Stolberg - Auf den heißen Spuren von Silber, Blei und Kupfer

Auf den heißen Spuren von Silber, Blei und Kupfer

Von: Valerie Barsig
Letzte Aktualisierung:
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Sebastian Maurell, Produktionsingenieur bei Berzelius (oben links in blau) führte die Abonnenten unserer Zeitung durch die Stolberger Bleihütte. Foto: Valerie Barsig
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Die Teilnehmer der Tour. Foto: Valerie Barsig
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Es sieht nicht so aus, aber dieser Lkw ist voll beladen. Ein einziger Bleibarren wiegt schon 50 Kilogramm. Ein Stapel sind etwa 5 Tonnen schwer. Foto: Valerie Barsig
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Vorbei ging es über das Werksgelände an den riesigen Gebäuden und Rohren (zum Beispiel für die Sauerstoffversorgung, oben Mitte). Foto: Valerie Barsig
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Die älteste Teilnehmerin war Margret Lüttgen-Gresse (78) aus Stolberg. Jüngster Teilnehmer: Nick (13) von der Realschule in Mausbach, der seinen Opa auf der Führung begleitete. Foto: Valerie Barsig

Stolberg. Sauna gefällig? 28 unserer Leserinnen und Leser werden bei Teil Zwei unserer Sommertour durch die Region eine Führung durch die Stolberger Bleihütte Berzelius geführt – und kommen bei rund 27 Grad Außentemperatur und etwa 50 Grad im Inneren der Hütte ordentlich ins Schwitzen.

„Im Winter ist es bei uns schön warm, im Sommer dagegen ist es schweißtreibend“, kündigt auch Sebastian Maurell schon zu Anfang der Tour an. Er ist Produktionsingenieur bei Bercelius und an diesem Tag Gruppenleiter für unsere Leser.

Nach einer Vorabpräsentation führt Maurell dann in den Keller des Gebäudes vor dem Werksgelände, in dem unsere Leser kurz vorher in Empfang genommen wurden. Dort geht es dann ans Umziehen: Gelbe Helme, rote, schwere Sicherheitskittel, Schutzbrillen und Atemschutzmasken werden ausgeteilt.

155.000 Tonnen Blei im Jahr

Über die Vicht geht es dann Richtung Eingangsschranke des Werks und auf das Gelände der Bleihütte. Maurell führt an der Skulpturengruppe des Werkes in das Innere der Hütte durch Gänge, über Brücken, an heißen Öfen vorbei. Schon 1848 wurde in der Stolberger Hütte Blei gewonnen. 155.000 Tonnen Blei sind es noch heute. Dennoch hat sich seitdem viel verändert. Früher sei Bleierz noch aus der Eifel nach Stolberg gebracht worden, berichtet Maurell.

Heute muss das Material von überall auf der Welt zugekauft werden, damit in der Hütte Blei und auch Silber hergestellt werden kann. Auch Schwefelsäure wird in Stolberg produziert und alte Batterien recycelt. „Die Kapazität dafür ist riesig“, erzählt Maurell. „Aber es werden viel weniger alte Batterien abgegeben, als hier wieder aufbereitet werden könnten.“

Blei aus dem QSL-Reaktor

Die Gruppe steht inzwischen, allesamt in rot und schwitzend vor dem Herz der Hütte: Dem QSL-Reaktor. Über eine Treppe mit gelbem Geländer war es auf einer Plattform nach oben gegangen. Nun knubbelt sich die Gruppe zwischen einen kleinen Bagger mit Löchern in der Schaufel und einem großen, grauen Bottich. Viel ist hier nicht zu sehen.

Nur die Wärme ist schon jetzt kaum zu ertragen. Alle müssen ihre Atemmasken aufsetzen – wie überall im Produktionsbereich oder unter überdachten Durchgängen. „Wir stehen jetzt auf der Bleichstichseite des Reaktors“, erklärt Maurell. Immer zum Schichtwechsel sei der riesige Bottich voll mit Blei gelaufen, das aus dem Reaktor komme.

Der Bagger sei dazu da, das im Prozess ebenfalls entstehende Kupfer abzubaggern. Damit der Kupferschlick trocknet, gibt man Sägespäne hinzu. Über eine weitere Treppe geht es nach oben und die Gruppe kann einen Blick in das Innere des röhrenförmigen QSL-Reaktors werfen. Das darin brennende Feuer macht klar: Auch wenn alle schwitzen – es geht noch heißer!

Durch eine weitere Tür geht es weiter am Reaktor entlang. Der QSL-Reaktor sei in verschiedene Zonen eingeteilt, erklärt Maurell. Er hat eine sogenannte Reduktionszone, an deren Ende die Schlacke herauskommt und eine sogenannte Oxidationszone, aus der das Blei fließt. Die Oxidationszone ist im Durchmesser breiter, als die Reduktionszone. Insgesamt hat der Reaktor eine Länge von 33 Metern.

Dort wo die Gruppe sich in diesem Moment befindet, ist die Oxidationszone. Einen Blick hineinwerfen, kann man hier nicht. Das lange, schwarze Gebilde ist aber auch von Außen spektakulär: In Schlangenlinien ziehen sich Kühlungsleitungen an dem Gehäuse entlang, an einer Stelle wird sogar direkt mit fließendem Wasser auf eine kältere Temperatur gebracht. 1200 Grad herrschen im Inneren der Reduktionszone, in der Kohlestaub und reiner Sauerstoff Bleierze erhitzen.

Drei Türen und eine Treppe später atmet die Gruppe erleichtert auf: Eine Klimaanlage verbreitet angenehme Kühle. Die Leser befinden sich in einer computergesteuerten Schaltzentrale, im sogenannten Gehirn des QSL-Reaktors. Von hier aus werden die Prozesse im Inneren gesteuert. „Alle Informationen laufen hier zusammen“, erklärt Maurell seiner Gruppe. 1990 wurde der Reaktor gebaut, damals war die Schaltzentrale die modernste Messwarte, die es gab. Auch heute ist sie topmodern ausgerüstet.

Zweiter Reaktor in Südkorea

„Es noch einen weiteren so modernen Reaktor“, erklärt Maurell. Der stehe allerdings in Südkorea. Ohnehin seien gerade Asiaten die größte Konkurrenz für das Unternehmen. Die meisten Kunden der Stolberger Bleihütte sind allerdings aus Europa. Denn gerade Silber müsse beim Transport hoch versichert werden. Je weiter man es also wegbringen muss, desto teurer wird es für den Hersteller.

Auch das Blei wird hauptsächlich in Deutschland oder den Niederlanden weiterverarbeitet. Gebraucht wird es zum Beispiel für Batterien, Kabel oder in der Glasindustrie. „Früher wurde es auch beim Bau von Kirchen verwendet“, sagt Maurell. So gebe es noch heute viele Kirchendächer, die mit Bleiplatten gedeckt sind, denn das Material ist schön weich und lässt sich daher gut bearbeiten. Auch einige Teile des Daches am Aachener Dom sind aus Blei gefertigt.

27 Grad sind plötzlich kalt

Nach der Station in der Schaltzentrale geht es wieder nach Draußen. Selbst 27 Grad sind jetzt angenehm kühl. Über das Werksgelände geht es weiter in Richtung der neuen Silberhütte. Wer jetzt auf die Erde sieht, sieht grauen Staub, der auf dem Asphalt liegt. Schaut man genauer hin, glitzert es an einigen Stellen. Es geht vorbei an einer Dusche – für Lastwagen. Alles, was vom Gelände wegfährt, muss zunächst gereinigt werden, damit kein ungesunder Staub von der Produktion nach Außen getragen wird.

Regenwasser wird aufbereitet

Damit auch nichts davon ins Grundwasser gerät, wird hier sogar das Regenwasser neu aufbereitet. Und hinzu kommt, dass es mehrmals täglich künstlich regnet: Denn das Gelände wird regelmäßig bewässert, um dem Staub Herr zu werden. Die älteste Leserin, die sich an diesem Tag mit auf den Weg über das Gelände gemacht hat, lacht. Margret Lüttgen-Gresse ist 74. Sie erzählt von früher: „Früher hieß es immer, man dürfe in Stolberg nichts mehr aus dem Garten essen wegen des Staubs“, sagt sie. „Meine Oma hat aber immer gesagt, dass das Blödsinn ist. Denn die ältesten Leute in Stolberg, sagte sie, lebten an der Bleihütte.“

Inzwischen ist die Gruppe an der neuen Silberhütte angekommen. „Silber ist Gold wert“, sagt Sebastian Maurell. Obwohl im Vergleich weniger davon hergestellt werde, sei es das wertvollste Nebenprodukt der Bleiproduktion. Hergestellt wird es vor allem, um für elektrische Kontakte weiterverarbeitet zu werden. Die Investition in die neue Hütte und in sechs neue Kessel betrug rund 25 Millionen Euro. „Die Investition macht uns von der größten Bleihütte Europas zur größten Bleihütte Europas. Nur mit sechs Kesseln mehr“, sagt Maurell und lacht.

Weiter geht es über das Gelände an einer Werksstraße entlang in das Lager – der größenmäßig wohl beeindruckendste Teil der Bleihütte. In der ein Hektar großen Halle spannt sich der Arm eines riesigen Krans hallenbreit von einer Seite zur anderen.

Er kann sich so in jeden Teil der Halle bewegen. 50 bis 20.000 Tonnen Material liegen hier in großen Haufen und warten darauf, weiterverarbeitet zu werden. Maurell führt die Gruppe zurück auf die Straße und kündigt den heißesten Teil der Führung an: Die Bleigießerei. Hier stehen 24 riesige Bottiche, die bis zu 350 Grad Celsius heiß sein können – sogar wenn sie leer sind. Und das sieht man auch: Über den Kesseln flirrt die Hitze.

In einem tiefer gelegten Teil des Raumes stehen zwei Männer in silbernen Anzügen, mit schweren Handschuhen und Masken. Wie sie die Hitze in ihrer Ausrüstung aushalten, lässt sich nur mutmaßen. „Wenn ein Arbeiter hier am Tag sechs Liter trinkt, ist das nichts. Dann geht er sogar noch mit Durst nach Hause“, erzählt Maurell. Die Zwei Männer drehen eine Scheibe, in die quadratische Vertiefungen eingebracht sind. Und dort sieht man es endlich: Aus einer Rinne fließt das flüssige, grausilbrig glänzende Blei. Immer ein Quadrat voll, dann wird die Scheibe weitergedreht und das nächste Quadrat wird gefüllt.

Raus aus dem Backofen

Im Bleilager sind schließlich alle froh, dass sie den Backofen „Bleiproduktion“ verlassen haben. Hier stehen fertige Barren zu Bündeln geschnürt zum Abtransport bereit. Ein Barren wiegt 50 Kilo, ein Stapel fünf Tonnen. Ein Lastwagen, der Blei transportiert, ist kaum zu einem Drittel gefüllt – und trotzdem voll beladen.

Zurück geht es vorbei an großen grünen Stahlbehältern, in denen Bleisäure produziert wird, kurz muss die Gruppe der angeschalteten Bewässerungsanlage ausweichen, obwohl wohl einige froh über eine kurze Erfrischung gewesen wären. Nick, 13 Jahre alt, ist heute mit seinem Opa zusammen in die Bleihütte gekommen. „Ich fand es wirklich interessant“, sagt er.

Besonders über den Tag gefreut hat sich aber Margret Lüttgen-Gresse: „Schon seit zwei Jahren wollte ich bei der Sommeraktion mitmachen. Jetzt hat es geklappt und es hat mir heute gut gefallen. Bei den nächsten Aktion, der Wanderung am Schlangenberg, bin ich auch wieder dabei!“

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