Stolberg-Donnerberg - Aktion „Augen auf“: Ex-Neonazi berichtet von seiner Vergangenheit

Aktion „Augen auf“: Ex-Neonazi berichtet von seiner Vergangenheit

Von: Christoph Hahn
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Beschönigte nicht die eigene Schuld: Mit Stefan Rochow trat einer der prominentesten Aussteiger aus der deutschen Neonazi-Szene bei der Reihe „Augen auf“ im Jugendheim St. Josef auf dem Donnerberg in Stolberg auf. Foto: Christoph Hahn

Stolberg-Donnerberg. Stefan Rochow kann erzählen. Das erste Wort gibt das zweite, und dann bricht ein wahrer Strom aus ihm heraus. Dabei sind die Geschichten des bulligen Mannes mit dem kahlen Schädel ganz und gar nicht angenehm zu hören.

Sie entführen den Zuhörer auch nicht in ein Märchenreich über den Wolken – im Gegenteil: Der heute „fast 40-Jährige“ war mal ein Neonazi, und dabei keine kleine Nummer, sondern unter anderem Bundesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der NPD.

Das alles und noch mehr erzählte der Vorpommer am Donnerstagabend im Zuge der Aktion „Augen auf!“ im Jugendheim St. Josef an der Höhenstraße auf dem Donnerberg. Der Bericht des Mannes, der einmal in die erste Reihe der braunen Szene gehört hat, fesselt die vielen Zuhörer, über die sich Organisator Jörg Beißel und seine vielen Mitstreiter an diesem Abend freuen können.

Er fesselt, weil er authentisch ist – und weil Rochow nichts beschönigt, ohne rhetorische Schnörkel erzählt und sich zum Schluss („Sie können mich alles fragen!“) ohne Vorbehalt der Männer und Frauen im Saal stellt.

Glaubwürdigkeit

Denn Stefan Rochow schaut hin, auch heute noch als Berater der Aussteiger-Organisation „Exit“, und nennt die Dinge beim Namen. Sein Publikum schlägt er von der ersten Minute in den Bann, schon weil er seinen eigenen Anteil nicht herunterspielt. Das sorgt für Glaubwürdigkeit.

Und während die Autos durch die anbrechende Nacht den Donnerberg hinauf und hinunter sausen, beginnt Stefan Rochow zu berichten, in die späten 80er und die 90er, jene Zeit, als die DDR in der einen großen Bundesrepublik aufging. „Kleine Cliquen“ seien das gewesen, die mehr an Musik als an Ideologie interessiert gewesen seien.

Derart sozialisiert, kam der aus einer evangelischen Familie stammende Greifswalder dann mit härter orientierten Kreisen in Berührung. Zwischendurch dann das Abitur und der Eintritt in eine Studentenverbindung. „Menschen aus der Mitte der Gesellschaft“, Rechtsanwälte zum Beispiel, habe er dort angetroffen. „Aber die waren mir nicht radikal genug.“ 1998 dann der erste Kontakt mit der NPD, schließlich eine Karriere als stellvertretender Wahlkampfleiter in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern sowie Zuarbeiter der Landtagsfraktion.

In Schwerin findet Rochow Kontakt zur katholischen Kirche. Sein braunes Welt- und Menschenbild zeigen zunehmend Risse. Und Menschen bekommen für den bis dahin überzeugten Vertreter einer kompromisslosen rechten Ideologie einen ganz anderen Wert, weit jenseits allen völkischen und rassistischen Denkens.

Doch noch etwas: Eine Messe mit dem sterbenskranken Papst Johannes Paul II. im Fernsehen brachte Rochow weiter auf den Weg. „Er hat mich mit seiner Hinfälligkeit stark berührt“, erinnert sich der Gast auf dem Donnerberg rückblickend. Detailliert schildert der Referent mit starkem Einsatz von Gestik seine Laufbahn.

Dabei schont er nicht die eigene Person und bekennt: „Ich habe eine Menschen verachtende Ideologie vertreten.“ Es ist diese Ehrlichkeit, die den Besuch in der Kupferstadt zum Erfolg macht. Stefan Rochow zeigt Gefühle und spielt die eigene Schuld nicht herunter. Das macht seinen Auftritt bei „Augen auf“ zum Erfolg.

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