800 Menschen blicken hinter die Industriekulisse

Von: Dirk Müller
Letzte Aktualisierung:

Stolberg. Alle vier Jahre öffnet die Berzelius Bleihütte Binsfeldhammer (BBH) ihre Pforten an einem Tag der offenen Türe, und das Interesse an dem Standort, der eine der größten Bleihütten Europas beherbergt, ist enorm. Auch diesmal nutzten rund 800 Menschen die Gelegenheit, einen Blick hinter die Industriekulisse zu werfen, und erlebten dabei ein Novum.

Erstmals luden die Hütte und die benachbarte Biologische Station Städteregion Aachen gemeinsam zu dem Tag der offenen Türe ein. „Wir betreiben aktiv Naturschutz und die Bleihütte mit ihrem modernen Verfahren Umweltschutz, daher bietet sich die Zusammenarbeit unter Nachbarn an“, erklärte Conny Zimmermann von der Biologischen Station.

Auf dem Gelände der Naturschützer wurde einiges geboten: Äpfel von der stationseigenen Streuobstwiese konnten geschnitten, gehäckselt und zu frischem Saft gepresst werden, Kinder und Erwachsene konnten Nistkästen bauen, und eine Hüpfburg stand bereit.

Heidi Selheim, die Flussperlmuscheln züchtet, ermöglichte Interessierten den Blick durchs Mikroskop, die Künstlerin Anja Weinberg ließ live vor Publikum Skulpturen entstehen, großflächige Informationstafeln erläuterten die Tätigkeitsbereiche der Biologischen Station, und Führungen durch den naturnahen Garten der Biologischen Station wurden angeboten.

Ein Garten, der sich eigentlich auf BBH-Areal befindet, doch „die Bleihütte stellt uns das Gelände dankenswerter Weise kostenlos zur Verfügung“, führte Zimmermann aus. Eindrucksvolle Skulpturen aus Blei, Glas und Stein der Stolberger Künstlerin Annette Grösgen zierten die Rasenfläche zwischen der Biologischen Station und der Bleihütte, in der weitere Kunstwerke von Ernesto Marques und Sabine Harborth ausgestellt waren. Dort war auch der Kupferstädter Heimatforscher Friedrich Holtz mit von der Partie. Er hatte Stolberger Bodenschätze wie Zink- und Bleierze mitgebracht.

„Ich zeige und erkläre hier den Besuchern, dass die Bleihütte nicht zufällig hier steht“, sagte Holtz, der bereitwillig den Bogen vom erzhaltigen Boden zur einzigartigen Galmeiflora Stolbergs spannte und so die Symbiose „Blei und Bio“ beleuchtete. „Wir leben und arbeiten hier in und mit der Natur“, brachte Dr.-Ing- Urban Meurer, Geschäftsführer der BBH es auf den Punkt.

„Im positiven Sinne hauptverantwortlich dafür, dass wir so emissionsarm und energieeffizient produzieren, ist das innovative Herzstück unserer Anlage, der QSL-Reaktor“, beschrieb Meurer. In dem Aggregat wird das Blei in einem geschlossenen, zweistufigen Verfahren vom mitgeführten Schwefel und von der Schlacke entfernt.

Mit diesem umwelt- und ressourcenschonenden Verfahren gilt Berzelius in Stolberg als weltweiter Technologieführer in der Bleiproduktion. Staub-, Blei- und Schwefeldioxid-Emissionen seien, seit der QSL-Reaktor 1990 in Betrieb genommen wurde, um mehr als 80 Prozent gesenkt worden, sagte der Geschäftsführer.

Die Besucher des Tags der offenen Türe mussten aber zunächst ausstaffiert werden, bevor sie sich auf die Spuren von Blei, Silber und Co. machen konnten. Helm, Kittel, Atemmaske, Schutzbrille und Headset zur sicheren Verständigung waren Pflicht. In Gruppen zu je 20 Personen konnte jeder Gast dann an den Führungen teilnehmen, die ganztägig angeboten wurden.

Geleitet von den BBH-Profis folgten die Besucher dann dem Weg des Bleis, von dem ein großer Teil letztendlich in Starterbatterien unter den Motorhauben von Autos landet: Angefangen in der großen Anschlusshalle, in der die „Zutaten“ ankommen – allesamt per Bahn, denn die Bleihütte verfügt über einen eigenen Schienenanschluss.

Die angelieferten Konzentrate kommen aus Mitteleuropa, aber auch aus Skandinavien, Südamerika und Australien. Besonders interessant war bei den Führungen das „Herz der Hütte“, denn der QSL-Reaktor, benannt nach seinen Entwicklern (Queneau, Schumann und Lurgi), war auf „Stand-by“ positioniert, so dass die Gäste in das Innere der 30 Meter langen Röhre schauen konnten. Aber auch die Feinhütte barg für viele Besucher Überraschungen. Dorthin gelangt Blei mit einem Reinheitsgrad von bereits 98 Prozent.

In 24 Bleischmelzkesseln, der größten Bleiraffination Europas, wird das Blei Marke „Stolberg“ von seinen Begleitmetallen getrennt. Etwa von Kupfer oder dem sehr erwünschten „Abfallprodukt“ Silber. Mit einer Jahresproduktion von 340 Tonnen ist die BBH auf dem besten Weg, sich zur Silberhütte zu entwickeln. Trotzdem wird dort weiterhin ein Drittel des in Deutschland benötigten Bleis produziert – je nach Kundenwunsch mit einem Reinheitsgrad von bis zu 99,99 Prozent.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert