Angepasste Spießerin auf der Bühne

Von: Conny Stenzel-Zenner
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Antigone alias Inge Kühn, Kreon, der König von Theben, Reinhard Weber, und Ismene, Carmen Kahn (von links) im Streitgespräch. Foto: ny

Stolberg. „Wir brauchen nicht nur Freigeister. Wir brauchen auch Spießer.“ Carmen Kahn ist Schauspielerin. In ihrer Freizeit. Dann spielt sie in „Theater Bühne frei“, der Theatergruppe des Helene-Weber Hauses. Jetzt tritt sie als Ismene, der Schwester von Antigone, auf die Bühne und spielt die angepasste Spießerin.

„Carmen ist eine Künstlerin, ein Freigeist in ihrem normalen Leben“, urteilt Schauspielerkollegin Inge Kühn. Auf der Bühne ist Carmen ganz anders. Da ist sie zurückhaltend, überlegt, angepasst, verbindend.

„Ich musste mich mit dieser Rolle erst anfreunden“, sagt Carmen Kahn. Dazu hatte sie Zeit seit den Osterferien, denn seitdem weiß das Ensemble, wer welche Rolle übernimmt.

„Ich habe als Regisseur viele Eindrücke der Schauspieler gesammelt. Wenn es an die Besetzung der Rollen geht, darf jeder auch seinen Wunsch äußern und dann besetze ich“, erzählt Regisseur Thomas Bünten, der als Autodidakt schon seit 20 Jahren Erfahrungen in der Regie arbeitet sammelt.

Nachdem er die Antigone von Sophokles ausgesucht hat, haben die elf Schauspieler im Alter zwischen 51 und 80 Jahren das Stück gemeinsam gelesen. Sich dem Inhalt genährt. Dem Inhalt der Tragödie, die mit mythologisch inspirierter Handlung vor vier Jahrtausenden spielt.

„Es geht um das Aufbegehren einer Einzelnen, von Antigone, gegen die Unmenschlichkeit des Herrschers Kreon und seiner Gesetze. Es geht um Moral und um Macht. Es geht um eine tragische Kettenreaktion, die schließlich in einer Katastrophe mündet“, beschreibt Thomas Bünten.

Die Gesellschaft will neu organisiert werden, nachdem der Krieg aus ist. Der neue König Kreon versucht das durch die Abgrenzung vom Feind: Polyneikes, der sich gegen Theben erhob, darf nicht bestattet werden.

Doch er hat die Rechnung ohne dessen rebellische Schwester Antigone gemacht. Sie stellt ihre Moralvorstellung über die Politik und handelt dem Gesetz zum Trotz.

„Ich bin im wahren Leben ganz anders als die Antigone, die trotzig, uneinsichtig und mutig ist“, sagt Inge Kühn über ihre Rolle. „Seitdem ich mich dieser Frau genährt habe, hat sich meine Einstellung zum Mut geändert.

Ich sage im Alltag viel öfter, was ich denke“, erklärt die Laien-Schauspielerin. Das geht vielen Schauspielern so, die wegen einer Rolle plötzlich Verständnis für eine gegenteilige Position als die eigene haben.

„Wir verändern nicht unser Naturell, aber wir spielen oftmals das Gegenteil, als uns eigen ist“, sagt Carmen Kahn. Für sie ist klar, was eine gute Schauspielerin kann: „Sie muss das Publikum entführen können.

Wenn der Zuschauer vergisst, wer er ist, in welcher Zeit er lebt, wenn die Schauspieler eine perfekte Illusion herstellen können, dann ist es gutes Theater.“

Dazu gehören viele Proben. „Normalerweise proben wir drei Stunden in der Woche. Dann lernen wir richtig zu sprechen. Wir lernen Gefühle auszudrücken, wie wir richtig gehen, wie wir uns in verschiedenen Stimmungslagen bewegen“, erzählt Sibylle Hirschler vom Ensemble. Dann wird Theater spielen zu einer Sucht. „In eine andere Rolle schlüpfen, gedankliche Schwellen überwinden, Erfahrungen sammeln, ausprobieren, das ist aufregend, spannend und schön“, urteilt Inge Kühn.

Seit den Osterferien probt die Theatergruppe zwei Mal wöchentlich. „Dieses Stück ist so zeitlos. Was ist stärker, der Zusammenhalt der Gesellschaft oder die persönliche Moralvorstellung? Wie weit darf der Staat in Persönlichkeitsrechte eingreifen? Und wann darf der Einzelne aufbegehren?“, fragt Regisseur Bünten. In andere Rollen schlüpfen – das ist eben Theater.

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