Ambulanter Hospizdienst: Auf dem letzten Weg begleitet

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Menschen auf dem letzten Weg zu begleiten, diese Aufgabe erfüllt der ambulante Hospizdienst.

Stolberg. Der ambulante Hospizdienst Eschweiler/Stolberg kümmert sich um Menschen, die kurz vor ihrem Tod stehen. Über einen konkreten Fall der Sterbebegleitung berichtet Irmgard Stiel.

Sie alle haben M. nicht gekannt. Dennoch möchte ich versuchen, mein Bild von ihr und ihrer Lebenssituation zu skizzieren. Ich war eineinhalb Jahre lang ihre Hospizbegleiterin. M., 92-jährig, lebte seit zwölf Jahren bei ihrer mittlerweile 65-jährigen alleinstehenden Tochter. Sie lag im Kinderzimmer der Drei-Zimmer-Wohnung in ihrem Krankenbett und blickte von dort aus in den Flur bzw. in die Küche. Aus dem Fenster schauen konnte sie nicht, dies ließ die räumliche Situation nicht zu.

Die Uhr hatte die Tochter entfernt, weil Mutter zwanzigmal am Tag nach der Uhrzeit fragte. Den Fernseher hatte man auch aus dem Raum geholt, weil die Seniorin männliche Gestalten immer als ihren 35-jährigen Enkel erkannte und in jeweiligen Filmsituationen auch entsprechend heftig reagierte. Besuch hatte sie nur wenig, außer sporadisch von ihrem in der Nachbarschaft lebenden Sohn. Seine Besuche waren kurz und drehten sich oft nur um das „Eine“ - Geld. Die 65-jährige Tochter widmete sich nahezu 24 Stunden täglich der Pflege der Mutter und es erschien mir so, als sei sie selbst am Rande ihrer Leistungsfähigkeit angelangt.

In Panik geraten

Wenn es M. nicht gutging, geriet ihre Tochter ständig derart in Panik, dass eigentlich ein zweiter Arzt zur Behandlung der Tochter notwendig war. Die Angst der Tochter vor einem wohlmöglichen Tod, nicht aber dem Verlust, der Mutter ließ das Nervenkostüm der Tochter fast zerspringen. Und genau in einer solchen Situation kam ich in diese Lebensgemeinschaft.

Sterbebegleitung ist eine Sonderform einer menschlichen Beziehung. Diese Beziehung entwickelt sich beinahe im Zeitraffertempo, weil die beiden Beteiligten wissen, dass ihre gemeinsame Zeit begrenzt ist. Aber allein durch dieses Wissen entsteht ja noch kein Vertrauen. Also brauchten auch wir, M. und ich, eine Brücke, um aufeinander zuzugehen. Diese Brücke war die gleiche, die der Fuchs dem Kleinen Prinzen in dem bezaubernden Märchen von Saint-Exupéry anrät, damit die beiden Freunde werden können: Du musst sehr geduldig sein, sagt der Fuchs - und M. hatte Geduld mit mir.

Feste Bräuche

Es muss feste Bräuche geben, rät der Fuchs - und die führten wir mit verbindlich festgesetzten Terminen ein, vor allem aber nahmen wir uns Zeit – ganz wie bei der Pflege der Rose des kleinen Prinzen. Weil die gemeinsam verbrachte Zeit Menschen füreinander kostbar macht, und so durfte ich mich, um im Bild des Märchens zu bleiben, sozusagen bei jeder Zusammenkunft ein wenig näher zu ihr setzen.

Wir sind durch sehr viele Kapitel ihres Lebens gewandert, beginnend mit ihrer Tätigkeit als Hausangestellte in einer wohlhabenden Aachener Fabrikantenfamilie, weiter über ihre sehr glückliche Ehe mit „meine juute Maaahn“ bis hin zum fast zwölfjährigen Zusammenleben mit der Tochter. Eigentlich kämpfte sie nicht ums Weiterleben, sie lag in ihrem Bett und wartete mal mehr und mal wenig geduldig auf ihren Todestag.

Eigentlich hatte sie auch gar keine Lust mehr, weil sie ganz genau spürte, wie ihre Kräfte sie nach und nach verließen und sie mehr und mehr hilfloser wurde. Dies hat sie mir bei meinen Besuchen ganz häufig klipp und klar und ohne Umschweife gesagt.

Mit der Zeit wuchs das gegenseitige Vertrauen, und um ihr Dasein mit Leben zu füllen, erzählte ich ihr Schönes und Fröhliches von meiner Familie, von meinem Mann und den Kinder und von meinem verrückten Hund. Sie wünschte sich so sehr, einmal mein Haus und meine Familie nebst Hund zu sehen. Das haben wir auch einmal geschafft. Es war frühlingshaft warm, überall blühten Osterglocken und Tulpen und M. war „gut drauf“. Gegen den heftigen Protest der Tochter beschlossen M. und ich, die Gegend zu erkunden. Wir machten uns also mit dem Rollstuhl auf den Weg, besuchten mein Zuhause, meine Familie und den Hund und fuhren dann über den Friedhof am Grab meiner Eltern vorbei zurück nach Hause. Überall bestaunte sie die Frühlingsblumen, die Bäume, schöne Pflanzen, also kurzum einfach alles.

Wundervolle Farben

Seither verging kein Gespräch, bei dem sie mir nicht von den wundervollen Farben der Natur berichtete. Sie hat diesen Ausflug so sehr genossen. Eine weitere „Spritztour“ war leider wegen ihres Allgemeinzustandes nicht mehr möglich. So könnte ich aber von vielen Besuchen berichten, in denen wir beide Lachen und Weinen geteilt haben. Sie war mir gegenüber sehr aufrichtig. Sie forderte von mir, ihr zu versprechen, bei ihr zu sein, wenn es denn einmal so weit sein sollte. Diesen Wunsch erfüllte ich ihr. Sie starb zu Hause, friedlich und ohne Schmerzen. Auch M.s Tochter hatte in vielen Gesprächen mit mir verstanden, dass ihre Mutter zu müde zum Weiterleben war, dass nichts Schlimmes passieren wird und dass die Welt sich auch dann einfach nur weiterdreht, wenn ihre Mutter nun stirbt. M. hat mich in meinem Herzen reich beschenkt.

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