„Auenland“: Ein kleines Stück Paradies, fernab von Luxus

Von: Sarah-Lena Gombert
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Zoran Medic und seine Frau Monica aus Eschweiler kümmern sich gemeinsam mit ihrem Team um das „Auenland“ zwischen Mulartshütte und Zweifall, das von der vorbeiführenden Straße schon gut an den Tiois zu erkennen ist. Foto: S.-L. Gombert

Eschweiler/Stolberg. Seit zehn Jahren betreiben Roland Lommen und Zoran Medic aus Eschweiler das „Auenland“, die Begegnungsstätte mit den charakteristischen großen Tipi-Zelten im Wald zwischen Mulartshütte und Zweifall. Am Sonntag, feiern sie das zehnjährige Bestehen mit einem Tag der offenen Tür.

Redakteurin Sarah-Lena Gombert hat sich mit Zoran Medic über die Entstehung der Einrichtung unterhalten und erfahren, warum Besucher aus der Stadt den abendlichen Besuch eines Wildschweins oder schlechten Handyempfang zu schätzen wissen.

Herr Medic, wenn ich den Begriff „Auenland“ höre, dann denke ich zunächst an den britischen Schriftsteller Tolkien und seinen Roman „Der Herr der Ringe“.

Medic: Das ging mir erst einmal genauso! (lacht). Als wir vor zehn Jahren mit dem Renovieren der Anlage begannen, haben wir gemeinsam überlegt, wie wir das Gelände nennen möchten. Mir selbst war es aus Kindheitstagen als „Aseag-Gelände Mulartshütte“ bekannt. Nun, irgendwann fiel der Begriff „Auenland“. Wir dachten auch sofort an Mittelerde, aber im Grunde ist das hier ja nichts anderes als eine Aue.

Wie würden Sie das „Auenland Mulartshütte“ denn kurz beschreiben?

Medic: Hier kann sich wirklich jeder austoben und wohlfühlen. Das können Kleinkinder sein, die rumrennen und schreien und dabei niemanden stören. Das können die Teilnehmer des Niemandslandfestivals sein, die vielleicht in den Augen vieler einen etwas ungewöhnlichen Musikgeschmack haben. Es gibt eine Menge Gruppen, die für sich hier ihre Nische gefunden haben, außergewöhnliche Hobbys oder Musik. Die Spannbreite der Besucher ist wirklich groß: Von Kindergartengruppen über Familien und Jugendfreizeiten bis zu Themenbezogenen Hochzeiten. Natürlich fühlen sich hier nicht alle Menschen gleich wohl…

Wie meinen Sie das?

Medic: Wir sind hier mitten im Wald, es gibt Spinnen und andere Tiere. Und Luxusappartements bieten wir natürlich nicht an, auch wenn alles da ist, was man braucht. Unsere Zimmer haben eher Wanderhütten-Charakter. Internet gibt es hier so gut wie gar nicht, auch kein gutes Handynetz. Aber ich muss auch sagen, das vermissen die meisten unserer Gäste auch gar nicht. Der überwiegende Teil unserer Kunden ist aber glücklich hier. Das sind meist Stammkunden, die schon seit sechs, sieben Jahren regelmäßig wiederkehren.

Wo kommen denn die Auenland-Gäste her?

Medic: Die meisten sind schon aus dem Raum Aachen, es kommen aber auch viele Stammgäste aus Köln oder Düsseldorf. Eine Hamburger Familie hält hier bei uns regelmäßig Familientreffen ab, weil es ihnen so gut bei uns gefällt.

Wenn ich als Gruppe hierher komme, bin ich dann erst einmal mir selbst überlassen?

Medic: Grundsätzlich steht es den Gruppen frei, wie sie hier ihre Zeit verbringen. Manche Lehrer kommen mit ihren Klassen her, haben sich ein umfangreiches Programm für drei Tage ausgedacht und stellen schnell fest: Das braucht man hier gar nicht. Die Jugendlichen können sich wunderbar selbst beschäftigen. Sie gehen an den Bach oder in den Wald und haben ein paar tolle Tage – und das trotz allen in einem geschützten Rahmen. Auf Wunsch bieten wir aber den Hochseilgarten an, Bogenschießen oder Erlebnispädagogik.

Kann man denn sagen, dass ein Großteil Ihrer Klientel aus der Stadt kommt, weil sie das Leben in der Natur nicht kennen?

Medic: Das kann man eigentlich nicht sagen, das ist total gemischt. Die Leute kommen aus den Städten genauso wie aus den Dörfern. Und es kommen auch die unterschiedlichsten sozialen Schichten zu uns. Hochsaison ist von Mai bis Oktober, danach wird es ruhiger. Im Januar kommt meistens niemand, aber die Zeit nutzen wir dann für Renovierungsarbeiten oder solche Dinge.

Haben Sie denn in den letzten Jahren einen Trend feststellen können, dass die Leute ganz bewusst eine Auszeit in der Natur suchen, fernab von Großstadt, Luxus und WLAN?

Medic: Ganz klares ja. Das sieht man auch bei den Hochzeiten, die hier stattfinden. Die Leute kommen her, weil sie keine Lust auf große, schicke Feiern haben. Und dann kommen auch die Gäste nicht mit Stöckelschuhen, sondern mit Chucks. Es ist schlicht, simpel, einfach – und genau das wollen viele heute. Wir haben mal Gäste-WLAN eingerichtet, danach fragt kaum jemand. Wir haben einen Fernseher im Aufenthaltsraum, der eigentlich nur angemacht wird, wenn Fußball-WM ist. Die Leute freuen sich, dass sie hier das volle Naturprogramm bekommen. Es kann durchaus passieren, dass hier abends mal ein Wildschwein über den Platz läuft und die Fledermäuse herumfliegen. Viele meiner Gäste sagen, wenn sie die Brücke zu unserem Gelände überquert haben, dann können sie so richtig abschalten.

Wie kommt man auf die Idee, einen Ort wie das Auenland aufzubauen?

Medic: Ich war damals bei der CAJ, der christlichen Arbeiterjugend, in Aachen beschäftigt, und das Gelände hier kenne ich seit Kindheitstagen. In dem alten Schwimmbad habe ich Schwimmen gelernt. Und für meinen alten Arbeitgeber habe ich immer mal wieder Ausfahrten mit Jugendgruppen gemacht. Das Konzept von Selbstversorgerhäusern hat mir schon immer gefallen. Denn wenn ich mit den Schülern koche, habe ich noch mal einen ganz anderen Zugang, als wenn ich nur Unterricht mache. Man erfährt einfach mehr über die Menschen. Und rund um einige der Selbstversorgerhäuser hier in der Region ist mittlerweile ein Neubaugebiet entstanden. Da stehen schon mal abends die Nachbarn vor der Tür und bitten um Ruhe (lacht). Als wir dann hörten, dass das hier brach liegt, sind wir schnell aktiv geworden.

Wie viele Leute kümmern sich heute um das Auenland?

Medic: Wir haben ein Team von rund 20 Leuten über unseren Förderverein, die uns ehrenamtlich bei unserer Arbeit unterstützen. Das ist eine ganz tolle Truppe von Menschen, denen das Auenland ebenso ans Herz gewachsen ist wie uns. Bis 2015 hatten wir allerdings in Kooperation mit dem Jobcenter Garten- und Landschaftsbauern ausgebildet. Parallel dazu haben wir noch Jugendliche betreut. Diese Projekte sind jedoch ausgelaufen, weil die Zukunft unseres Geländes noch ungewiss ist. Eventuell wird hier ein Überlaufbecken zum Hochwasserschutz hinkommen. Wir haben aber noch keine klare Aussage. Solange wir aber nichts Genaues wissen, wollen wir keine langfristigen Projekte mehr planen. Wir sind auch ständig auf der Suche nach einem alternativen Standort hier in der Region.

Gibt es in zehn Jahren Auenland, die Ihnen besonders in Erinnerung bleiben werden?

Medic: Da gibt es einiges, wenn auch nicht alles in die Zeitung gehört (lacht). Was aber sicherlich für uns ein ganz besonderes Erlebnis war, waren unsere eigenen integrativen Ferienspiele. Wir haben Zirkusworkshops angeboten, an denen auch Kinder mit Behinderung teilnehmen konnten. Wir hatten kleine Ziegen und Ponys in unserem Zirkuszelt, um die sich die Kinder die ganze Woche lang kümmern mussten. Samstags gab es dann eine Abschlussvorstellung für die Familien, das war schon eine schöne Sache für die Kinder.

Gibt es denn zu ihrem Jubiläumsfest am Wochenende ein besonderes Programm?

Medic: Wir bieten einen Familien-Trödelmarkt an, außerdem wird es bei gutem Wetter einen Heißluftballon-Start geben. Wer mag, kann unseren Hochseil-Klettergarten ausprobieren oder Bogenschießen – und der Rest ist eben klassischer Tag der offenen Tür mit Kinderschminken, Basteln und allem, was dazu gehört.

Tage der offenen Tür haben Sie ja auch in anderen Jahren schon gemacht?

Medic: Genau, die gab es regelmäßig, mit bis zu 800 Gästen. Im vergangenen Jahr haben wir allerdings mal etwas Neues ausprobiert. Wir haben eine Halloween-Fete gemacht, die vor allem für Kinder im Alter von 8 bis 13 Jahren gedacht war, weil wir der Meinung sind, dass diese Gruppe oft zu kurz kommt. Wir hatten mit 70 bis 80 Personen gerechnet. Am Ende hatten mehr als 350 Leute das Fest besucht. Es war wirklich eine wunderschöne Feier, und alles ohne Alkohol, wie übrigens immer bei uns im Auenland. Von daher: Auch dieses Jahr wird es wohl wieder eine Halloween-Fete geben. (lacht)

Wenn Sie eine persönliche Wunschliste machen könnten für das „Auenland“, was würde da drauf stehen?

Medic: Grundsätzlich wollen wir gerne weitermachen. Einige Sachen wollen wir aber durchaus noch ausbauen. Wir wollen gerne Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung anbieten. Für eine größere Werkstatt beispielsweise hatten wir ja schon mal eine Baugenehmigung. Wenn möglich, würden wir auch das Schwimmbad gerne reaktivieren. Das sind aber finanzielle Hürden, die wir derzeit nicht nehmen können – auch wegen der fehlenden Planungssicherheit. Ein persönlicher großer Traum wäre eine richtige Zirkusschule, in der jedes Kind willkommen ist. So etwas gibt es im Kölner Raum mehrfach. Denn das Besondere am Zirkus ist ja, dass jeder eine Sache besonders gut kann. Jeder findet im Zirkus seinen Platz. Und das wollen wir fördern, ähnlich wie bei einem Sportverein. Aber das alles hängt davon ab, wo für das Auenland die Reise hingeht…

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