900 Menschen setzen ein deutliches Zeichen gegen Rechts

Von: Anja Klingbeil
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Gute Nachrichten verbreiten sich schnell: Um Punkt 15.50 Uhr am Samstagnachmittag macht eine besonders gute rasant die Runde. Die Neonazis sind wieder am Bahnhof und damit quasi bereits auf dem Weg nach Hause. Foto: Anja Klingbeil

Stolberg. Gute Nachrichten verbreiten sich schnell: Um Punkt 15.50 Uhr am Samstagnachmittag macht eine besonders gute rasant die Runde. Die Neonazis sind wieder am Bahnhof und damit quasi bereits auf dem Weg nach Hause.

„So zeitig waren sie noch nie raus der Stadt”, sagt Beatrix Oprée, Sprecherin des Bündnisses gegen Radikalismus. Und eigentlich sind sie in diesem Jahr auch nie richtig drin.

Der sogenannte Trauermarsch des braunen Lagers kommt nämlich gar nicht erst in die Innenstadt und auch nicht an den Ort jener Tat, die von den Neonazis seit Jahren für ihre Zwecke instrumentalisiert wird. Statt langweilig eintönig präsentiert sich die Stolbergs City bunt, fröhlich, gemeinsam und friedlich.

Rund 900 Teilnehmer hat das Bündnis für Radikalismus mobilisiert. Sie sprechen eine deutliche Sprache: „Stolberg hat keinen Platz für Neonazis.”

Schon früh am Morgen laufen auf dem Kaiserplatz die Vorbereitungen des Bündnisses und seiner zahlreichen Unterstützer. Infostände von Parteien, Vereinen und Institutionen werden aufgebaut. Statt braunen Gedanken gibt es leckeren Schokokuchen „frei nach dem Motto Braunies verputzen”.

Das Wetter kann die Stimmung nicht trüben: Weder Regen- noch Hagelschauer halten die vielen Menschen davon ab, so lange Gesicht zu zeigen, bis die Neonazis endlich wieder weg sind. Ein Gedanke eint sie: Ausländerfeindlichkeit und Rassismus lassen sich nur friedlich bekämpfen.

Für Toleranz, Menschenwürde und Gerechtigkeit setzt sich am Samstag eine große Menschenschar ein, unter ihnen auch der Eifeler Kabarettist Hubert vom Venn. Er spricht deutliche Worte: „Von glattrasierten Dummköpfen dürfen wir uns nicht regieren lassen.”

Bürgermeister Ferdi Gatzweiler ist stolz auf die kulturelle Vielfalt, die seine Stadt zu bieten hat. „Die Demokratie haben wir uns schwer erarbeitet, und wir müssen dafür kämpfen, dass sie erhalten bleibt, denn sie ist ein flüchtiges Gut„”, mahnt Gatzweiler eindringlich.

Dass in diesem Jahr nur noch rund 260 Neonazis aus ganz Deutschland angereist sind, wertet Gatzweiler als großen Erfolg. „Es kommen immer weniger. Und vielleicht kommen in zwei oder drei Jahren gar keine mehr”, hofft Ferdi Gatzweiler.

Da auch in anderen Kommunen Vertreter rechter Parteien in den Stadträten sitzen, ist die Solidarität für Stolberg aus der gesamten Städteregion Aachen groß. Das macht auch die stellvertretende Städteregionsrätin Christiane Karl deutlich: „”Vielfalt ist eine Chance, keine Bedrohung.”

Christiane Karl warnt davor, dass die scheinbare Harmlosigkeit der Ewiggestrigen die vielleicht größte Gefahr ist. Vorbei seien die Zeiten der Glatzen und Springerstiefel, heutzutage agierten die Rechten unter dem Deckmäntelchen der Familienfreundlichkeit. „Wir dürfen nicht vergessen, dass der rechte Terror in Deutschland eine neue Dimension erreicht hat. Die erschreckenden Morde an ausländischen Mitbürgern sind nur die Spitze des Eisbergs”, appelliert Christiane Karl an jeden Einzelnen, sich für Toleranz und Menschenwürde einzusetzen.

Rudi Bertram, Bürgermeister von Stolbergs Nachbarkommune Eschweiler, hat selbst leidvolle Erfahrung mit Neonazis hinter sich: „Wir konnten sie zum Glück aus Eschweiler vertreiben. Es ist schön, dass auch so viele Stolberger zeigen, dass sie die braune Brut nicht haben wollen.”

Klare Worte findet auch Musiker Carlos: „Die Menschen müssen aufeinander zugehen. Durch einen offenen Dialog und gegenseitiges Kennenlernen lassen sich Vorurteile abbauen”, sagt der Stolberger Gitarrist mit spanischen Wurzeln.

Mit ein paar Minuten Verspätung setzt sich am Nachmittag der Protestzug in Bewegung. Seinen Weg vom Kaiserplatz bis zum Jordanplatz markiert das längste Protestbanner der Welt. 1,20 Meter breit ist dieses Solidaritätsbanner, das vielfältige Schriftzüge und bunte Bilder zieren. Unzählige Gruppen, Schulen, Kindergärten und Jugendgruppen, Vereine, Organisationen und Parteien aus Stolberg und Umgebung haben daran mitgewirkt.

Weil in diesem Jahr wieder so viele Stücke hinzugekommen sind, dürfte es mittlerweile fast einen Kilometer lang sein. In voller Pracht wird es am Samstag allerdings nicht entrollt. Der Regen könnte die wasserlöslichen Bilder verwischen. Doch auch das Teilstück ist schon beeindruckend.

Angeführt wird der Demonstrationszug von Kulturmanager Max Krieger und seiner Jazzband. Swing, Jazz und Blues; die Musik, die unter dem Terrorregime der Nazis verboten war, schallt durch Stolbergs Straßen.

Das Bild stimmt fröhlich. Freundlichkeit, Respekt und friedliches Miteinander bestimmen diesen Gang über die Rathausstraße. Mittendrin Änne Bigge. Die Stolbergerin ist 78 Jahre alt, eine Zeitzeugin des Dritten Reichs, in dessen Namen Millionen von Menschen ermordet wurden. So etwas will Änne Bigge nie mehr wieder erleben.

Deswegen hat sie sich dem Protestzug angeschlossen. „Wir haben die Nazi-Zeit hinter uns, und wir hoffen, dass sie nie wiederkommt”, sagt sie. Ähnlich sieht das ihr Begleiter Albert Schnitzler, 78 Jahre: „Heute ist ein guter Tag. Dieser Demonstrationszug beweist, dass Stolberg immer mehr zusammenwächst.”

Halt macht der Zug am Jordanplatz. Zu diesem Zeitpunkt ist bereits klar: Der Marsch der Neonazis ist wenig aufregend und der braune Spuk wird bald vorbei sein. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren sehen sich friedliche Demonstranten und braunes Lager nicht.

Damit die Rechten dennoch ein deutliches Zeichen des Bündnisses erhalten, steigen am Jordanplatz hunderte Luftballons in den Himmel. Auch das die eindeutige Botschaft: Ihr seid hier nicht willkommen.

Die Vielfalt der Kulturen wird auch beim Programm auf dem Jordanplatz deutlich. Die Band des „Jump”-Projektes ist mit mehreren Aktiven auf der Bühne. Eine Gruppe türkischer Mädchen begeistert mit ihrem Tanz zu orientalischen Klängen.

Schnell finden sich Stolberger zusammen, die mittanzen. Danach zieht der Zug weiter bis zur Mühlener Brücke. Dort erreicht die Teilnehmer die gute Nachricht, kurz nach 16 Uhr löst Ferdi Gatzweiler die Versammlung auf.

Stolberg ist multikulturell, bunt, friedlich und tolerant; das hat die Stadt am Samstag eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
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