Aachen - Bahnstreik: Ein Zug voller Zorn und Unverständnis

Bahnstreik: Ein Zug voller Zorn und Unverständnis

Von: Sebastian Maassen
Letzte Aktualisierung:
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Der Bahnhof Aachen-Rothe Erde: Ob man mit dem RE 1 oder mit der Euregiobahn fährt, kaum ein Fahrgast hat mehr Verständnis für die Streiks. Foto: Harald Krömer

Aachen. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hat zum Streik aufgerufen, schon wieder. Seit den frühen Morgenstunden fallen rund zwei Drittel aller Züge aus, und das wird sich bis Montag, 4 Uhr, nicht ändern.

Es ist der längste Ausstand in der Geschichte der Deutschen Bahn. Entsprechend gedrückt war schon gestern die Stimmung vieler Fahrgäste. Wut und Resignation stehen den Menschen ins Gesicht geschrieben, die im RE 1 von Aachen nach Köln sitzen. Oder stehen, denn es ist voll. Viele treibt die Frage um, wie sie in den kommenden Tagen zur Arbeit oder an ihr Reiseziel kommen sollen.

Stephan Marks, Erzieher aus Aachen, scheint noch glimpflich davonzukommen. Er nimmt Donnerstag und Montag an Fortbildungen in Aachen teil, am Freitag muss er nur nach Eschweiler. „Das ist alles noch mit dem Bus zu schaffen“, sagt er. Verständnis für den anstehenden Streik hat er trotzdem nicht. „Es ist eine Frechheit, produktive Verhandlungen in letzter Minute abzubrechen“, sagt er.

Eine resolute Frau mittleren Alters trifft es härter. Sie pendelt täglich nach Köln, hat keine Alternative zur Bahn. Nun müsse sie auf die in Aussicht gestellten Ersatzfahrpläne ausweichen, sagt sie. „Und wenn das nicht funktioniert, muss ich auf eine Gleitzeitregelung hoffen oder einen Urlaubstag nehmen.“ Viele Angestellte in ihrem Unternehmen hätten dieses Problem, sagt die Versicherungskauffrau. Überall bleibe Arbeit liegen, das Nachsehen hätten am Ende die Kunden. Verständnis für die GDL? „Gleich null!“

Eine junge Doktorandin auf dem Weg zum Forschungszentrum Jülich nimmt’s mit Humor: „Klar ist ein Streik nicht schön, aber so unfassbar pünktlich ist die Bahn sonst auch nicht.“ Sie wird in den nächsten Tagen mit dem Bus „durch die Dörfer tingeln“.

Ein paar Abteile weiter

Ein paar Abteile weiter findet ein Geschäftsmann deutlichere Worte: „Ich muss ganz konkret meine normale Reiseplanung ändern. Statt einer Stunde, die ich ohnehin bei Geschäftsterminen einplanen muss, plane ich nun eine weitere Stunde zusätzlich ein. Zudem bin ich laufend online, um zu checken, ob die Züge noch im Plan sind.“ Verständnis für die GDL habe er überhaupt nicht mehr. „Dem Herrn Gewerkschaftsa…, dessen Namen mir schon nicht mehr einfällt, ist völlig egal, wie es den Menschen geht, die mit der Bahn planen müssen.“

Für den Leiter eines mittelständischen Unternehmens bedeutet der Streik vor allem Mehrkosten durch längere Arbeitszeiten. Auch mussten bereits Termine ausfallen, was zur Folge hatte, dass Aufträge verloren gingen. „Und am Ende zahle ich noch mal: bei der nächsten Erhöhung der Ticketpreise. Denn der betriebs- und volkswirtschaftliche Schaden muss ja irgendwie ausgeglichen werden.“

Christian Thrien muss ebenfalls täglich zur Uni. Er arbeitet an der Medizinischen Fakultät der Hochschule Köln. Zwar könne er einiges von zu Hause aus erledigen, alles aber nicht. Ein eigenes Auto hat er nicht, einmal musste er sich schon eines leihen. Jetzt setzt er auf Fahrgemeinschaften. Für Streiks hatte er „mal viel Verständnis“, allmählich reicht es ihm aber. Dass eine „Spartengewerkschaft keine Inhalte mehr transportiert, sondern lediglich die Muskeln spielen lässt, um einen Machtkampf auszufechten“, entbehrt seiner Meinung nach jeder Nachvollziehbarkeit.

Menschen, die diese Ansicht teilen, findet man zuhauf an diesem Morgen. Sie alle haben unterschiedliche Geschichten zu erzählen, doch in einem Punkt sind sie sich einig: Das Maß ist voll. Einer der Befragten arbeitet selbst im Nahverkehrsbereich. Verschämt ruft er noch im Aussteigen: „Aber nicht bei der Bahn!“

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