Auch in Stolberg: Heftige Diskussionen um geplantes Gema-Tarifwerk

Von: Robert Flader
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Feiern bis tief in die Nacht:
Feiern bis tief in die Nacht: Bei der „Halloween-Nacht” im Zinkhütter Hof waren im vergangenen Herbst hunderte Musikfans begeistert. Wie es 2013 weitergeht, steht noch nicht fest. Foto: H. Eisenmenger

Stolberg. Zum Glück gibt es in Stolberg keine größere Diskothek. Wenn die neuen Gema-Tarife kommen, so die einhellige Meinung der regionalen Club-Besitzer zwischen Heinsberg und Aachen, zwischen Eschweiler und Geilenkirchen, dann droht das Ende des Nachtlebens. Stolberg, so könnte man sagen, hätte also ausnahmsweise mal Glück gehabt, was das leidige Thema Geld angeht.

Aber stimmt das so auch wirklich? Geht es tatsächlich nur um Diskothekenbesitzer und -betreiber, um die „Großen” im Geschäft? „Ganz sicher nicht”, sagt Rolf Engels, langjähriger Organisator der „Breiniger OldieNight”. „Es ist ja nicht so, dass wir bisher sehr wenig oder gar nichts bezahlt hätten.” Auch kleinere Vereine und Veranstalter blicken in diesen Tagen auf die geplanten Gema-Tarifabschlüsse, die zum 1. Januar 2013 in Kraft treten sollen.

Der neue Tarifschlüssel der Gema (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) richtet sich nach den vier Parametern Veranstaltungsfläche, Eintrittspreis, Veranstaltungsdauer und wöchentliche Frequenz der Veranstaltungen. Bei letzterem scheiden Kneipen aus, die wenigsten bieten den Gästen wöchentlich Live-Musiker an.

Streit um falsche Angaben

Das heißt aber noch lange nicht, dass die aktuelle Diskussion spurlos an den Gewerbetreibenden vorbeigeht. „Ich zahle pro Jahr eine Pauschale von 700 Euro”, sagt Marita Matousek, seit knapp zwei Jahrzehnten Inhaberin des „Savoy” am Alter Markt. Der Betrag sei „okay”, aber: „Wenn ich plötzlich das Doppelte berappen müsste, wäre das schlecht fürs Geschäft. Das können Sie sich sicher auch vorstellen.”

Mit der Gema hat sich Matousek schon angelegt, Anfang der 90er Jahre war das, es ging um falsche Angaben beim Stadtfest, die Meinungen gingen damals weit auseinander. „Da haben wir die Gema verklagt”, erinnert sie sich. Das Savoy ist 67 Quadratmeter groß, bislang wird für Matousek eine Jahrespauschale fällig, zehn Live-Veranstaltungen sind darin enthalten, bei kostenlosem Eintritt. Die „Savoy”-Chefin sagt: „Für uns wird der neue Tarif wohl keine gravierenden Folgen haben.” Aber genau sagen ließe sich das eben nicht, die Ungewissheit bleibt.

Manche regionalen Clubbesitzer reden von „Ruin” („B9”, Aachen) und „baldigen Schließungen” („Starfish”, Aachen), obwohl die tatsächlichen Auswirkungen des neuen Tarifwerks aufgrund des laufenden Schiedsverfahrens noch nicht absehbar sind. Marc Klejbor, Betreiber des „Klejbors” in Eschweiler, rechnet beispielsweise mit Mehrkosten von 200 000 Euro (bislang 36 000). „Starfish” und „B9” planen mit 150 000 Euro, die sie ab Januar jährlich an die Gema abtreten müssten.

Bei den Breiniger St.-Sebastianus-Schützen regiert die Vorsicht. Sie betreiben zwar keine Diskothek, veranstalten aber immerhin einmal im Jahr die beliebte „Breiniger Oldie-Night”. Zwischen 900 und 1200 Euro werden für ein einziges Wochenende an die Gema überwiesen, bei einer Besucherzahl von fast 1500 Leuten entspricht das knapp einem Euro pro Zuschauer.

Kassierer Ralf Freialdenhoven sagt zu möglichen Vertragsveränderungen, die das Festzelt betreffen könnten: „Eines ist klar: Steigen die Kosten, müssten wir das natürlich auf den Kartenpreis umlegen. Sonst ist so eine Veranstaltung einfach nicht mehr zu finanzieren.” Schützenbruder Rolf Engels drückt es drastischer aus: „Das kann dann ganz schön hässlich werden.”

Dieser Meinung ist im Übrigen auch Stefan Kämmerling, seines Zeichens SPD-Landtagsabgeordneter für den Südkreis der Städteregion. Er sagt: „Es bringt auch Künstlern und Kreativen nichts, wenn massive Preissteigerungen dazu führen, dass Clubs und Kneipen in ihrer Existenz bedroht sind. Von den vielen kulturellen Veranstaltungen in der Region darf aus finanziellen Erwägungen kein Abstand genommen werden.”

Von der Gema aus München heißt es auf Anfrage unserer Zeitung: „Es handelt sich in keinster Weise um Abzocke”, wie Peter Hempel betont. „Es ist eher so, dass das Ungleichgewicht zwischen großen und kleinen Veranstaltungen angepasst wird.” Für Kneipen, Gaststätten und kleinere Partyräume sollen nur die Größe der Veranstaltungsfläche und die Höhe des Eintritts in die künftigen Gebühren einfließen.

Zwei statt bisher elf Stufen

Dennoch hat sich die Gema mit ihrem Vorstoß nicht viele Freunde gemacht. Im Grunde geht es um einen Streit, der zwischen der Verwertungsgesellschaft, Gaststättengewerbe, Diskothekenbesitzer und der Politik ausgefochten wird, den letzten drei Genannten war das bisherige elfstufige Tarifmodell zu kompliziert. Gesagt, getan: Die Gema sah das als Anlass, das System nicht nur einfacher (zwei Stufen), sondern gleich auch finanziell ein bisschen auszugestalten.

Und was ist mit den Jecken? Auf ein „grundsätzliches Verständnis” stoßen die Gema-Pläne zwar bei den Karnevalisten, doch Jochen Emonds, Vorsitzender der KG Vicht, gibt auch zu: „Eine weitere Erhöhung wäre unglaublich schmerzhaft für uns.”

Die „Närrische Lehmjörese” locken während einer Aufführung bis zu 400 Gäste in die Mehrzweckhalle nach Vicht, mit drei Tanzgruppen und vier Mariechen wollen sie diesen natürlich auch etwas bieten. „Es ist nur so, dass wir für jede einzelne Gruppe zahlen müssen”, sagt Emonds. Eine Erhöhung der aktuell geltenden Tarife sehe die mit 180 Mitglieder starke KG Vicht deshalb „sehr kritisch”. Emonds: „Es ist ja nicht so, dass wir mit den Veranstaltungen viel Geld verdienen. Das, was übrig bleibt, wandert in unsere Jugendarbeit. Die würde darunter genauso leiden wie das Brauchtum.”

Während der vergangenen Session wurden deshalb während des „Dreigestirn”-Auftritts auch selbstkomponierte Lieder gespielt - um nicht wegen der Fremdnutzung zahlen zu müssen.

Immerhin: Der Bund deutscher Karnevalsvereine und die Gema haben eine Vereinbarung getroffen, dass für die kommende Session 2012/2013 noch die aktuellen Preise gelten. „Die werden erst in den kommenden Jahren stufenweise angepasst”, bestätigt Peter Hempel. „Das ist immerhin etwas”, schaut der KG-Vorsitzende Jochen Emonds nach vorn.

Bei den Stolberger Sportvereinen sieht die Lage nach aktuellem Stand der Dinge entspannter aus. „Ich gehe davon aus, dass wir vom neuen Tarifwerk nicht negativ betroffen sind”, sagt Dieter Jollet, Vorsitzender des SV Breinig. Der Fußball-Landesligist veranstaltet zum Ende einer jeden Saison ein Abschlussfest, am letzten Spieltag gibt es Essen, Getränke - und Live-Musik. Dafür wird der Verein mit bisher 30 Euro zur Kasse gebeten. „Lautsprecherdurchsagen während eines Spiels, die mit Musik untermalt werden, sind frei”, sagt Jollet, der sich nicht ausmalen möchte, was passiert, falls sich genau dass einmal ändern sollte.

Ob mit der Tarifreform das große Veranstaltungssterben einsetzt, bleibt unklar. Sollte es aber dazu kommen, wäre Stolberg auch ohne Großraum-Diskothek um ein paar echte Problemfälle reicher.
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