Atsch: Das Gesicht der Siedlung hat sich verändert

Von: Christian Altena
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Es hat sich einiges getan in der Atsch. Zahlreiche Häuser sind mittlerweile modernisiert oder umgebaut worden. Ihre ursprüngliche Anordnung ist aber noch recht gut zu erkennen. Foto: M. Grobusch
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Nach Fertigstellung der Siedlung Atsch im Jahr 1936 zeigt sich das Wohngebiet streng geordnet und einheitlich. Foto: Stadtarchiv Stolberg
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Den Ertrag der eigenen Kleingärten konnten die Siedler beim Erntedankfest in Stolberg 1937 mit Stolz präsentieren. Foto: Stadtarchiv Stolberg

Stolberg-Atsch. Vor 80 Jahren fanden Arbeiter Keramikscherben, Bruchstücke von Dachziegeln und römische Münzen, als sie den Boden für eine neue Siedlung beiderseits der Sebastianusstraße in Atsch bearbeiteten. Sie waren nicht die ersten Kolonisten, die den Höhenzug zwischen dem alten Reichswald und dem Münsterbach als Scholle für ihre neue Heimat wählten. Und die Siedlung hat sich auch seitdem weiterentwickelt.

Wo sich ab 1934 die Atsch gen Eilendorf ausbreitete, fühlten sich schon 1500 Jahre zuvor römisch-keltische Bewohner wohl. Ruinen, Hügelgräber und ausgegrabene Artefakte zeugen davon.

Die Atsch wurde 1935 von Eilendorf nach Stolberg eingemeindet und war überhaupt erst eine junge Siedlung. Bis etwa 1800 hatte es außer Wald, der die römischen Spuren verschlungen hatte, hier nicht viel gegeben. Atsch war Teil des uralten Reichswaldes, der einst den Aachenern gehörte. Um die Atscher Kupfermühle siedelte sich dann Industrie an, die durch die Bahnhöfe Atsch und Stolberg weiteren Auftrieb erhielt. Die Straßenkreuzung an Atsch Dreieck bildete das kleine Zentrum. Wo heute die Kirche steht, kreuzten Wege am so genannten Pley inmitten von Wald und Wiesen.

Im Jahr 1901 wurde die Kirche St. Sebastianus geweiht, die nun mit Anlage der Siedler-Gemeinschaft ins Zentrum rückte, während das Industrieareal langsam an Bedeutung verlor. Schon in den Provinzen des Römischen Reiches fühlten sich einfache Bauern und Handwerker als Siedler wohl an Verbindungswegen, von wo aus sie neue Flächen urbar machten. Durch dieses Gebiet führte eine wichtige Straße vom römischen Aachen nach Jülich, dem damaligen Iuliacum, und eine weitere kreuzte hier, die Kohlen- und Galmeivorkommen der Umgebung verband.

Ähnlich verhielt es sich links und rechts der Sebastianusstraße, wo 1933 genau 26 Familien eine Baugenehmigung erhielten, um nahe an Stolbergs Industriegebieten eine dauerhafte Bleibe zu finden – mit Gärten zur Selbstversorgung. Eigeninitiative und Gemeinschaftssinn prägten das Projekt, das vom Deutschen Siedlerbund und dem Landkreis Aachen betreut wurde. Das Ziel, überwiegend Arbeits- oder Mittellosen zu einem Eigenheim mit Nutzgarten zu verhelfen, war anspruchsvoll: Jeder musste Pflichtstunden beim Bau erfüllen, und selbst ein Brunnen für die allgemeine Wasserversorgung war zu graben.

Unter dem NS-Regime wurden die Vorgaben an die Siedler restriktiver. Im zweiten Bauabschnitt ab 1935 wurden von 300 Bewerbern 80 ausgewählt, die in einem Arbeitsverhältnis stehen mussten und zudem einen umfangreichen Fragenkatalog zu beantworten hatten. Mit Spaten und Hacke wurden 40 Morgen unbebautes Land in einfache Wohnhäuser inmitten von Gartenanlagen verwandelt. In Reih und Glied standen die gemeinschaftlich errichteten Eigenheime, die nach Fertigstellung im September 1936 in der Gaststätte Elkenhans bei einer Siedlerversammlung verlost wurden.

Niemand wusste im Vorfeld, welches Haus sein Eigen sein würde. Zuviel oder eher zu wenig Einsatz für einzelne Objekte sollte so verhindert werden. Die Siedlerfamilien mussten monatliche Zahlungen leisten, erhielten aber auch ein Schwein, ein Schaf bzw. eine Ziege, fünf Hühner sowie Beerensträucher, Obstbäume, Gartengeräte und Unterweisungen in ihrer Pflege. Wer die Richtlinien der Bewirtschaftung nicht erfüllte, musste die Gemeinschaft verlassen.

Festliche Einweihung

Am 15. November 1936 war schließlich der Tag der feierlichen Einweihung auf dem zentralen Platz an der Sebastianusstraße, der den zeitlichen Umständen entsprechend ideologisch gestaltet war. Märsche fehlten ebenso wenig wie eine Flaggenparade, der die Festrede von Bürgermeister Dr. Engelbert Regh und der Übergabe einer sogenannten Adolf-Hitler-Eiche folgte. Amüsant und ungezwungen dürfte das anschließende Programm mit Kinderspielen und einer Familienfeier bei Elkenhans gewesen sein. Der NS-Geist war in diesen Jahren allgegenwärtig, ließ aber Raum für Freude und Zerstreuung – wenigstens für diejenigen, die sich nicht Verfolgung und Repression ausgesetzt sahen.

Entsprechend wurden die Stichstraßen benannt nach Städten vor Deutschlands Grenzen, auf deren (angebliche) deutsche Zugehörigkeit abgezielt wurde: Tonderner Straße, Danziger Straße und Memeler, Meraner sowie Bozener Straße. Einzig der Name der Hermann-Löns-Straße, benannt nach dem bekannten Dichter (1866-1914), wurde nach dem Zweiten Weltkrieg beibehalten. Die Glasstraße, West- und Nordstraße, An den Sandgruben und die Friedhofstraße haben seither neutrale Namen.

Der Krieg hatte auch der Atscher Siedlung zugesetzt, und der zentrale Platz war zu einem Löschteich umgegraben worden. Der Wiederaufbau mündete in eine jahrelange Erweiterung, Ausbau und Umgestaltung der Häuser und Grundstücke, so dass der gleichförmige Siedlungscharakter heute weniger auffällig ist. Einige wenige Häuser besitzen noch die einfache Gestaltung und den gleichen bescheidenen Umfang wie vor 80 Jahren. Die Randlage wandelte sich in den 1960er und 1970er Jahren, als in den Straßen Im Hirschfeld und Im Rehgrund weitere Wohnanlagen entstanden, so dass viele kleine Häuser mit spitzem Satteldach und neuen Hinterhäusern nun die Mitte des Stadtteils Atsch bilden.

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