Aufstehen im Namen des Heiligen Vaters

Von: Robert Flader
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Zwölf Gläubige, eine Frühsc
Zwölf Gläubige, eine Frühschicht - und sonst gähnende Leere: In der Büsbacher Pfarrkirche St. Hubertus herrscht in dieser Woche schon morgens um 6 Uhr Betrieb. Foto: R. Flader

Stolberg-Büsbach. Der verlorene Sohn, der barmherzige Vater, die Geschichte der nicht ganz einfachen Wiederaufnahme in den Kreis der Familie ist an sich ja imposant und eines der bekanntesten Gleichnisse im Evangelium des Lukas. Aber was heißt das schon an einem Morgen wie diesem?

Gisela Johann sitzt sichtlich vergnügt um Punkt 6 Uhr vor dem Altar der Büsbacher Pfarrkirche St. Hubertus und sagt: „Die Frühschicht wirft für mich persönlich so viel ab.” Es kann als sicher gelten, dass nicht jeder diese Tageszeit als seine ultimative Stunde ansieht. Johann aber ist in diesem Moment hellwach, lacht und fragt: „Können wir starten?”

Sie können. Zwölf Gläubige, die sich zu ihrer ganz persönlichen Frühschicht eingefunden haben, sitzen im Halbkreis vor dem Altar zusammen und lauschen den Worten der 70-Jährigen. Jugendliche, Väter und Mütter. Jeder auf seine Weise, der eine mit geschlossenen Augen (in diesem Fall kein Zeichen von Müdigkeit), der andere hält die Hände zum Beten zusammen, schaut auf den Boden und wiederum andere gähnen vor sich hin, was aber bitteschön nicht als Unhöflichkeit ausgelegt werden soll. Es ist halt sehr früh, da kann auch der Glaube keine Wunder bewirken.

Während es draußen noch dunkel ist, die Straßen ziemlich verwaist aussehen, haben sich in der Büsbacher Pfarrkirche Gemeindemitglieder versammelt, um zu meditieren, zu lauschen und zu beten. Gisela Johann ist nicht nur eine von ihnen, sie leitet die 1981 in Büsbach ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe „Frühschicht-Woche”, die ihrem Namen an diesem kühlen Morgen wirklich alle Ehre macht.

Das 2012er Motto „Die beiden verlorenen Söhne - Glaube: Vertrauen und/oder Angst?!” soll Abwechslung in den Alltag der Teilnehmer bringen, ihnen etwas „mit auf den Weg” geben, sie für kirchliche Themen sensibilisieren. Im Grunde ist es nicht nötig, sie alle sind der Pfarre schon seit Jahren verbunden und bringen sich als Messdiener, Lektoren und Kirchenvorstände regelmäßig ins Gemeindeleben ein. Nun lauschen sie andächtig.

Johann jedenfalls beginnt ihren Vortrag gleich mal mit einer deutlichen Ansage: „Bei den ganzen ?Ist-Aussagen über Gott wissen wir immer noch nicht, wer er wirklich ist”, sagt die ehemalige Religions- und Geschichtslehrerin des Ritzefeld-Gymnasiums. Der Heilige Vater sei nicht so einfach zu greifen. Jörg Frank, 17 Jahre alt und seit 2005 Messdiener, liest das Lukas-Gleichnis vom verlorenen Sohn vor, danach erklärt Johann: „Es ist der Lebensunterhalt, um den es hier geht.” Das Geld spielte und spiele immer eine zentrale Rolle im Leben, wenn auch nicht die entscheidende. „Wir sollten uns nicht verrückt machen.”

Die Frühschicht-Wochen in der Pfarre St. Hubertus existieren nun schon ein paar Jahre, die ursprüngliche Idee war, vorwiegend junge Gläubige für Kirche zu gewinnen. „Es geht darum, dass sich die Leute hier engagieren und nicht nur bedienen lassen”, reflektiert Johann.

Die 2012er Gruppe besitzt ein breiteres Spektrum, der Altersschnitt dürfte bei knapp über 40 liegen. Nur Frau Johann schert etwas aus, ihr darf man aber zugute halten, dass sie seit vier Jahrzehnten, seitdem sie von der Mosel in die Kupferstadt gezogen ist, der Pfarre die Treue hält und sich allein schon von Berufs wegen ihr ganzes Leben mit Glaubensfragen beschäftigt. „Das hilft mir bei der Vorbereitung auf so eine Woche ungemein.” Sich selbst bezeichnet sie als „zusammenhaltende Person”, nicht als Chefin. „Wir einigen uns gemeinsam auf das jeweilige Programm.”

Dass „nur” zwölf Gläubige in dieser Woche den frühen Weg zur Pfarrkirche finden, stört sie nicht im Geringsten. „Ich brauche nicht 50 Teilnehmer für eine gute Frühschicht, bei so etwas geht es nicht um die Menge.” Als bedürfe es noch einer weiteren Erklärung, bedient sie sich der Bibel: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.” Sie lacht herzlich.

Der Tag ist mittlerweile angebrochen, immer mehr Autos bahnen sich auf der Konrad-Adenauer- und der Hostetstraße ihren Weg durch den Berufsverkehr, man kann das ganz gut hören, denn in der Pfarrkirche ist es zur gleichen Zeit absolut still. Auch ein kurzes Hupen auf der Büsbacher Hauptverkehrsachse kann die Ruhe nicht stören.

Aus einem Kofferradio läuft ganz leise Musik, Anastacia mit „Youll never be alone”, eine Kassettenaufnahme. Es geht um Dinge, die für einen Moment nichts mit dem üblichen morgendlichen Trubel zu tun haben: Besinnung und Gemeinsamkeit - bevor der Alltag in wenigen Minuten wieder die Richtung vorgibt.

Zum Schluss der rund einstündigen Veranstaltung bilden alle einen Kreis und geben sich die Hände, es wird gebetet, danach gibt es im Hubertushaus nebenan zur Stärkung noch Brötchen und Kaffee. „Das haben sich alle verdient”, schmunzelt Gisela Johann.

Bleibt die Frage nach dem Warum. Warum tun sich Leute das um diese Uhrzeit an? Freiwillig? „In der Kirche spielt sich das Leben ab, sie steht nicht nur für das Gebäude, sondern vor allem für die Gemeinschaft”, sagt der 32-jährige Jens Conrads. Jörg Frank, der später einmal Sonderpädagogik studieren möchte, geht noch einen Schritt weiter: „Ich will ein Vorbild sein für andere.” Jetzt aber will er erstmal Kaffee, die Müdigkeit macht sich jetzt doch bemerkbar.

Die ersten Teilnehmer verabschieden sich, es ist kurz nach 7 Uhr, die Arbeit, die Uni, die Ausbildung, das Leben ruft. Gisela Johann sieht sich im Pfarrhaus kurz um und sagt dann: „Die Atmosphäre, das Wissen Das ist unsere Woche, macht die Frühschicht für uns so wertvoll.” Man möchte ihr nicht widersprechen.

Draußen scheint jetzt die Sonne, müde Gesichter warten an der Haltestelle vor der Kirche auf den Bus, Autoschlangen bilden sich im Kreuzungsbereich. Jens Conrads verabschiedet sich und sagt: „Für viele ist es eine Überwindung, so früh aufzustehen.” Er lacht, für ihn hätte der Tag nicht später beginnen brauchen. Morgen letzter Teil der „Frühschicht-Woche”

Am morgigen Freitag findet in der Büsbacher Pfarrkirche St. Hubertus der letzte Teil der Frühschicht-Woche statt. Ab 6 Uhr geht es um „Das Festmahl” als Thema der diesjährigen Veranstaltungsreihe. Auch Nicht-Pfarrmitglieder können an der Veranstaltung teilnehmen.
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