Stolberg - Ahmet Ekin: „Kinder müssen ihren Aufgaben nachkommen“

Ahmet Ekin: „Kinder müssen ihren Aufgaben nachkommen“

Von: Nadine Tocay
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Ahmet Ekin, Vorsitzender des Integrationsrates, kümmert sich um die Belange der Migranten und vermittelt zwischen ihnen und der Stadtverwatlung. Foto: Nadine Tocay

Stolberg. Am kommenden Samstag endet die Fastenzeit der Muslime, der sogenannte Ramadan. Traditionell veranstaltet der Integrationsrat gemeinsam mit Vereinen und Organisationen ein Fastenbrechen für Menschen aller Religionen und Kulturen.

Was es mit dem Ramadan und Fastenbrechen auf sich hat, und um welche Dinge der Integrationsrat sich sonst noch kümmert, darüber sprach der Vorsitzende des Rates, Ahmet Ekin, mit unserer Volontärin Nadine Tocay.

 

Was sind eigentlich die Aufgaben des Integrationsrats?

Ahmet Ekin: Das ist ein Rat, den der Bundestag für die Kommunen ab einer bestimmten Einwohnerzahl vorgegeben hat. Früher war das der Ausländerbeirat. Wir kümmern uns um den Informationsfluss zwischen der Kommune und den Migranten oder Migrantenvereinigungen. Und wir helfen Migranten jeglicher Art, also egal ob türkisch oder arabisch, Moslem oder nicht Moslem, wenn sie Hilfe brauchen. Wir vertreten also so gesehen die Interessen der Migranten.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich dort zu engagieren?

Ekin: Wir haben hier einen Verein der türkischen mittelständischen Betriebe in Stolberg. Da war ich im Vorstand. Ich war auch jahrelang im Stadtmarketing Stolberg im Vorstand. Und irgendwann hat man mich zu einer Sitzung vom Ausländerbeirat eingeladen. Ich hab mich dann informiert, was das ist und warum es das gibt. Und dann ging ich zu dieser Sitzung, und die Leute, die dort saßen, die quasi mich vertreten sollten, waren eigentlich nicht in der Lage drei Worte miteinander auszutauschen. Da hab ich gesagt: Das kann ja nicht funktionieren. Um so etwas zu machen, muss man vor allem die Sprache beherrschen. Und die Leute, die dort saßen, die konnten zwar einkaufen gehen oder ihrem Arzt sagen: Mir tut‘s da weh, aber das war‘s dann auch schon. Und das hat mich dazu bewogen, mich aufzustellen.

Gibt es konkrete Ziele, die Sie mit dem Rat erreichen wollen?

Ekin: Woran wir schon sehr lange arbeiten: Wahlrecht für nicht EU-Mitglieder bei Kommunalwahlen. Obwohl ich seit vierzig Jahren in Stolberg lebe, kann ich nicht entscheiden, wer mein Bürgermeister wird, weil ich einen türkischen Pass habe. Und das ist meines Erachtens nicht in Ordnung. Das sollte man schleunigst ändern, aber das geht nur auf Landtagsebene. Da wurde bei uns im Stadtrat ein Antrag gestellt, der mehrstimmig beschlossen wurde und das haben wir weitergeleitet zum Landesintegrationsrat. Da wird dran gearbeitet. Wenn wir das durchkriegen, dass das geändert wird, wäre das eigentlich einer der größten Erfolge. Und wir arbeiten sehr viel mit Flüchtlingen. Wir hatten letztes Jahr im Ramadan einen Bus organisiert, der dreißig Tage lang Flüchtlinge vom Camp abgeholt und in die Vereine gefahren hat, und sie dann wieder eingesammelt und zurück ins Camp gebracht hat.

Sie haben gerade ein wichtiges Thema angesprochen: Ramadan. Warum wird eigentlich gefastet?

Ekin: Das ist ein muslimisches Ritual. Es ist eine der fünf Säulen, die den Islam tragen. Und jedes Jahr findet der Ramadan zehn Tage früher statt als im vorherigen, weil er nach dem Mondkalender berechnet wird. Er ist meistens 30 Tage lang, es gibt aber auch Jahre in denen er 29 Tage lang ist.

Und es heißt, dass während dieser Zeit der Koran herabgesandt wurde?

Ekin: Das ist eigentlich in den letzten fünf, sechs Tagen passiert. Das kann man nicht genau sagen. Deshalb sollte man diese Tage mit Beten verbringen.

Man darf während des Fastenmonats nur vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang essen. Steht man dann extra früher auf, um vor der Arbeit oder Schule noch essen zu können?

Ekin: Ja, klar. Um spätestens drei Uhr nachts hört das Essen auf. Und dann darf man bis abends nichts mehr essen und trinken. Man sollte dann in der Zwischenzeit seinen alltäglichen Aufgaben nachkommen. Es gibt aber Ausnahmen für Kranke oder schwer Arbeitende zum Beispiel. Das steht auch im Koran beziehungsweise in Lehrbüchern, dass man dann aussetzen darf. Besonders wenn ein Arzt sagt: Sie sind krank, sie müssen Medikamente nehmen. Dann sollte man es nicht tun. Es gibt aber viele Muslime, die das auf Biegen und Brechen durchziehen wollen und dann hat das natürlich gesundheitliche Folgen. Besonders bei heißem Wetter. Wenn sie nichts trinken, haben sie ein Problem. Besonders wenn sie zum Beispiel in einer Fabrik arbeiten müssen. Oder ein Busfahrer zum Beispiel, der ist - meines Erachtens – verantwortlich für zig Leute und deren Leben. Er kann nicht das Risiko eingehen, an so einem Tag nichts zu essen und zu trinken. Letztes Jahr hatte ich auch Kontakt zu einer Schuldirektorin, die meinte, sie hätte ein Problem. Sie sagte: Wir haben Kinder, die fasten und die schlafen uns im Unterricht ein. Da waren auch ein paar Schüler, die in Ohnmacht gefallen sind und die dann fast mit Gewalt ins Krankenhaus gebracht werden mussten wegen Austrocknung. Da habe ich ihr gesagt, dann muss sie das verbieten. Sowas gibt es überall, nur es wird nicht öffentlich zugegeben. Ich habe auch schon Leute gesehen, die umgefallen sind wie die Fliegen, sich aber geweigert haben Infusionen zu bekommen. Normalerweise, der Islam, den ich kennengelernt habe… da sagt der liebe Gott: Der Körper ist ein Material, das ich dir gegeben habe. Darauf musst du aufpassen. Du sollst ja nicht deinen Körper schädigen. Auch Kinder, Kinder müssen ihren Aufgaben nachkommen, Mathe lernen, Schwimmunterricht mitmachen und so weiter. Ich finde, man sollte sich auf die Schule und die Ausbildung konzentrieren.

Gibt es denn Alternativen zum Fasten?

Ekin: Ja, dann sollte man nach den islamischen Richtlinien für jeden Tag einem Armen das Abendessen und Nachtessen spendieren. Und dann haben Leute sich zusammengetan und man hat sich gefragt, wie viel kann das kosten. Und da wurde eine Summe festgelegt, in Deutschland sind das zum Beispiel zehn Euro. Das hat mit den Lebenshaltungskosten zu tun. Und dann zahlt man für die Zeit den Betrag, 300 Euro, und dann ist man laut Aussage von Theologen entbunden.

Gibt es spezielle Speisen, die morgens oder abends gegessen werden, die besonders sättigend sind?

Ekin: Eigentlich nicht. Meistens werden traditionelle Sachen gekocht. Also Süßspeisen gibt’s immer dabei. Und Joghurthaltige Speisen meistens, und ansonsten ganz normal. Und wenn man ein paar Tage gefastet hat, kann man sowieso nicht viel essen. Man denkt, die Leute haben 18, 20 Stunden nichts gegessen, die werden gleich zehn Portionen verdrücken- nein, nach einer Tasse Suppe ist man schon satt.

Wie wird das von Nicht-Muslimen angenommen, wenn Muslime fasten? Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Ekin: Früher hat man das mit Skepsis angesehen und gemunkelt. Heutzutage ist man so höflich, das man sein Gegenüber fragt, wenn man ihm was anbieten will, ob er fastet. Früher hat man ihn beschimpft: „Er isst nichts, er tut nichts.“ Das Verständnis, das Miteinander, das Verstehen, darüber Sprechen ist schon da. Noch nicht zu 100, aber es ist da.

Was hat es mit dem sogenannten Fastenbrechen auf sich?

Ekin:So wird das Abendessen während des Ramadans genannt. Normalerweise sollte man während des Ramadans – das ist eine Tradition – Leute einladen oder eingeladen werden. In der Türkei kann man das ganz gut praktizieren und hier machen Muslime das auch untereinander. Sie laden sich gegenseitig zu sich nach Hause ein, mittlerweile macht man das auch bei Vereinen, bei großen Organisationen. Bei Ditip zum Beispiel läuft das so: Da ist ein Topf, jeder tut da was rein und von diesem Geld wird das Abendessen dann bezahlt. Und dann kommen am Wochenende jeden Tag bis zu 400 Leute, die dort essen. Und da wird auch nicht geguckt, wer kommt. Da heißt es nicht, wer bist du? Ob Christ, Moslem, Jude, das ist egal. Der, der zu der Zeit kommt, setzt sich mit an den Tisch, isst und geht später wieder. Ich bin der Meinung, Integration kann nur durch miteinander Reden passieren, nicht in der Schule, nicht irgendwo. Sondern durch gegenseitiges Verständnis, Kommunikation und Interesse.

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