundesamt hat dem Streckeneigentümer EVS eine Entscheidung über eine Stilllegung und Abbau der Gleise oder eine Sicherung und Sanierung der Infrastruktur auferlegt. „Eine Entwidmung kann nicht im Interesse der Region sein“, erklärt Sedlaczek.

„Wir haben dem Eisenbahnbundesamt einen Meilensteinplan für die Strecke vorgelegt“, erklärt EVS-Geschäftsführer Thomas Fürpeil. Zudem liefen intensive Gespräche mit dem belgischen Infrastruktranbieter Infrabel und der Deutschsprachigen Gemeinschaft.

Direktverbindung nach Lüttich

Allerdings löst der Gedanke an eine Ertüchtigung der Infrastruktur mit mehr als 25 Millionen Euro Kosten auf deutscher Seite ein förmliches Verfahren beim Land aus, wo sie für den ÖPNV-Bedarfsplan angemeldet worden ist. Mit einem standardisierten Verfahren werden nun in Düsseldorf Kosten und potenzieller Nutzen abgewägt. Hohe Fahrgastzahlen sind derzeit nicht wirklich zu erwarten, obwohl die Anbindung zwischen dem deutschen und belgischen Streckennetz mangelhaft ist.

Das war früher einmal anders, als es noch einen durchgehenden Interregio zwischen Köln über Aachen nach Ostende gab. Heute verkehrt abgesehen vom Thalys und dem ICE noch im Stundentakt ein Regionalexpress von Aachen nach Spa mit Umsteigemöglichkeit nach Lüttich in Verviers. Von dort fahren zwei Intercity nach Welkenraedt. Einer endet dort, ein zweiter fährt bis Eupen, erklärt Sedlaczek. Zur Sicherstellung eines qualitativ hochwertigen Schienenpersonennahverkehrs müsse aber im Interesse der Fahrgäste eine umsteigefreie Direktverbindung zwischen Aachen und Lüttich über Hergenrath hergestellt werden.

Eine Streckenführung über Breinig erscheint Sedlaczek dabei völlig unsinnig. Auch nicht als Bypass zur Hauptachse für den Güterverkehr. „Dafür müsse sie elektrifiziert werden, was die Kosten weiter in die Höhe treiben würde“.

Touristische Nutzung

Um die Infrastruktur zu erhalten, könnte beispielsweise eine touristische Nutzung ermöglicht werden. Die Bördebahn zwischen Düren und Euskirchen nennt der NVR-Geschäftsführer als positives Beispiel. Ein privater Verein hat dort vor vielen Jahren mit Ausflugsfahrten die Strecke gerettet. Nun stehe sie vor der Reaktivierung für den Regelverkehr. Auch in Stolberg hatte in den 90er Jahren eine touristische Nutzung zum Erhalt der Vennbahntrasse beigetragen, auf der die Euregiobahn heute eine Erfolgsgeschichte schreibt.

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