Stolberg - Augenzeuge Ansgar Weigner berichtet von den Schüssen auf die Kirche

Augenzeuge Ansgar Weigner berichtet von den Schüssen auf die Kirche

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:
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Augenzeuge Ansgar Weigner vertritt derzeit den Organisten der Pfarre. Er wurde zum Augenzeugen. Gleich mehrere Einschüsse trafen die Fenster der Kirche St. Mariä Himmelfahrt.
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Das Fenster der Kirche wurde durch ein Luftgewehr beschädigt.

Stolberg. „Es ist das erste Mal, dass ich mich in Stolberg nicht sicher fühle“, sagt Ansgar Weigner. Als Unbekannte am vergangenen Sonntag morgens und abends Schüsse auf die Fenster der Kirche St. Mariä Himmelfahrt abgeben, ist er dort und entgeht nur knapp einer Verletzung. Ein Erlebnis, das ihn auch einige Tage später noch beschäftigt. Deshalb will er nun Anzeige wegen versuchter Körperverletzung erstatten.

Dass der oder die Täter dadurch gefasst werden, hält er zwar für unwahrscheinlich. Jedoch würde es ihm dadurch besser gehen. Aus diesem Grund will er die Geschichte, die sich am Sonntag in der Kirche an der Salmstraße abspielte, auch aus seiner Sicht erzählen.

Begonnen hat alles in der Mittagsmesse gegen kurz nach 12 Uhr. Ansgar Weigner vertritt derzeit den Organisten der Pfarre und sitzt auf der Empore vor der Orgel. Plötzlich ertönt ein lauter Knall. Es komme immer einmal vor, dass in der Orgel eine Feder reiße, deshalb habe er sich zunächst nichts dabei gedacht. Als er im Orgelkasten nachschauen will, knallt es erneut. Weigner sieht Glasscherben, die vor ihm auf dem Boden liegen.

Als er empor blickt, erkennt er, dass im Kirchenfenster ein Stück Glas fehlt. „Ich habe zuerst gedacht, dass jemand Steine gegen die Fenster schmeißt. Aber die Kirchenfenster sind ziemlich dick und uneben. Da müsste man schon eine immense Kraft aufbringen“, sagt Weigner. Schnell ist dem Regisseur klar, dass die Einschläge aus einem anderen Winkel kommen müssen.

Bleikugeln vor der Kirche

Im Innenraum der Kirche geht der Gottesdienst indes ganz normal weiter und auch Weigner setzt sich wieder an die Orgel und stimmt die nächsten Lieder an. Zu diesem Zeitpunkt ist er relativ entspannt. „Daran die Messe abzubrechen, haben wir am Vormittag nicht gedacht“, sagt Weigner. Schließlich habe man zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst, dass es sich um Schüsse aus einem Luftgewehr handele.

Die Polizei wird nach dem Gottesdienst trotzdem informiert. Ein Kirchenbesucher hat die Einschläge als Schüsse wahrgenommen. Zudem werden vor der Kirche Bleikugeln gefunden. Weigner vermutet, dass diese aus einer gegenüberliegenden Wohnung stammen. „Die Polizei hat unsere Aussagen aufgenommen, hatte aber leider keine Handhabe“, sagt Weigner. Er hätte sich gewünscht, dass die Beamten direkt nach dem Vorfall die Wohnung durchsuchen. Dass die Polizei dieser Vermutung später noch nachgehen wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt allerdings noch niemand. Denn eine einmalige Aktion bleibt dies nicht.

In Ansgar Weigner macht sich nach der Messe Ärger breit. Ärger darüber, wie man auf die Idee kommen kann, auf eine Kirche zu schießen. Nach und nach lässt der Ärger allerdings nach und es breitet sich ein mulmiges Gefühl aus. Schließlich muss Weigner auch die Abendmesse spielen. „Ich habe erst überlegt, ob ich die Messe nicht spielen soll. Aber in Panik zu verfallen, hätte auch nichts gebracht“, meint er.

Kurz vor dem Gottesdienst zeigt Weigner die Einschusslöcher noch einen Kirchenbesucher – bis es erneut knallt. Die Glasscherben rieseln ihnen auf den Kopf, verletzt wird glücklicherweise niemand. Weigner ruft Pfarrer Hans Rolf Funken an, der sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Sakristei befindet. Er bittet Weigner, die Polizei zu rufen. Dann läutet er die Glocke, der Gottesdienst beginnt.

Nach Schüssen auf Kirche: Polizei ermittelt Tatverdächtige

Insgesamt drei Schüsse fallen während der Abendmesse. Auf einem gegenüberliegenden Balkon sieht Weigner zwei Männer mit nacktem Oberkörper. Erkennen kann er sie allerdings nicht. Am Tatort angekommen leitet die Polizei eine Fahndung ein und durchsucht – mit Zustimmung des Wohnungsinhabers – im gegenüberliegenden Haus eine Wohnung. Doch die Beamten finden nichts. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schüsse von irgendwo anders gekommen sein sollen“, sagt Weigner.

Verletzt wurde er zwar nicht. Dennoch beschäftigt ihn der Vorfall auch Tage später noch. „Das Problem ist, dass es kein Kavaliersdelikt war. Man hat bewusst gewartet, bis die Messe beginnt und dann bewusst draufgehalten. Man muss davon ausgehen, dass es eine Motivation dafür gab. Das ist besorgniserregend“, ist er sich sicher. Von außen sehe man nicht, ob jemand hinter dem Fenster stehe und könne nicht wissen, ob man jemanden treffe, oder nicht. „Dass ich im freien Schussfeld stand, beunruhigt mich bis heute“, sagt er.

Seit 25 Jahren spielt der Stolberger in St. Mariä Himmelfahrt Orgel. Die Kirche sei für ihn eine Art Wohnzimmer geworden. „Ich habe auch schon abends oder nachts hier geübt. Das mache ich mittlerweile nicht mehr. Es ist so, als würde einem ein Stück zu Hause weggenommen“, sagt er.

Auch in der Vergangenheit habe es immer mal wieder Probleme mit Vandalismus gegeben. So könne man die große Krippe in der Weihnachtszeit nicht unbeaufsichtigt lassen. Aufgebrochene Opferstöcke und vollurinierte Weihwasserbecken seien ebenfalls schon vorgekommen. Der Kircheninnenraum sei deshalb längst nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich – zumindest außerhalb der Gottesdienstzeiten. „Das ist schade. Ich bin der Meinung, dass ein Gotteshaus offen sein sollte. Das ist schließlich ein Ort, an dem man nichts Schlimmes erwartet. Mittlerweile bin ich aber froh, dass es nicht mehr so ist“, sagt Weigner.

Die Polizei hat am Donnerstag bekannt gegeben, dass es keinerlei Hinweise auf religiöse oder fremdenfeindliche Hintergründe gibt. Tatverdächtig sind mehrere Deutsche zwischen 20 und 27 Jahren. Einige sind polizeibekannt. Die Polizei hat bei der Tatortaufnahme einige Diabologeschosse gefunden und sichergestellt. Weitere Zeugen werden derzeit gesucht.

Wann das Kirchenfenster, das 1953 von Glasmaler Johannes Beeck angefertigt wurden, repariert wird, steht derzeit noch nicht fest. Man wolle den Schaden allerdings so schnell wie möglich beheben lassen, sagt Pfarrer Hans Rolf Funken auf Nachfrage. Ansgar Weigner sitzt bereits in der heutigen Messe wieder an der Orgel. Für ihn ist es erst einmal der letzte Gottesdienst in Stolberg. Dann ist seine Zeit als Vertretung in St. Mariä Himmelfahrt vorerst beendet.

 

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