Stolberg/Aachen - Auch an Feiertagen: Wenn die Seele schmerzt, sind sie sofort da

Auch an Feiertagen: Wenn die Seele schmerzt, sind sie sofort da

Von: Laura Beemelmanns
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Der Stolberger Frank Ertel ist Begleiter, Seelsorger und Coach sowie Leiter der Notfallseelsorge Aachen. Er und sein Team sind immer dann für Menschen da, wenn sie einen Angehörigen verlieren. Foto: L. Beemelmanns

Stolberg/Aachen. Es sind die Situationen, die niemand erleben möchte. Schon gar nicht an Weihnachten. Doch Unfälle, Herzinfarkte und Schlaganfälle machen vor Feiertagen keinen Halt. Im Gegenteil. Sie rollen mit all ihrer Gewalt über die Zeit des Jahres, in der alles friedlich, besinnlich, glücklich sein möchte.

Doch wenn es zu einem Todesfall kommt, ganz egal wann, dann müssen Menschen für die Angehörigen da sein. Das zumindest hat sich die Notfallseelsorge Aachen, ein Angebot des Evangelischen Kirchenkreises Aachen und des Katholischen Bistums Aachen, zum Ziel gesetzt, als sie 1997 vom Stolberger Frank Ertel aufgebaut wurde.

Frank Ertel ist Begleiter, Seelsorger und Coach für Menschen in Lebens- und Sinnkrisen. Als junger Mann war er in einem Krankenhaus tätig und hat auf seiner Station schon früh Erfahrungen mit dem Tod gemacht. „Dort gab es zwei bis drei Tote in der Woche. Damals fühlte ich mich damit alleingelassen“, sagt er heute. Für ihn waren es die ersten Erfahrungen mit dem Tod. Niemand kam auf ihn zu, um zu helfen, aber er fragte auch nicht nach Hilfe. Mit und mit kamen Fragen in ihm auf wie: „Wer ist der Mensch?“, „Wozu sind wir da“ oder „Was ist das Leben?“. Diese Fragen ließen ihn nicht los. Die Suche nach Antworten und die Idee anderen Menschen in Gemeinschaft oder einzeln bei der eigenen Suche zu begleiten, hat sein berufliches Leben und sein Engagement seit damals geprägt. Auf seinem beruflichen Weg kam er dann zur Notfallseelsorge Aachen beziehungsweise baute diese dort auf.

Bereitschaft an Heiligabend

Er und sein Team haben auch an Heiligabend und an allen anderen Feiertagen Bereitschaft. Denn gestorben, so muss man das leider sagen, wird immer.

Doch Weihnachten, so sagt Ertel, mache es die Menschen noch fassungsloser als sonst. „Ausgerechnet an Weihnachten“, heißt es dann häufiger. „Für die Menschen, die einen Angehörigen an Weihnachten oder in der Weihnachtszeit verlieren, fühlt es sich so an als ob sich die Welt nicht mehr dreht, als ob irgendetwas verkehrt läuft“, sagt Ertel. Und er fügt hinzu: „Weihnachten ist eine Zeit, in der man sich etwas wünscht und dieser Wunsch geht dann meistens auch in Erfüllung. Wenn aber jemand stirbt, dann ist es etwas, das man sich nicht wünscht, aber es passiert trotzdem.“

Und in dieser besonders schweren Zeit möchten die Notfallseelsorger, die seit zwei Jahren allesamt ehrenamtlich tätig sind, den Hinterbliebenen Trost und Zeit spenden.

Alarmiert werden sie über die Leitstelle. Beispielsweise dann, wenn ein Mensch bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Denn nachdem der diensthabende Notarzt die Unfallopfer versorgt hat, muss er meist wieder zurück an die Arbeit. Für Polizei und Rettungskräfte gilt dies ebenso. Zurück bleiben die Angehörigen mit all ihrem Schmerz und Kummer. „Der Bedarf ist mal mehr und mal weniger vorhanden“, sagt Ertel. Die Menschen reagieren sehr unterschiedlich. Es gebe Menschen, die wütend auf die Welt oder auf Gott seien, Menschen die sehr traurig oder sogar apathisch seien. Andere seien wiederum sehr zukunftsorientiert und beginnen schon mit Planungen für die anstehende Beerdigung.

Ertel sagt: „Der Notfallseelsorger befindet kein Verhalten für richtig oder falsch. Wir ermutigen zum Ausleben der jeweiligen persönlichen Art der Trauer.“ Trauer müsse man leben, denn in der Bevölkerung sei der Tod immer noch ein Tabu-Thema. Vielen Menschen fehlten die Informationen, was nun zu tun sei oder warum bestimmte Abläufe wichtig seien. „Wir stehen den Menschen nicht nur zur Seite, sondern geben auch Hilfestellung durch Informationen“, sagt Ertel. Plattitüden wie „das wird schon wieder“ hätten in einer solchen Situation nichts zu suchen. „Das Wichtigste ist, dass jemand diesen Weg mit geht“, sagt Ertel. Das Gefühl der Solidarität helfe den Trauernden oft schon ein wenig. „Es ist einfacher die Not zu teilen, als sie alleine zu tragen“, sagt er.

Zwei dramatische Fälle

Die Not zu teilen bedeutet aber auch, sie zu erfahren und die Last auf den eigenen Schultern zu tragen. Ertel erinnert sich an zwei dramatische Fälle:

Der eine Fall sei das Aachener Geiseldrama im Dezember 1999 gewesen. Damals waren drei Geiseln über zwei Tage in der Schleuse der Landeszentralbank (LZB) von einem Mann gefangen gehalten worden. Das Viertel rund um die LZB wurde abgesperrt; 700 Polizisten waren vor Ort. „Wir waren 50 Stunden im Einsatz“, sagt Ertel. Denn sie waren in all diesen bangen Stunden für die Angehörigen da, sprachen ihnen Mut zu, informierten sie.

Ein anderes Beispiel sei eine Neujahrsnacht, in der er Bereitschaft hatte. „Damals hat sich ein Mann im Flur seines Wohnhauses erhängt. Die Frau hat ihn gefunden. Ich war die ganze Nacht mit ihr unterwegs, um die Kinder nach Hause zu holen, die auf Silvester-Feten in der gesamten Region waren“, sagt er. Das sind Erlebnisse, die Ertel nicht vergisst.

„Wenn man von einem solchen Einsatz zurückkommt, braucht man ein Stück heile Welt“, sagt Ertel. An Weihnachten sei das der Zusammenhalt in der Familie, der Weihnachtsbaum oder auch Gebete. „Man muss versuchen abzuschalten“, sagt er. Das gelinge insbesondere mit der Erfahrung, die man im Laufe der Zeit sammelt.

Erfahrung, die darüber hinweg helfen könne, wenn ein Notfallseelsorger gerade im Kreise seiner Familie sitze, Geschenke auspacke und die Weihnachtstage genieße und dann plötzlich aus dieser heilen Welt herausgerissen werde, um anderen zu helfen. „Das berührt an Weihnachten“, sagt Ertel. Doch an eben diesen Tagen könne es helfen, wenn man zurück kommt und diese heile Welt vorfindet. Das sei dann die erste Hilfe für die eigene Seele.

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