Angst vor dem „Miljö” ist total fehl am Platz

Von: Heike Eisenmenger
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Und die Frisur sitzt auch im ärgsten „Gewusel”: Heino-Imitator Peter Hartnack von der „Fidelen Zunft”, hier mit Katharina Smyra, machte bei der karnevalistischen Revue des Burghof Theaters mit. Foto: H. Eisenmenger

Stolberg. Ins Milieu getraut hat sich Bürgermeister Ferdi Gatzweiler. Berührungsängste hat der Chef von Rat und Verwaltung offensichtlich keine. Nur wenige Meter von ihm entfernt sitzt, eingetaucht in ein schummrig rotes Licht, eine Bordsteinschwalbe.

Grellrot angemalte Lippen

Die Fachfrau des horizontalen Gewerbes heißt Jenny, sie trägt ein schwarzes Negligee mit halterlosen Netztrümpfen, die Lippen grellrot angemalt. Jenny kippt einen Schnaps herunter, sinniert mit ihrem Zuhälter Mäckie Messer über vergangene, bessere Zeiten nach und singt mit ihm gemeinsam „Und der Haifisch, der hat Zähne”.

Die Szene, köstlich von Karin Graf und Friedel Recker gespielt, ist aus der „Drei Groschen Oper” von Berthold Brecht. Ein Ausflug in die „Drei Groschen Oper”, Lieder und Chansons aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts, vermischt mit urigem Karneval und Comedy: Diese bunte, unkonventionelle Mischung ist der neueste Streich des Burghof Theater Stolberg.

Unter den Begriff „Miljö”, sprich Milieu auf Stolberger Platt, haben die Ensemblemitglieder diesen Samstagabend gestellt. Geboten wird Unterhaltung in Form einer Theaterrevue, bei der aber nicht nur die Mitglieder des Ensembles mitwirken, sondern auch Karnevalisten aus Stolberg wie die „Fidele Zunfthäre” sowie der Frauenchor „Die Pfefferschoten” aus Brand.

Der Zuschauerraum wird zur Bühne, die Akteure marschieren zuweilen mitten durch den rappelvollen Saal des kleinen, aber urgemütlichen Etablissements, das von Ehrenamtlern betrieben wird. Durch den mit Tischen und Stühlen zugestellten Zuschauerraum schlängeln sich auch die Musiker um Christoph Lamm, verbreiten mit Schifferklavier und Trompete gute Laune.
Im Saal des Theaters ist zusätzlich eine Art Minibühne aufgebaut und weckt Erinnerungen an die TV-Puppenserie „Die Muppets” bzw. an die beiden schrulligen Herren, die in ihrer Loge sitzend mit ihren bissigen Kommentaren das Zwerchfell der Fernsehzuschauer attackieren. Das tun an diesem Abend auch die Ensemblemitglieder Heinz Hartmann und Reiner Leonhardt, die als komisches Duo sich heitere Wortgefechte liefern und das Geschehen auf der Bühne kommentieren.

Während dort das Programm wie minutiös geplant abläuft, herrscht hinter der Bühne im Umkleideraum das reinste „Gewusel”. Die singfreudigen Damen von den „Pfefferschoten” bekommen letzte Instruktionen, derweil Peter Hartnack von der Karnevalsgesellschaft „Fidele Zunfthäre” aus Stolberg seine wasserstoffblonde Perücke für die anstehende Heino-Parodie zurecht zupft.

Im Burghof Theater aufzutreten, das findet der Karnevalist großartig. Gemeinsam mit den Leuten von seiner Gesellschaft bei der Revue mitmachen zu dürfen, sei ein großer Spaß. „Bei solchen Auftritten spürt man auch den tollen Zusammenhalt in der Gruppe”, sagt er, während seine Vereinskameradin Katharina Smyra seiner Frisur mit Haarspray und Stielkamm den letzten Schliff gibt.

„Raus, raus!”, ertönt irgendwo aus dem dunklen Bühnenbereich das Kommando für die „Pfefferschoten”. Was der Zuschauer sieht, kann Regisseurin Karin Graf, die die einzige ausgebildete Schauspielerin der Burghof-Theater-Truppe ist, hinter dem Vorhang auf einem kleinen Monitor verfolgen. Die Damenriege trällert „Lili Marleen”, geht dann zum Evergreen „Kein Schwein ruft mich an” über - das Publikum ist restlos begeistert.

„Das, was hier geboten wird, ist genau das, was das Volk sehen will, das ist die Zukunft”, ist sich Besucher Michael Kratz sicher. „Es ist hier im Burghof Theater auch so gemütlich, da fühlt man sich einfach wohl”, erklärt der 57-Jährige und singt fröhlich im Refrain der Pfefferschoten mit.

Davon, ob der Zuschauer das Konzept gut findet, macht Intendant Dr. Rüdiger Fröschen abhängig, ob es im kommenden Jahr weitere Theaterrevuen - im Preis inbegriffen ist ein großes Bufett - in der Machart von „Miljö” eine Neuauflage geben wird. „Ist die Resonanz positiv, können wir uns gut vorstellen, zwei, drei solcher Veranstaltungen jährlich anzubieten”, sagt der Intendant.
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