Als es Tote beim Sturm auf das Aachener Polizeipräsidium gab

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Polizei-Hauptkommissar Manfred Huppertz an alter Wirkungsstätte in der Polizeistation in Stolberg. Hier war er einige Jahre tätig, hier stellte er jetzt auch sein Buch über die Polizeiarbeit in der Region der Öffentlichkeit vor. Foto: O. Hansen

Stolberg. Der Berufsalltag der Polizei ist in der Regel anstrengend, oft auch spannend. Gelegentlich haben die Beamtinnen und Beamten im Dienst aber auch Grund zum Schmunzeln. Alles dies hat der pensionierte Erste Kriminalhautkommissar Manfred Huppertz in seinem Buch „Geschichte und Geschichten der Polizei der Stadt und der Städteregion Aachen“ niedergeschrieben.

Auf über 300 Seiten hat Huppertz recht kurzweilig die Geschichte der Aachener Polizei von 1818 bis heute erzählt. Hierbei wird auch die Entwicklung der Polizei in Stolberg und Eschweiler ausführlich dargestellt. Über viele Epochen und Ereignisse der Aachener Polizei wird berichtet. So etwa über die Hungerunruhen und Separatistenbewegungen in den 20er Jahren und die nationalsozialistische Zeit, die deutlich dargestellt wird.

Aber auch Schmunzeln sei beim Schmökern im Buch angesagt, verspricht Huppertz im Gespräch mit unserem Redakteur Ottmar Hansen. Viele Begebenheiten aus dem Polizeialltag und die schönen kleinen Grenzgeschichten fordern den Leser zum Lächeln auf.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über ihre polizeiliche Arbeit und die Geschichte der Polizei in unserer Region zu schreiben?

Huppertz: Ich war 42 Jahre im Polizeidienst tätig. In dieser Zeit habe ich viel erlebt. Positives und Negatives. Unter anderem war ich auch im Bereich Öffentlichkeitsarbeit der Polizei tätig. In diesem Bereich habe ich viele Fotos gemacht. Die habe ich gesammelt und ein Archiv im Polizeipräsidium damit bestückt. Auch zu Hause stapelte sich das Material. Irgendwann kam mir dann die Idee, den einen oder anderen Einsatz sowie die Geschichte der Polizei in unserer Region festzuhalten und niederzuschreiben. Ich hatte einfach vor, einmal etwas aus dem vielen Material zu machen.

Wann haben Sie begonnen, das Buch zu schreiben?

Huppertz: Ab 1988 habe ich zunächst Heimatbücher geschrieben. Unter anderem das Buch „1125 Jahre Konzen“. An dem Buch über die Geschichte der Polizei von 1818 bis 2014 habe ich zuletzt etwa zwei Jahre geschrieben. Ich habe bei einer Feier im Polizeipräsidium den damaligen Polizeipräsidenten, Klaus Oelze, angesprochen, was er von der Idee halte, ein Buch über die Polizei in der Aachener Region zu schreiben. Er war restlos begeistert und hat mir dann eine Genehmigung ausgestellt, dass ich im Präsidium recherchieren konnte. Die Kollegen sollten mich dabei unterstützen.

Sie gehen zurück bis in das Jahr 1818.

Huppertz: Das ist die Zeit der Gründung der Königlichen Polizeidirektion. Aachen gehörte damals schon drei Jahre zum Königreich Preußen. Seine Polizeiverwaltung erhielt 1907 die Bezeichnung Königliches Polizeipräsidium.

Sie Schließen aber auch das Kapitel des Zweiten Weltkrieges nicht aus, das die Polizei nicht immer in einem guten Licht erscheinen lässt.

Huppertz: Ja. Vor allem die nationalsozialistische Zeit wird von vielen Autoren ja eher klein geschrieben. Aber meine Recherchen haben ergeben, dass der Polizeipräsident selbst an der Anzündung der Synagoge in Aachen beteiligt war und Plünderungen vorgenommen hat. In einem Kapitel geht es um die Vereidigung der Beamten und Soldaten der Wehrmacht. Beamte, die nicht auf der Parteilinie der NSDAP lagen, wurden entlassen. So stand mancher Familienvater in Diensten der Polizei vor der Wahl, kein Einkommen mehr zu haben und die Familie nicht mehr ernähren zu können, oder in die Partei einzutreten. Außerdem wurden die Kinder der Beamten gedrängt, in die Hitlerjugend einzutreten.

In einem Kapitel des Buches sind alle Polizeipräsidenten seit 1818 aufgelistet.

Huppertz: Die Liste beginnt mit Gerhard Dautzenberg über Friedrich Joseph Freiherr von Coels von der Brüggen über Georg Wilhelm von Lüdemann, Johann Contzen, Paul Fromme, Friedrich Bernhard Hubert Freiherr von Korff, Dr. Ludwig Scheuer, Dr. Arthur Drews, Carl Zenner, August Flasche, Hans Schefer, Wilhelm Weyer, Karl Wahle, Hans Wilhelm Tilgner, Friedrich Fehrmann, Heinrich Bönninghaus, Klaus Oelze, bis hin zum heutigen Polizeipräsidenten, Dirk Weinspach.

Im folgenden Kapitel beleuchten Sie den Aufbau der Polizeibehörde nach 1945.

Huppertz: Beginnend beim Verwaltungsbericht der Stadt Aachen aus dem Mai 1947 geht es über die anfängliche Unterbringung der Polizei im Lager Brand bis zur Aufgabentrennung von Polizei und Kommunalverwaltung. Auch der Ausrüstung der Polizei in den Nachkriegsjahren ist ein Kapitel gewidmet. Und dem Aufbau einer Kriminalabteilung. Es geht um die vielen Umzüge, die die Polizei im Raum Aachen verkraften musste. Die Einführung der Telefone in fast jedem Haushalt veränderte die Polizeiarbeit ebenfalls. Auch die Anzahl der Funkstreifenwagen wurde immer mehr erhöht.

Es geht im Buch auch um Großeinsätze der Polizei.

Huppertz: Einer war im Juni 2006, als US-Präsident Bill Clinton der Karlspreis verliehen wurde.

Haben Sie das Buch alleine geschrieben?

Huppertz: Rund 20 Mitautoren, darunter auch Kollegen, haben kleinere Geschichten zu der Veröffentlichung beigetragen. Das wäre alleine gar nicht zu leisten gewesen.

Wie sind Sie an ihre Informationen für das Buch gekommen, abgesehen von den Infos vor Ort?

Huppertz: Ich habe viele Bibliotheken in der Region aufgesucht. Unter anderem war ich auch im Landesarchiv in Duisburg. Aber, wie gesagt, das Buch beleuchtet auch einen Teil der Aachener Stadtgeschichte, der so noch nirgendwo festgehalten ist.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Huppertz: Abgesehen von den Vorgängen in der Reichskristallnacht. Ich habe zum Beispiel die Hungerrevolution von 1923 beleuchtet. Die Leute sind damals in ihrer Not auf die Felder gezogen, um sich dort etwas Essbares zu besorgen. Einige wurden verhaftet. Daraufhin gab es eine Revolte. Tausende zogen vor das Polizeipräsidium, um die Freilassung der Festgenommenen zu verlangen. Es gab einen Schusswechsel mit mehreren Toten und Plünderungen in der Stadt. Außerdem habe ich die Zeit beleuchtet, als Separatisten in Aachen die rheinische Republik ausriefen. Die Belgier waren nach dem Krieg die Besatzungsmacht in Aachen. Die Separatisten hatten alle wichtigen Gebäude in der Stadt bis hin zum Regierungspräsidium besetzt, nur nicht das Polizeipräsidium. Verbliebene Beamte machten daraufhin einen Regierungsrat namens Buhr bei einem geheimen Treffen zum Polizeipräsidenten. Der ließ die Gebäude von der Polizei stürmen und die Separatisten festnehmen. Doch dann kamen die belgischen Soldaten und nahmen ihrerseits die Polizisten fest. Das hat zu einem Aufschrei in der Welt geführt. Daraufhin haben die Franzosen die Belgier zurück gepfiffen, und die Separatisten mussten abziehen.

Sie waren 42 Jahre im Polizeidienst tätig. Da lag es nahe, auch die jüngere Vergangenheit nach dem Zweiten Weltkrieg in dem Buch zu beleuchten. Quasi aus eigener Erfahrung.

Huppertz: Ich habe 1965 im Schutzbereich I als Motorradfahrer auf Streife begonnen. Später war ich in der Kriminalitätsbekämpfung tätig. Von 1971 bis 1974 war ich auf der Stolberger Polizeiwache im Einsatz. Zeitweise auch in Simmerath und drei Jahre als Lehrer auf der Polizeischule in Linnich. Zuletzt hatte ich den Bereich Öffentlichkeitsarbeit für die Polizei übernommen. Im Rahmen dieser Tätigkeit kam dann viel des Materials für das Buch zusammen.

Ihre Nachkriegsberichterstattung beginnt im Jahr 1948, als die Polizei in Deutschland neu aufgebaut werden musste.

Huppertz: Es gibt in dem Buch Kapitel über die Neuorganisation der Polizei von 1948 bis in die jüngste Zeit hinein. So widmet sich ein Kapitel der Leitstelle „Robert“ im Wandel der Zeit. Der Aufbau der Kripo ist ebenfalls Thema. Die Polizeihunde kommen ebenso vor wie die Reiterstaffel oder der Polizeiarzt im Gefängnis.

Bei der Vorstellung Ihres Buches versprechen Sie auch Kapitel zum Schmunzeln. Polizeiarbeit ist ja eigentlich ein Knochenjob. Gibt es da überhaupt noch etwas, über das man lachen könnte?

Huppertz: Ja zum Beispiel die Geschichte des aufgegriffenen Mannes mit hohem Alkoholspiegel. Auf der Fahrt ins Krankenhaus zur Blutentnahme bat er, anzuhalten, um mal eben austreten zu können. Er hat dann auch tatsächlich sein Geschäft auf einer nahen Wiese erledigt. Der Aufforderung, wieder einzusteigen, kam er dann aber nicht nach. Er befinde sich nämlich jetzt auf belgischem Staatsgebiet. Und da sei er vor unserem Zugriff sicher. Wo der Mann Recht hatte, hatte er Recht. Die Beamten mussten dann ohne ihn weiterfahren. Ich habe auch schon Dienst im Beichtstuhl in der Kirche geschoben.

Aber es gibt vor allem spannende Geschichten. An manchen Fall werden sich unsere Leser sicher noch erinnern.

Huppertz: Im Buch geht es zum Beispiel um die Aufklärung einer Mordserie an Jugendlichen. In den 80er Jahren wurden fünf junge Frauen als Anhalterinnen mitgenommen und dann von einem fremden Täter getötet. Viele Jahre mussten die Eltern mit der Gewissheit leben, dass der Mörder ihrer Kinder noch frei herum läuft. Über eine DNA-Analyse konnten die Fälle dann im Jahr 2007 schließlich doch noch aufgeklärt werden. Der Angeklagte verbüßt zur Zeit seine Haftstrafe. Es geht im Buch außerdem um den Mord an den Geschwistern Spreeberg im Jahr 2003. Die beiden neun und elf Jahre alten Kinder waren in Eschweiler von ihren Eltern als vermisst gemeldet worden. Die Leichen der Kinder wurden später gefunden. Es ging um ein Sexualdelikt.

Damals wurden die Täter über eine DNA-Reihenuntersuchung gefasst. Das war in unserer Region auch noch nicht die Regel. Es gibt im Buch weitere Polizeigeschichten, die Furore machten. Zum Beispiel den Notruf aus der Bank für Gemeinwirtschaft, den Banküberfall auf die Commerzbank 1975. In einer Story geht es um eine Badewanne, in einer anderen um ein Geisterfahrzeug. „Juan Carlos bekommt ein Paket“ oder „Ida an Bord“. Auch das Königlich Bayrische Amtsgericht kommt im Buch vor.

Huppertz: Es geht eben um Fälle, die in unserer Region Kriminalgeschichte geschrieben haben. Und da ging es nicht immer um den üblichen Polizeialltag. Es gab auch genügend Fälle, in denen es nicht bierernst zuging.

Wer hat das Buch vor der Veröffentlichung gegengelesen?

Huppertz: Ein Freund aus dem Bundeskanzleramt hat das Buch Korrektur gelesen. Außerdem noch zwei Kollegen.

Hat es schon Reaktionen bei den Kollegen im Präsidium auf das Buch gegeben?

Huppertz: Die Reaktionen der Kollegen waren rundweg positiv, viele wussten gar nicht, dass es in Aachen solche Unruhen gegeben hat, in denen die Polizei so gefordert war.

Wie viele Exemplare haben Sie aufgelegt?

Huppertz: Zunächst einmal 200 Stück. Sollte das Buch rasch vergriffen sein, ist eine zweite Auflage aber kein Problem.

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